Rassismus gibt es überall: Jeden Tag werden Menschen angefeindet und schikaniert – und das oft nur wegen ihres Aussehens. Betroffene wünschen sich deshalb: Schaut nicht weg, hört hin und reflektiert, damit die Gesellschaft den Alltagsrassismus erkennt und überwindet.

Marius Jung war 14 Jahre alt, als ihn ein typischer Satz traf. Jung, 1965 in Trier als Sohn eines schwarzen US-Soldaten geboren, wollte sich beim Dorffriseur die Haare schneiden lassen. Doch die Frau im Haarstudio "Bei Uschi" hatte nicht viel für den schwarzen Jungen übrig. Ihr knapper Kommentar: "Das ist ja das Gleiche, als würde ich ein Schaf scheren."

Wusste die Friseurin einfach nichts mit den Haaren des jungen Marius anzufangen? Oder wollte sie ihn mit ihren Worten absichtlich verletzen? So nah die Fragen liegen, so unwichtig sind sie für den Kern der Bemerkung. Denn der ist eindeutig rassistisch.

Inzwischen ist Jung Kabarettist und Autor. Die Szene hat er in seinem Buch "Singen können die alle: Handbuch für Negerfreunde" festgehalten. Er hat seine Erlebnisse aufgeschrieben, um zu zeigen, wie schnell sich Rassismus überall einschleichen kann. Dabei kommt es eben nicht nur auf den glatzköpfigen Nazi an, der lauthals seine Parolen grölt, sondern auch auf vermeintlich harmlose Situationen. Denn Alltagsrassismus gibt es jeden Tag tausendfach – auf der Straße, beim Bäcker, in der U-Bahn. Aber wer schaut hin?

Nach vier Jahren fürchterlichem Krieg klagen Organisationen die UN an.

"Ach, sie sind Jude?! Sie sprechen aber gut Deutsch."

Vor anderthalb Jahren startet Kübra Gümüşay zusammen mit anderen die Netz-Kampagne "#SchauHin". Die 26 Jahre alte Journalistin und Medienberaterin trifft damit einen Nerv, binnen weniger Stunden wird Twitter mit unzähligen Zitaten überschwemmt. "Ach, sie sind Jude?! Sie sprechen aber gut Deutsch" oder "Schwarze können einfach besser trommeln und tanzen als wir Weiße. Das liegt denen im Blut", zählten da noch zu den harmlosen Kommentaren.

Würde man alle Sätze sammeln, ließen sich damit hunderte Seiten füllen. Sie machen deutlich: Den einen Alltagsrassismus gibt es nicht – er kennt viele Formen, offene und subtile, bewusste und unbewusste. Es kann ein Blick sein, eine Stimmung oder der Tonfall. Aber alle Formen haben etwas gemeinsam: Sie offenbaren, wie Menschen in Schubläden denken, wie sie Nationen, Ethnien oder Kulturen in Kategorien einordnen, die von Rassismus geprägt sind.

"Es ist leichter, strukturellen Rassismus zu sehen und darüber zu sprechen. Aber die subtile Form wird häufig nur belächelt", sagt Gümüşay. Struktureller Rassismus ist etwa, wenn Polizisten zielgenau den einzig arabisch aussehenden Mann im Zugabteil kontrollieren. Subtiler ist da schon der scheinbar zufällige Rempler auf der Straße. Aber mit Zufällen hat Rassismus nichts zu tun.

Wie Rassismus auf Betroffene wirkt

Gümüşay kennt selbst viele dieser Beispiele. Wegen ihres Kopftuchs wurde sie schon als "Schleiereule" beschimpft, vor wenigen Tagen lobte sie wieder jemand für ihre gutes Deutsch. #SchauHin steht erst am Anfang. "Wir kennen das Wort Alltagsrassismus, aber wir müssen es auch als Gesellschaft problematisieren", sagt die Initiatorin. Dabei helfen sollen seit Jahren zum Beispiel die Internationalen Wochen gegen Rassismus, die an diesem Montag wieder beginnen.

Was aber ist witzig gemeint, was schon rassistisch – und wo verläuft die Grenze? "Ich möchte gar keine klaren Grenzen ziehen, das würde den gesellschaftlichen Wandel nur starr und lethargisch machen. Viel wichtiger ist Lernbereitschaft", betont Gümüşay. Wer auf Rassismus hingewiesen werde, solle das als Chance zum Reflektieren verstehen. Wichtig sei vor allem, wie ein Satz bei den Betroffenen wirke, welche Gefühle er auslöse.

Jeder muss aufklären – nicht nur die Opfer

Aber Gümüşay ist auch überzeugt: "Es dürfen nicht die Betroffenen für die Aufklärung verantwortlich sein – sondern wir alle." Es sei traurig für eine Gesellschaft, diese Verantwortung allein auf die Opfer abzuwälzen. Um Alltagsrassismus zu besiegen, müsse jeder hinhören – und Zivilcourage zeigen.

Gümüşay erzählt von einer Freundin: Als diese im Zug kontrolliert wird, steht plötzlich ein Mann auf und verlangt von den Polizisten, auch ihn zu überprüfen. Die Beamten wollen den Mann abwimmeln, doch er besteht darauf: "Sie kontrollieren nun auch meinen Pass." Dabei müsse es gar nicht immer die große Geste sein. "Schon kleine Handlungen können viel bewegen", sagt Gümüşay. Ein Kopfschütteln oder ein kurzer Kommentar reichten manchmal aus, um klar zu machen: Hier läuft etwas falsch. Um Solidarität zu beweisen.

Darauf konnte der 14-jährige Marius Jung bei seinem Friseurbesuch nicht hoffen. Mehr als 35 Jahre ist das her, doch Jungs Fazit gilt damals wie heute: "Erst wenn Menschen nach dem beurteilt werden, was sie sind, und nicht nach ihrer Hautfarbe, sind wir einen echten Schritt weiter."