Nach den Terroranschlägen von Brüssel ist die Angst vor ähnlichen Anschlägen in Deutschland groß. Zu Recht: Experten erklären, warum die neuen Ziele der Terroristen kaum zu schützen sind - und wie wir jetzt mit unserer Angst am besten umgehen.

Nach Brüssel wächst auch hierzulande die Angst vor ähnlichen Anschlägen. Viele Menschen fürchten, dass Deutschland das nächste Ziel islamistischer Terroristen sein könnte. Die Furcht ist gerade nach den Terroranschlägen von Brüssel nicht unbegründet.

Sicherheitslage gilt als sehr angespannt

Die Sicherheitslage gilt bereits seit Monaten als sehr angespannt - und die deutsche Islamistenszene ist groß. Mehr als 43.000 Menschen werden ihr nach einem Bericht der Deutschen Presse-Agentur zugerechnet. Mehr als 8.600 davon sind Salafisten, die den Islam besonders streng auslegen.

Die Sicherheitskräfte gehen davon aus, das rund 470 sogenannte "Gefährder" in Deutschland leben. Das sind Islamisten, denen die Polizei einen Anschlag zutraut. Als sehr gefährlich gelten auch Rückkehrer aus Syrien und dem Irak. Von den circa 800 Islamisten, die aus Deutschland in die Dschihad-Gebiete gereist sind, ist gut ein Drittel inzwischen wieder im Land. Darunter sollen 70 Islamisten mit Kampferfahrung sein.

Es sind solche Zahlen, die die Menschen beunruhigen, auch weil es eine neue Taktik der Terroristen immer schwieriger für die Sicherheitskräfte macht, Anschläge in Deutschland langfristig zu verhindern.

Belgische Medien ziehen entsprechende Berichte zurück.

Öffentliche Plätze besonders gefährdet

"Die Terroristen suchen sich zunehmend weiche Ziele", also keine "systematisch kontrollierbaren Orte", sagte Markus Kaim von der Stiftung Wissenschaft und Politik in den "Tagesthemen". Das seien Orte, die man nicht komplett durch scharfe Zugangskontrollen schützen könne. Für Deutschland bedeutet das, dass öffentliche Plätze, Bahnhöfe, Marktplätze, Züge im Nah- und Fernverkehr sowie Menschenansammlungen aller Art besonders gefährdet sind.

Es sei leicht, jetzt zu fordern, dass man Plätze mit Bedrohungspotential besser kontrollieren muss, sagte Kaim, aber in der Praxis sei das nicht umsetzbar.

"Es ist unmöglich, den gesamten Nahverkehr in großen Ballungszentren, sowie Züge, Stadien etc. zu kontrollieren, das würde in einem Polizeistaat münden", betont Kaim. Es helfe nichts, "wir müssen uns an die Terrorgefahr in Europa gewöhnen".

Ermittler durchforsten das Netz

Eine Terrorgefahr, die paradoxerweise durch die intensive Arbeit der Sicherheitsbehörden noch erhöht werden könnte. In Deutschland suchen die Polizei und die Geheimdienste derzeit intensiv nach Querverbindungen zwischen der deutschen Islamisten-Szene und den Tätern in Belgien.

Beamte durchforsten das Netz nach Kommentaren und Posts der Szene und treffen sich noch öfter als normalerweise im gemeinsamen Terrorabwehrzentrum, indem 40 Sicherheitsbehörden aus Bund und Ländern vertreten sind. Bereits nach den jüngsten Anschlägen in Europa war es verstärkt zu Festnahmen und Razzien gekommen. Vieles spricht dafür, dass ähnliches jetzt wieder passiert. Der psychische Druck auf den einzelnen Terroristen steigt dadurch immer weiter an.

Augenzeugin berichtet, wie sie die Terroranschläge in Brüssel erlebt hat.

Druck auf Terroristen: Ziehen sie Anschläge nun vor?

Genau das würde die Islamisten erst recht nervös und gefährlich machen, glaubt der Terror-Experte Rolf Tophoven. Wenn der Fahndungsdruck zunehme, könnten sich Einzelne in die Enge getrieben fühlen, ihrem Auffliegen zuvorkommen und Anschlagspläne vorziehen, sagte Tophoven der dpa.

Die Anschläge von Brüssel sieht er als direkte Reaktion auf die Festnahme des mutmaßlichen Top-Terroristen Salah Abdeslam in Brüssel, unmittelbar vor der Anschlagsserie.

Auch Innenminister Thomas de Maizière kann nicht ausschließen, dass erfolgreiche Maßnahmen gegen Terroristen dazu führen könnten, dass andere Terroristen als Reaktion extra Anschläge begehen. In den "Tagesthemen" von Dienstagabend verwies er nochmals auf die erhöhte Gefährdungslage in Deutschland und ganz Europa.

Experten: Weiterleben wie bisher

Aber was heißt das für den Einzelnen? Ist es jetzt sinnvoll, das Haus so wenig wie möglich zu verlassen? Sollten die Menschen in Deutschland öffentliche Plätze und Verkehrsmittel meiden? Experten raten davon ab. "Ich kann nur raten das Leben weiterzuführen", sagte der Sicherheitsexperte Ulf Brüggemann am Dienstag im "Deutschlandradio". "Ja, wir haben eine Terroristische Bedrohung, aber es bleibt uns einfach nichts anderes übrig, als unser Leben weiterzuführen" - weil die Terroristen sonst genau das erreicht hätten, was ihr Ziel sei, nämlich das Leben in Europa zum Erliegen zu bringen.

Umgang mit der Angst

Dass eine überhöhte Angst vor der terroristischen Bedrohung auch ein Stück weit irrational ist, hat der Angstexperte Andreas Fallgatter bereits nach den Anschlägen von Paris im Gespräch mit unserer Redaktion erläutert. "Im Straßenverkehr sterben jedes Jahr in Deutschland 4000 Menschen", das sei ein vieltausendfach höheres Risiko als die Gefahr durch mögliche Anschläge, sagte der Ärztlicher Direktor des Universitätsklinikums Tübingen für Psychiatrie und Psychotherapie. "Aber niemand zieht die Konsequenz daraus, das Haus nicht mehr zu verlassen, obwohl man sowohl als Fußgänger, als auch als Radfahrer oder Autofahrer im Straßenverkehr einem objektiv deutlich höherem Risiko ausgesetzt ist als durch Terroranschläge".

Viele Menschen gingen "dann eben nicht zu Großveranstaltungen, fahren aber trotzdem jeden Tag mit dem Auto zur Arbeit", sagte Fallgatter, obwohl so ein Verhalten erkennbar irrational und sogar schädlich sei. Denn Vermeidungsreaktionen könnten in immer größeren Ängsten münden, bis die Menschen irgendwann das Haus nicht mehr verlassen.

Zu einem derart Angst-bestimmten Leben gibt es offenbar für die Menschen in Europa nur eine Alternative: Sie müssen lernen, mit der Angst vor dem Terror zu leben.

Aktuelle Berichte zu den Anschlägen in Brüssel