Die türkische Regierung legt sich fest: Der "Islamische Staat" hat das Attentat auf deutsche Urlauber in Istanbul begangen. Die Terrororganisation schweigt. Doch der Anschlag passt genau in die Strategie der Dschihadisten.

Mehr als 24 Stunden nach dem Selbstmordanschlag gegen eine deutsche Touristengruppe in Istanbul hat sich noch immer niemand zu dem Attentat bekannt. Weder kurdische Separatisten noch militante Linke noch islamistische Terroristen.

Die türkische Regierung war da deutlich schneller: Schon wenige Stunden nach der Explosion auf dem Sultanahmet-Platz teilte Staatschef Recep Tayyip Erdogan mit, der Selbstmordattentäter stamme aus Syrien. Man habe den Mann anhand von Leichenteilen identifizieren können. Am 5. Januar soll er sich als Flüchtling in Istanbul registriert haben.

Der Sprecher des Innenministeriums in Riad sagte der in London erscheinenden arabischen Tageszeitung "Al-Hayat", dass der Terrorist namens Nabil Fadli 1988 in Saudi-Arabien geboren worden sei. Er habe das Königreich aber bereits im Alter von acht Jahren verlassen und die syrische Staatsbürgerschaft besessen.

Mittlerweile hat die türkische Polizei drei Russen im Zusammenhang mit dem Anschlag festgenommen. Sie sollen Verbindungen zur Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) haben. Zuvor hatte sich bereits Ministerpräsident Ahmet Davutoglu auf den IS als Tätergruppe festgelegt. Das ist bemerkenswert, weil Ankara zuvor häufig die kurdische PKK mit Anschlägen in Verbindung gebracht hatte, um damit die Militäroperationen gegen kurdische Separatisten zu rechtfertigen.

Der Anschlag in Istanbul geht mutmaßlich auf das Konto der Terrormiliz "Islamischer Staat". Für Terrorexperte Jörg H. Trauboth ist es keine Überraschung, dass die Türkei so sehr ins Visier des Terrors gerückt ist.

Indizien sprechen für Terrormiliz IS

Das Attentat von Istanbul wäre der dritte schwere Anschlag in der Türkei binnen eines halben Jahres, der dem IS zugeschrieben wird:

  • Am 20. Juli sprengte sich ein Attentäter in der türkisch-syrischen Grenzstadt Suruç in die Luft und tötete 34 mehrheitlich junge Menschen, die beim Wiederaufbau der kurdischen Stadt Kobane in Syrien mithelfen wollten.
  • Am 10. Oktober zündeten zwei Selbstmordattentäter Sprengsätze während einer Friedensdemonstration in Ankara. Bei dem schwersten Terroranschlag in der Geschichte der Türkei wurden 102 Menschen getötet.

Zu keinem dieser Attentate hat sich der IS selbst bekannt. Das ist auffällig, weil die Terrororganisation in anderen Fällen sehr zügig die Verantwortung übernahm. Nach dem Absturz des russischen Passagierflugzeugs über der ägyptischen Sinai-Halbinsel dauerte es nur wenige Stunden, bis der IS ein Bekennerschreiben veröffentlichte. Nach den Anschlägen von Paris am 13. November vergingen etwa zwölf Stunden, bis sich die Dschihadisten mit den Morden brüsteten.

Jets führen ab sofort im Kampf gegen Terrormiliz IS Aufträge aus.

Deutsche Opfer passen ins Kalkül des IS

Offenkundig will der IS die Türken bewusst im Unklaren darüber lassen, ob er die Anschläge im Land begangen hat, möglicherweise um Sympathien im Volk nicht zu verspielen. Aufschlussreich ist auch die Auswahl der Terrorziele. Abgesehen von Rachemorden an syrischen IS-Gegnern und vereinzelten Angriffen auf türkische Soldaten im Grenzgebiet hat der IS bislang immer Regierungsgegner attackiert: Die Opfer in Suruç waren linke Aktivisten und kurdische Oppositionelle.

Nun also Touristen, mitten in Istanbul zwischen Hagia Sophia und Blauer Moschee, an einem der beliebtesten und symbolreichsten Plätze des Landes. Unklar ist, ob der Attentäter gezielt deutsche Urlauber mit in den Tod riss, Bundesinnenminister Thomas de Maizière geht bislang nicht davon aus.

Jedenfalls passen deutsche Opfer den Terroristen aus mehreren Gründen ins Kalkül:

  • Seit Freitag unterstützen zwei "Tornado"-Jets der Bundeswehr die Luftangriffe gegen den IS in Syrien und im Irak. Der Einsatz ist in Deutschland umstritten, das wissen auch die Dschihadisten. Der Anschlag von Istanbul wird jenen Auftrieb geben, die dafür sind, dass sich die Bundesrepublik aus dem Konflikt mit dem IS heraushält.
  • Zudem droht das Attentat die anti-islamische Stimmung in Deutschland anzuheizen: ein Syrer, der deutsche Urlauber tötet, nachdem die Bundesrepublik Hunderttausende Kriegsflüchtlinge aus Syrien aufgenommen hat. Das ist Wasser auf die Mühlen von Pegida, AfD und Co. Es gehört zu den Zielen des IS, Zwietracht zwischen den europäischen Gesellschaften und den islamischen Minderheiten zu säen. Wenn sich die Muslime in Europa ausgegrenzt und stigmatisiert fühlen, sind sie für den radikalen Islam der Dschihadisten empfänglich, so das Kalkül. Wenn das gesellschaftliche Klima in Deutschland feindseliger wird, spielt das den Radikalen in die Karten.

Mit diesen Waffen kämpft die Bundeswehr in Syrien.

Mit dem Anschlag fordert der IS auch die türkische Regierung offen heraus. Nach den Anschlägen von Suruç und Ankara beschränkte sich die Reaktion der Regierung auf symbolische Militärschläge gegen die Dschihadisten. Priorität hatte bei den Militärs seit Monaten der Kampf gegen kurdische Separatisten im Südosten der Türkei.

Nun haben die Dschihadisten im Herzen der größten türkischen Metropole zugeschlagen und die Tourismusbranche ins Visier genommen, eine der wichtigsten Einnahmequellen des Landes. Es ist ein weiterer Weckruf für die türkische Regierung.

Zusammengefasst: Viel deutet darauf hin, dass die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) für den Anschlag in Istanbul verantwortlich ist. Das Attentat auf deutsche Touristen erfolgt wenige Tage nach Beginn des Bundeswehr-Einsatzes gegen den IS. Nicht nur deshalb passt das Attentat ins Kalkül der Dschihadisten: Der Mord an deutschen Urlaubern durch einen mutmaßlich syrischen Terroristen stärkt anti-islamische Ressentiments in der Bundesrepublik und dürfte die Aufnahmebereitschaft für Flüchtlinge aus Syrien sinken lassen.© SPIEGEL ONLINE