Die Wahllokale in Schottland sind geschlossen, das Referendum über die Unabhängigkeit ist entschieden - jetzt wird ausgezählt und gewartet. Die historische Abstimmung hat Folgen weit über Großbritannien hinaus.

Edinburgh (dpa) - Schottland hat in einer historischen Entscheidung über eine Unabhängigkeit von Großbritannien abgestimmt. Nachdem die Wahllokale am Donnerstag um 22:00 Uhr Ortszeit (23:00 Uhr MESZ) geschlossen wurden, begann auch international das Warten auf das Ergebnis der Abstimmung. Ein "Yes" zur Unabhängigkeit hätte erhebliche Auswirkungen etwa auf den britischen Finanzmarkt, die Europäische Union und die Nato.

"Ich hoffe, dass Großbritannien vereint bleibt", schrieb US-Präsident Barack Obama auf Twitter. Die Befürworter der Union warben mit dem Argument, dem ölreichen Schottland werde es allein besser als in der Gemeinschaft Großbritanniens gehen. Zudem wollen viele der mehrheitlich sozialdemokratisch orientierten Schotten nicht weiter von London aus regiert werden. Schottland genießt bisher nur Teilautonomie innerhalb Großbritanniens. Das Lager der Unionisten warnte vor allem vor ökonomischer Unsicherheit, die die Aufkündigung der mehr als 300 Jahre alten Union mit England haben könnte.

In den 32 Stimmbezirken begann am späten Abend die Auszählung. Mit ersten Ergebnissen wird am frühen Freitagmorgen gerechnet, ein Endergebnis soll gegen 8:00 Uhr (MESZ) verkündet werden. Die Abstimmung verlief weitgehend friedlich. Es gab zwei Festnahmen im Umreis von Wahllokalen, einer Frau und einem Mann werden Übergriffe vorgeworfen.

Von den Shetland-Inseln bis zur Hauptstadt Edinburgh mobilisierten beide Lager zum Ende des Wahlkampfes noch einmal alle Kräfte. Bis zum späten Abend waren Helfer der Kampagnen auf den Straßen unterwegs, verteilten Flyer und versuchten, die letzten Unentschlossenen zu einem "Yes" oder "No" zu bewegen. Die Frage der Unabhängigkeit hatte das schottische Volk in den vergangenen Wochen wie kaum eine andere politische Entscheidung zuvor elektrisiert. Die Wahlleitung in Edinburgh erwartete eine in der Geschichte Schottlands noch nie dagewesene Wahlbeteiligung von mehr als 90 Prozent.

Bundeskanzlerin Angela Merkel wollte sich zu internen britischen Angelegenheiten nicht äußern. In der Europäischen Union wird die Tendenz zur Kleinstaaterei in Europa kritisch gesehen - vor allem in Ländern wie Spanien, Italien und Belgien, wo es ebenfalls regionale Unabhängigkeitsbestrebungen gibt.

"Sieg für die Demokratie"

Die Meinungsforscher haben bis zum Schluss ein Kopf-an-Kopf-Rennen vorhergesagt. Allerdings ergaben die letzten Erhebungen einen kleinen Vorsprung für das "Nein"-Lager, das die Union mit Großbritannien fortsetzen will. Premierminister David Cameron hatte erklärt, Großbritannien "sei die erfolgreichste Familie von Nationen auf der Welt." Zerbräche diese Union, würde es ihm "das Herz brechen".

Britische Kommentatoren sahen wegen des großen Interesses und der durchdringenden politischen Debatte unabhängig vom Ausgang einen "Sieg für die Demokratie". Für den Fall, dass sich die Schotten mehrheitlich für die Unabhängigkeit entscheiden sollte, befürchten Experten schwere Turbulenzen auf den Finanzmärkten und einen Absturz des britischen Pfunds. Ungeklärt ist, mit welcher Währung in Schottland künftig bezahlt werden soll und wie die britischen Staatsschulden aufgeteilt würden.

In Großbritannien wird im Fall eines "Ja-Votums" eine massive Regierungskrise befürchtet. Mitglieder der eigenen Fraktion haben den konservativen Premier Cameron zum Rücktritt aufgefordert, sollte ein Drittel der Landesfläche wegbrechen. Cameron sagte mehrfach, sein Name stehe in Schottland nicht auf dem Stimmzettel. "Über meine Zukunft wird bei der nächsten Parlamentswahl entschieden", sagte er in der BBC.

Der Premier war im Wahlkampf, aus dem er sich zunächst weitgehend herausgehalten hatte, stark unter Druck geraten. Ihm wird vorgeworfen, die Unabhängigkeitsbewegung nicht ernst genommen und die Gefahr einer Abspaltung unterschätzt zu haben. Sein Last-Minute-Versprechen, Schottland eine weitere Autonomie zu gewähren, stößt in weiten Teilen Englands auf Kritik.© dpa