Altkanzler Gerhard Schröder (SPD) hat Politik und Wirtschaft vor einer Konfrontation mit Russland gewarnt und zu mehr Dialogbereitschaft aufgerufen. Am Mittwoch soll der Altkanzler in Rostock eine Rede halten, in dieser will Schröder unter anderem auf die Ukraine-Krise und die Beziehung zu Russland eingehen. Das berichtet die "Bild"-Zeitung, der die Rede von Schröder vorliegt.

"Dialog bedeutet nicht Kritiklosigkeit", heißt es in seiner Rede, die Gerhard Schröder am Mittwoch beim Russlandtag der Wirtschaft in Rostock halten wird, wie die "Bild"-Zeitung berichtet. "Nur wer miteinander spricht und wer zuhört, der kann die Position des anderen verstehen, auch wenn er sie vielleicht nicht teilt", sagte Schröder.

Das deutsch-russischen Verhältnis vergleich der Ex-Kanzler mit dem deutsch-französischen und betont, "dass Verständigung und Versöhnung möglich sind - auch wenn vor wenigen Jahrzehnten Gräben unüberwindbar erschienen." Gemeinsame Projekte seien allemal besser, "als ständig den Zeigefinger zu erheben und der anderen Seite ein vermeintlich falsches Geschichtsbild und einen falschen Wertekanon vorzuwerfen." Er fügt hinzu: "Wir sollten Brücken zwischen unseren Völkern schlagen und Vertrauen schaffen. Dieses Vertrauen - die Währung in den internationalen Beziehungen - ist erschüttert." Das hätte nicht nur mit den aktuellen Ereignissen zu tun, sondern wäre ein längerer Prozess, der nicht einseitig ist.

Gerhard Schröder: "Stehe dazu, Russland verstehen zu wollen"

Nur am Rande streift Schröder auch die Ukraine-Krise: "Jede Spirale von Drohungen, auch von Gewalt, kann durch politisches Handelns durchbrochen werden. Und es ist Aufgabe der heute in politischer Verantwortung Stehenden in Europa, der Ukraine und Russland, dies mit diplomatischen Mitteln zu erreichen." Er lobt die Politik seiner Nachfolgerin, Kanzlerin Angela Merkel, und Außenminister Frank-Walter Steinmeier: Das Bemühen, den Gesprächsfaden mit Moskau nicht abreißen zu lassen, sei sehr hoch einzuschätzen.

Schröder kritisiert zugleich die EU-Sanktionen gegen Russland. Die gegenseitigen Sanktionen würden seiner Ansicht nach beiden Seiten immens schaden. Positiv sieht der ehemalige Bundeskanzler hingegen langfristigen Aussichten Russlands auf eine Mitgliedschaft in der EU: "Eine engere Anbindung Russlands an die Strukturen der EU sollte in einer langfristigen Perspektive auch eine völkerrechtliche Qualität besitzen."

Auf den gegen ihn erhobenen Vorwurf eines "Russland-Verstehers" sagt er: "Ich stehe dazu, dass ich Russland, seine Menschen und seine politische Führung verstehen will. Ich schäme mich dafür nicht, im Gegenteil: Ich bin stolz darauf." (kab)