Die Münchner Polizei verteidigt ihr Vorgehen nach dem Terroralarm in der Silvesternacht. Man habe "gar nicht anders handeln können". Noch ist jedoch nicht einmal klar, ob es die mutmaßlichen Attentäter, vor denen befreundete Geheimdienste gewarnt hatten, überhaupt gibt.

Polizeipräsident Hubertus Andrä will die Sperrungen zweier Bahnhöfe nach der Terrorwarnung in München "nicht als Fehlalarm bezeichnen". Die Sperrmaßnahmen seien "unbedingt nötig" gewesen, betonte Andrä Freitagmittag auf einer Pressekonferenz.

"Es war für uns nicht zu verantworten, auf eine Relativierung der Hinweise zu warten." Man habe die Lage beurteilt und die Sperren deshalb auf Pasing und den Münchner Hauptbahnhof beschränkt.

Hubertus Andrä: "Können nicht Kaffeesatz lesen."

Um 19:40 Uhr habe man über die Bundesbehörden konkrete Hinweise auf geplante Selbstmordanschläge am Münchner Hauptbahnhof und/oder in Pasing erhalten. Trotz intensiver Ermittlungen, Kontrollen sowie Informationsaustausch mit Sicherheitsbehörden auf Landes- und Bundesebene hätten sich diese nicht konkretisieren lassen.

Man habe eine sehr arbeitsreiche Nacht hinter sich, sagte Andrä und lobte die Einsatzbereitschaft der Beamten und die Zusammenarbeit mit der Bahn. Ein Vorlauf von vier Stunden sei "sehr, sehr sportlich" gewesen.

Auch aufgrund der Kurzfristigkeit der Bedrohung habe man sich dazu entschlossen, die Bevölkerung zu warnen. Es sei ein Unterschied, ob ein Hinweis auf einen mutmaßlichen Anschlag in ein paar Wochen oder ein paar Stunden eingehe.

100 zusätzliche Beamte im Dienst

Der S-Bahn-Verkehr war bis 4:00 Uhr früh eingeschränkt, der Hauptbahnhof sowie der Bahnhof Pasing wurden nicht angefahren. Der internationale Zugverkehr wurde über den Ostbahnhof abgewickelt.

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Festnahmen habe es bisher nicht gegeben. Noch immer seien 100 zusätzliche Einsatzkräfte im Dienst, die Innenstadt und Bahnhöfe durchstreifen - "um Präsenz zu zeigen", betonte Andrä.

Andrä: "Können nicht Kaffeesatz lesen"

Von der Hälfte der fünf bis sieben potenziellen Attentäter hat die Münchner Polizei Personalien übermittelt bekommen. Die Daten seien so konkret gewesen, dass man damit Verdächtige identifizieren könne.

Derzeit gebe es jedoch auch über die namentlich bekannten Personen "keinerlei Erkenntnisse", sagte Andrä. "Wir wissen noch gar nicht, ob sie tatsächlich hier in München oder in Deutschland sind. Wir können ja nicht Kaffeesatz lesen."

Die Identität der Verdächtigen ist nun Schwerpunkt der Ermittlungen. Noch könne man weder bestätigen noch ausschließen, dass es die Personen tatsächlich gebe, sagte Andrä. Die Polizei prüft Hinweise auf mutmaßliche Verdächtige aus Syrien und dem Irak.

Polizei warnt Trittbrettfahrer

Andrä zufolge ist mit Trittbrettfahrern zu rechnen. "Wer hier versucht, Unsicherheit in die Bevölkerung zu tragen oder Angst und Schrecken zu verbreiten, wird spüren, mit welcher Konsequenz wir dagegen vorgehen", sagte der Polizeipräsident.

Wen man als Gefährder einstufe, dem werde "besondere Fürsorge und Beobachtung" der Polizei zuteil, betonte Andrä. Es handle sich aber um weniger als 100 Personen.

Herrmann: "Keine 100-prozentige Sicherheit"

Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann ruft die Bevölkerung ebenfalls zu Wachsamkeit auf. Man müsse die Gefahr ernst nehmen, dürfe sich aber auch nicht verrückt machen lassen.

"Wir sind gut aufgestellt", sagte Herrmann auf einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz. Trotzdem gebe es "keine 100-prozentige Sicherheit". Das Vorgehen der Münchner Polizei, die Menschen zu warnen, sei völlig angemessen gewesen.

Hermann zufolge hatte das Bundeskriminalamt (BKA) die Namen der potenziellen Attentäter weitergegeben. In Bayern sei zu den Personen jedoch nichts bekannt.

Laut dem Innenminister gibt es in München keine konkrete Anschlagsgefahr mehr. Zwar sei die Terrorgefahr in Europa insgesamt hoch, es gebe "aber keinen unmittelbaren Hinweis auf einen Anschlag heute oder morgen an einem bestimmten Ort". Die Sicherheitslage sei nicht viel anders als zuletzt nach den Terrorattacken in Paris von Mitte November.

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