Monica Lewinsky, Gennifer Flowers, Paula Jones: Bill Clintons Sex-Affären schienen fast vergessen. Doch jetzt werden sie zur gefährlichen Wahlkampf-Munition gegen seine Ehefrau Hillary. Donald Trump legt schon los.

Die Vergangenheit meldete sich per Twitter zurück. "Ich war 35 Jahre alt, als mich Bill Clinton, Justizminister von Arkansas, vergewaltigte und Hillary versuchte, mich zum Schweigen zu bringen", war auf dem Kurznachrichtendienst zu lesen. "Ich bin jetzt 73... es geht nie weg."

Hinter dem Twitter-Kürzel @atensnut verbarg sich Juanita Broaddrick, eine ehemalige Altenpflegerin, die Präsident Bill Clinton schon 1999 der Vergewaltigung beschuldigt hatte.

Der Vorwurf ging damals unter.

Doch nun, da Clintons Ehefrau Hillary fürs Präsidentenamt kandidiert, ist er wieder da.

Anfang Januar schaltete sich Broaddrick mit ihrem heiß diskutierten Tweet in den US-Vorwahlkampf ein: "Ich habe zu lange geschwiegen", sagte sie der Polit-Website "The Hill".

Hillary Clintons Kandidatur habe sie zur Rückkehr ins Rampenlicht bewegt.

Ach ja, und auch das: Dieser Tage unterstützt Juanita Broaddrick den Pöbel-Republikaner und potenziellen Clinton-Rivalen Donald Trump.

Broaddrick steht nicht alleine. Plötzlich sind noch andere Frauen aus der skandalgeplagten Clinton-Ära wieder in den US-Schlagzeilen.

Alte Namen und alte Laster - fast vergessen, nie vergeben. Es sind auch diese Debatten, die Hillary Clintons Wahlkampf derzeit so belasten und einen Vorgeschmack geben auf einen schmutzigen Sommer.

Kandidaten für US-Präsidenten-Rennen greifen sich in TV-Debatte an.

Clintons Ausschweifungen sind nur scheinbar ein Relikt der Neunzigerjahre.

Dass sie nun wiederkehren, war wohl nur eine Frage der Zeit - zumal sich Hillary Clinton jetzt als eine "stolze, lebenslange Kämpferin für Frauenrechte" empfiehlt.

Die Republikaner wittern eine Chance, der Demokratin Schaden zuzufügen - über die eigentlich abgehakten Indiskretionen des Ex-Präsidenten, die sie duldete, wenn nicht gar deckte.

Juanita Broaddrick warf Bill Clinton vor, sie 1978 während seines Gouverneurwahlkampfs in Arkansas vergewaltigt zu haben.

Später habe Hillary Clinton ihr sehr deutlich "für alles, was Sie für Bill getan haben", gedankt - was sie als verdecktes Schweigegebot interpretiert habe.

Paula Jones verklagte Clinton 1994 wegen sexueller Belästigung. Er zahlte ihr 850.000 Dollar Abfindung, doch ohne Schuldeingeständnis.

Gennifer Flowers offenbarte 1992, eine Affäre mit Clinton gehabt zu haben. Dieser leugnete lange - und Hillary Clinton stand ihm zur Seite.

Kathleen Willey, eine Mitarbeiterin im Weißen Haus, behauptete als Zeugin im Paula-Jones-Verfahren, Clinton habe sie unsittlich berührt.

Die Affäre mit der Praktikantin Monica Lewinsky brachte Clinton 1998 fast ums Amt.

Von Hillary Clinton als "narzisstische Witzfigur" niedergemacht, tauchte Lewinsky danach lange unter und ließ erst kürzlich wieder von sich hören - indem sie Hillary "alles Gute" wünschte.

Ausgerechnet Trump kramte diese Fälle nun als erster wieder hervor. "Ihr Mann ist einer der schlimmsten Missbrauchstäter der Welt", schimpfte er in Richtung Clinton.

Kein Wort davon, dass Trump selbst den Lewinsky-Skandal einst als "Unsinn" abgetan hatte.

Vor ersten Vorwahlen zerfleischen sich die Republikaner gegenseitig.

Denn Trump weiß: Die Verhältnisse in Amerika haben sich geändert. Die Debatten auf Uni-Campussen und Verfahren gegen Stars wie Bill Cosby zeigen, dass sexuelle Gewalt kein Kavaliersdelikt mehr ist.

"Lasst nicht zu, dass eure Stimme unterdrückt wird", ermunterte auch Hillary Clinton die Opfer. "Ihr habt das Recht, dass man euch glaubt."

Dieser Appell könnte sich nun rächen. "Soll man Juanita Broaddrick, Kathleen Willey und Paula Jones auch glauben?", fragte sie eine Frau in New Hampshire.

"Jeder sollte zunächst geglaubt werden", wand sich Clinton, "bis ihr aufgrund der Indizien nicht geglaubt wird".

Als wäre das nicht schon genug Ärger, erscheint dieser Tage ein Dokumentarfilm, der für Clinton ebenfalls nicht unproblematisch ist.

"Weiner" handelt vom Wahlkampf des Ex-Kongressabgeordneten Anthony Weiner fürs Amt des New Yorker Bürgermeisters im Jahr 2013.

Auch der Fall Weiner könnte Clinton schaden

Weiner, der Ehemann von Clintons engster Vertrauten Huma Abedin, hatte sich 2011 dabei erwischen lassen, intime Twitter-Unterhaltungen mit Frauen geführt und kompromittierende Fotos verschickt zu haben.

Abedin hatte ihm verziehen, und jetzt wollte er das große Comeback.

Es kam anders. Wenige Monate vor der Wahl wurde bekannt, dass Weiner nach dem ersten Sexskandal weitere Internet-Affären geführt hatte - just als seine Frau schwanger war.

Die "New York Times", die den Film bereits sehen konnte, spricht von einem "verstörenden Zeugnis der Beziehung des Ehepaars".

Weiner, wie er in Panik gerät. Weiner, wie er versucht, die Medien auf falsche Fährten zu locken. Weiner, wie er vor einer der besagten Frauen in ein McDonalds-Restaurant flüchtet.

Und mittendrin Abedin, die Clinton-Vertraute, entsetzt, erbost, versöhnlich. Die Filmer hielten alles fest.

Hillary Clinton selbst kommt in dem Streifen nicht vor.

Aber man muss sie auch nicht sehen, um die Parallele ziehen zu können: Die Männer hatten sich nicht unter Kontrolle - und, so die Kritiker: die Frauen halfen ihnen dabei. Mit ihrer Vergebung.© SPIEGEL ONLINE