Kobane (dpa) - Angesichts des drohenden Falls von Kobane steht die Türkei mit ihrer abwartenden Haltung in der Kritik. Soll Ankara Bodentruppen schicken? Das verlangen nicht einmal die Verteidiger Kobanes.

Mit Luftangriffen allein ist die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) im Irak und in Syrien nicht zu stoppen. Darüber besteht in der Anti-IS-Koalition Konsens. Ebenso einmütig weigern sich die beteiligten Staaten, Bodentruppen in die Schlacht zu schicken. Kann man vor diesem Hintergrund eben dieses von der Türkei verlangen?

Was ist die Rolle der Türkei?

Kein Land steht mehr unter Druck als die Türkei, gegen den IS zu handeln. Einige westliche Kritiker gehen angesichts der abwartenden Haltung Ankaras so weit, die Bündnisfähigkeit des Nato-Partners infrage zu stellen. Die Fernsehbilder mit türkischen Panzern an der Grenze, deren Besatzungen tatenlos dem Kampf um Kobane zusehen, tragen zusätzlich zum schlechten Image der Türkei bei. Darüber geht in der erhitzt geführten Debatte gelegentlich verloren, dass weder die Kurden in Syrien noch die Kurden in der Türkei den Einsatz türkischer Bodentruppen fordern - ganz im Gegenteil: Sie befürchten eine Besetzung der kurdischen Autonomiegebiete in Syrien durch das Militär. US-Medien weisen zudem darauf hin, dass die Regierung in Washington dem Morden im syrischen Bürgerkrieg dreieinhalb Jahre lang kaum Einhalt gebot - nun aber besonders großen Druck auf die Türkei ausübt.

Was könnte die Türkei tun?

Ankara ist militärisch aktiv geworden - doch nicht gegen den IS.

Sie könnte die Forderung der Kurden nach einem Korridor für die Volksschutzeinheiten aus Enklaven östlich und westlich Kobanes erfüllen - zeigt dazu aber bislang keine Bereitschaft. Die Volksschutzeinheiten sind mit der PKK verbunden, die die Regierung nach eigenem Bekunden für ebenso gefährlich wie den IS hält. Die Türkei könnte dem Anti-IS-Bündnis Stützpunkte wie die Luftwaffenbasis Incirlik für Angriffe in Syrien zur Verfügung stellen, worüber verhandelt wird. Prinzipiell ist die Regierung nach ihren Worten auch bereit, Bodentruppen zu entsenden - aber nicht allein und nur als Teil einer umfassenden Strategie. Diese Strategie muss aus Sicht der Türkei den Sturz des syrischen Machthabers Baschar al-Assad umfassen, den Ankara für den blutigen Bürgerkrieg im Nachbarland verantwortlich macht. Die Türkei fordert zudem die Errichtung einer Schutz- und einer Flugverbotszone in Syrien.

Was sind die nächsten Ziele von IS?

In Syrien dürften sich die Dschihadisten nach einem Fall Kobanes an die Eroberung der beiden anderen kurdischen Enklaven machen. Denn damit würden sie ihre Machtposition an der türkischen Grenze weiter festigen. Potenziell bedroht sind damit die Stadt Afrin im Nordwesten und Al-Kamischli im Nordosten Syriens.

Was bedeutet die Einnahme von Teilen der Provinz Anbar im Irak?

Das westirakische Provinz Anbar ist strategisch wichtig, weil sie zwischen Syrien und der irakischen Hauptstadt Bagdad liegt. Die IS-Kämpfer waren schon Anfang des Jahres von der syrischen Provinz Rakka aus nach Anbar vorgerückt, wo sie sich am Euphrat entlang vorkämpften und mit Hilfe lokaler sunnitischer Stammeskämpfer Waffendepots der irakischen Armee eroberten. Ein Ziel der Dschihadisten ist Bagdad. Die Hauptstadt ist auch ein religiöses Symbol: Sie war die Hauptstadt des Kalifats während der Abbasiden-Zeit (750 bis 1258).

Wie weit entfernt sind die Dschihadisten von Bagdad?

In der Provinz Anbar sind die IS-Extremisten bereits bis nach Abu Ghoreib vorgerückt - etwa 40 Kilometer von Bagdad entfernt. Trotz internationaler Luftschläge konnten sie jüngst auch in die Provinzhauptstadt Ramadi vordringen. Auch von Norden her rückten die Dschihadisten bis zur Region Bakuba vor, also etwa 50 Kilometer an die Hauptstadt heran.

Warum kriegt die irakische Armee die Lage nicht in den Griff?

Das irakische Militär ist nur bedingt schlagkräftig. Nach dem Sturz von Saddam Hussein 2003 entschieden die USA, die gesamte Armee aufzulösen. Iraks Regierung baute zwar eine neue Truppe auf, ihr fehlt es aber an Erfahrung. Viele mit dem Saddam-Regime verbundene Offiziere kämpfen heute an der Seite der Dschihadisten. Als der IS seine Offensive begann, gab es kaum Gegenwehr. Einfache Soldaten - unterbezahlt und als Sunniten der damals von Schiiten dominierten Regierung nicht unbedingt wohlgesonnen - flüchteten. Hinzu kommt, dass die Dschihadisten ständig ihre Standorte wechseln. Zudem mischen sich die Kämpfer in den Städten unter die Zivilbevölkerung.