Die Polizei geht derzeit im ganzen Bundesgebiet gegen mögliche Terroristen und islamistische Gruppen vor. Erst am Dienstagmorgen gab es eine Razzia in Bremen. Doch was sind Salafisten, wo sind sie in Deutschland besonders aktiv? Und wie groß ist die Gefahr, die von ihnen ausgeht?

In Deutschland soll es nach Angaben des Verfassungsschutzes insgesamt rund 44.000 Islamisten geben. Sie bilden allerdings keine einheitliche Gruppe.

"Allen Ausprägungen gemeinsam ist der Missbrauch der Religion des Islam für die politischen Ziele und Zwecke der Islamisten", meint das Bundesamt für Verfassungschutz (BfV). Tatsächlich befürwortet nur eine Minderheit der Islamisten Gewalt.

Die größte Gefahr geht von den Salafisten aus. Deren extrem konservativen Gruppen hatten in den vergangenen Jahren großen Zulauf.

2011 rechnete der Verfassungsschutz noch mit 3.800 Personen in dieser Szene. Im Juni 2015 zählten sie etwa 7.500 Anhänger, im Dezember sprach BfV-Präsident Hans-Georg Maaßen bereits von 8.350 Salafisten, Tendenz steigend. Dies wird auch auf den andauernden Krieg in Syrien und das Erstarken des sogenannten "Islamischen Staats" (IS) zurückgeführt.

Was sind Salafisten?

Salafisten, erklären Islamwissenschaftler, sind davon überzeugt, den einzig wahren islamischen Glauben zu haben und dulden nur ihre eigene Auslegung als Wahrheit. Geprägt ist der Salafismus vom Wahhabismus, einer Lehre, die sich an der Frühzeit des Islam orientiert. Es ist die Staatsreligion von Saudi-Arabien.

Die Salafisten wollen Staat und Gesellschaft nach ihren Vorstellungen umgestalten. Demokratie, Freiheit und Grundrechte, wie sie in Deutschland gültig sind, haben darin keinen Platz.

Ihre Propaganda verbreiten sie vor allem im Internet und bei PR-Aktionen wie der "Scharia-Polizei" in Wuppertal oder dem "Lies"-Projekt, mit dem sie Interessierte mit einer kostenlosen Koran-Ausgabe anlocken und in ihren Bann ziehen wollen.

Teilweise tarnen sie sich als Hilfsorganisationen, wie das inzwischen aufgelöste "Bremer Hilfswerk e.V."

Die meisten betreiben zwar einen rein politischen Salafismus, der auf die Verbreitung ihrer radikalen Lehre abzielt. Den Aufruf zur Gewalt oder die tatsächliche Ausübung von Gewalt werde jedoch "aus taktischen Gründen" in Deutschland eher vermieden, so der Verfassungsschutz.

Daneben gebe es aber auch die jihadistischen Salafisten, die den Einsatz von Gewalt rechtfertigten. Beide Gruppen tragen zur Radikalisierung bei, zudem sind die Übergänge zwischen ihnen fließend.

Insgesamt geht der Verfassungsschutz derzeit von 1.100 gewaltbereiten Islamisten aus. 430 Personen werden als gefährlich eingeschätzt. Diese sogenannten "Gefährder" könnten jederzeit eine Straftat begehen, berichtete BfV-Präsident Maaßen im Dezember dem MDR.

Etwa 750 Islamisten sollen bereits nach Syrien und Irak ausgereist sein. Mindestens 120 von ihnen seien dort gestorben, heißt es in Berichten des Verfassungsschutzes. Ein Drittel ist nach Deutschland zurückgekehrt, teilweise desillusioniert. Andere aber könnten weiteren Nachwuchs rekrutieren oder Anschläge planen, glaubt das BfV.

Besonders großen Zulauf finden die Salafisten dort, wo die Perspektivlosigkeit insbesondere junger Migranten groß ist. Oft leben sie in Stadtvierteln, die als sozialer Brennpunkt gelten. Da viele Salafisten über Freunde und Bekannte in die Szene geraten, spielen bereits existente Netzwerke in den Städten eine wichtige Rolle, weiß der Verfassungsschutz.

Auch ein charismatischer Anführer oder Prediger kann das Entstehen einer islamistischen Szene in einem Ort bewirken – wie der Österreicher Mohamed Mahmoud, der die im Mai 2012 verbotene Organisation "Millatu Ibrahim" in Solingen gründete. Sie wirkt in Deutschland bis heute nach, obwohl sie im Juni 2012 verboten wurde.

Berlin ist die Hochburg der Salafisten

690 Salafisten sollen in Berlin leben, gab Innensenator Frank Henkel (CDU) kürzlich bekannt – das sind mehr als in ganz Bayern. Damit gilt die deutsche Hauptstadt als eine Hochburg der Salafisten.

Etwa die Hälfte von ihnen wird als gewaltorientiert eingestuft. Eine Besonderheit in Berlin ist der hohe Anteil an Islamisten mit Wurzeln aus dem Kaukasus wie Tschetschenien oder Dagestan.

Mehr als 100 Berliner Extremisten sind den Behörden zufolge bereits nach Syrien und dem Irak ausgereist. Darunter ist auch der Rapper Denis Cuspert, der zusammen mit dem Prediger Mahmoud viele Jugendliche für sich begeistern konnte. Ob er noch am Leben ist, darüber gibt es widersprüchliche Angaben.

Polizei durchsucht Salafistenverein und Räume mutmaßlicher IS-Anhänger.

Mehr als ein Viertel der Salafisten in Deutschland, etwa 2.500 Menschen, lebt in Nordrhein-Westfalen. Davon seien 500 gewaltbereit, erklärte Innenminister Ralf Jäger im November 2015. Städte mit einer aktiven salafistischen Szene sind Solingen, Bonn, Dinslaken, Aachen, Wuppertal und Mönchengladbach.

Hessen gehört neben Berlin und NRW zu den Bundesländern mit der größten Zahl an Salafisten. Hier waren es 1.600 Personen im Sommer 2015. Auch Bremen und sein Viertel Göpelingen haben eine große salafistische Szene. 360 Unterstützer sollen in der Stadt leben.

Im Verhältnis zur Einwohnerzahl ein besonders hoher Anteil. In Niedersachsen ist die Zahl der Salafisten Behördenangaben zufolge im vergangenen Jahr besonders stark angestiegen – von 100 auf 500 Personen.

Sinnsucher als Zielgruppe der Salafisten

Die Zielgruppe der Salafisten sind vor allem junge Männer unter 30 Jahren. Diese sind überwiegend muslimisch-stämmig der zweiten, dritten oder vierten Einwanderergeneration. Etwa zehn Prozent der Salafisten sind Konvertiten. Deutsch ist die Hauptsprache.

Oft haben diese wenig Islam- und Arabischkenntnisse. Die Salafisten bieten ihnen ein Ventil für Frust und Aggression, weiß etwa Islamwissenschaftler Dr. Jochen Müller, der unter anderem auch für die Bundeszentrale für politische Bildung arbeitet.

Ihr einfaches Weltbild mit einer festen Ordnung gibt Sinnsuchenden Halt. Mit einem professionellen Marketing in den sozialen Netzwerken sprechen die Extremisten ihre Zielgruppen emotional an.

Sie betonen ihre eigene moralische Überlegenheit und werten Andersdenkende ab. Damit gelinge es dem Salafismus "vor allem Konvertiten und nicht-praktizierende Muslime zu beeindrucken", sagt der Verfassungsschutz. Gerade auch bei benachteiligten und ausgegrenzten Jugendlichen haben die Extremisten Erfolg.

Salafistische Verbände versuchten vereinzelt, auch unter den Flüchtlingen zu werben. Besonders minderjährige unbegleitete Flüchtlinge seien ein potenzielles Ziel, so BfV-Präsident Maaßen. Der Verfassungsschutz empfiehlt Flüchtlingsheimen daher gezielte Gegen- und Sicherheitsmaßnahmen.

Auch der Verfassungsschutz warnt vor dieser Gefahr, verweist aber auch darauf, dass Anschläge wie in Paris oder in Kopenhagen zu Beginn des Jahres 2015 von Tätern begangen wurden, die sich bereits im jeweiligen Land befanden und in keinem Zusammenhang mit den Flüchtlingen standen.

Inzwischen wurden zahlreiche Projekte und Netzwerke gegründet, die sich gegen die Vereinnahmung der potenziellen Zielgruppen von Salafisten wenden.

Seit April 2015 gibt es beispielsweise ein "Deradikalisierungsnetzwerk Berlin". Auch muslimische Verbände reagieren. So arbeiten bereits viele Moscheen mit den Sicherheitsbehörden zusammen.