Der Anschlag auf die Redaktion der französischen Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" erschüttert ganz Europa. Zwölf Menschen sind bei dem Angriff getötet worden, viele weitere verletzt. Die Polizei fahndet nach dem Brüderpaar Cherif und Said K., das hinter dem Anschlag stehen soll. Die nationale und internationale Presse reagiert geschockt.

Frankreich

Libération: "Sie haben 'Charlie' angegriffen und damit die Toleranz, die Ablehnung von Fanatismus und Dogmatismus. Sie haben diese offene, religionsfreie und friedfertige Linke angegriffen, die sich sicherlich über den Zustand der Welt empört, sich jedoch lieber darüber lustig macht, als anderen ihren Katechismus aufzuzwingen. Die Fanatiker verteidigen keine Religion, weil Religion tolerant sein kann, und sie verteidigen nicht die Muslime, die in ihrer überwältigenden Mehrheit mit Entsetzen auf diese niederträchtigen Morde reagiert haben. Die Fanatiker greifen die Freiheit an. Alle Republikaner sind vereint gegen den Gegner. Dieser Gegner ist der Terrorismus, nicht der Islam, der Gegner ist der Fanatismus, keine Religion, und der Gegner ist der Extremismus. Der hat nichts zu tun mit unseren muslimischen Mitbürgern."

Le Figaro: "Uns wurde der Krieg erklärt: Der Krieg des islamischen Fanatismus gegen den Westen, gegen Europa und gegen die Werte der Demokratie. Uns muss klar sein: Wenn heute Frankreich im Visier der Verrückten Allahs steht, dann waren es vorher andere Länder, und morgen werden es weitere Staaten sein. Wir müssen uns moralisch gegen die niederträchtigen Verbrechen dieser Barbaren wappnen, die als Frömmler verkleidet sind. Und wir müssen uns politisch und juristisch wappnen. Zu lange sind wir im Namen eines irregeleiteten Humanismus unseren schlimmsten Feinden entgegengekommen. Wir müssen gegen diese Fanatiker hart durchgreifen, die sich offen gegen unser Land und unsere Sicherheit verschwören. Wenn es Krieg gibt, muss man ihn gewinnen."

La Croix: "Der Terror hat sein todbringendes Werk vollbracht und dabei Wut und Angst erzeugt. Wie in anderen europäischen Ländern nimmt auch in Frankreich die Furcht vor dem Islam und einer Islamisierung des Kontinents zu. Dieses Attentat in Paris kann die Ablehnung der muslimischen Gemeinschaft verschärfen. Der Anschlag kann auch zu einer Bürgerbewegung der Solidarität gegen diese Terroristen führen, die mit der Ermordung einiger Menschen die ganze Gesellschaft im Visier haben, ihren Lebensstil und ihre Werte. Wir müssen gelassen bleiben und würdevoll und dürfen nicht in Panik verfallen. Dieser Zusammenhalt symbolisiert unser Gedenken an die Opfer."

Großbritannien

Independent: "Alle Presseorgane, in der arabischen Welt ebenso wie im Westen, sollten die ermordeten Zeichner von 'Charlie Hebdo' als Märtyrer betrachten. Sie sollten die Standfestigkeit dieser Satiriker als die wagemutigsten Journalisten in Europa würdigen, auch wenn ihre Veröffentlichungen anstößig sein könnten, so wie die Mohammed-Karikaturen 2011. Es war das Recht von 'Charlie Hebdo', anstößig zu sein. Das Magazin war dabei gerecht: Katholizismus, Judaismus und Islam wurden gleichermaßen respektlos behandelt. Mit dem Erstarken islamistischer Terrorgruppen und Angriffen auf Zeitungsredaktionen haben andere Publikationen Rücksicht auf muslimische Empfindlichkeiten genommen. 'Charlie Hebdo' hat dies trotz der Warnungen der Polizei abgelehnt."

The Guardian: "Etwas kann man 'Charlie Hebdo' nie wegnehmen: Mut. Das ist ein Angriff auf unabhängigen Journalismus, auf die Freiheit zu informieren und zu kommentieren. Die Herausforderung ist nun, das Recht zu verteidigen, andere vor den Kopf zu stoßen."

Belgien

L'Echo: "Der Terror greift Ideen an, Worte, Bilder, jene, die sie transportieren, sie tragen, sie anstoßen, sie verspotten. (Er greift an) Eine Säule der Demokratie, der freien Presse. Die Verrückten sind auf den Straßen von Paris oder anderswo unterwegs, im Glauben, sie hätten Ideen zur Strecke gebracht, vielleicht ihren Glauben gerächt, aber sie haben nur Menschen getötet und deren Ideale bestärkt. Denn so wie es ohne Zweifel leider immer Fanatiker geben wird, die versuchen diese zu ermorden, so wird es immer Menschen geben, um die Gerechtigkeit zu verteidigen, die Intelligenz hochzuhalten und das Licht zu bewahren."

La Libre: "Dieser Angriff ist in seiner Wirkung und seiner Gewalt genauso schwerwiegend wie jener, der am 11. September 2001 New York getroffen hat. Morgen, in acht Tagen, in einem Monat, werden andere Terroristen zuschlagen. Im Namen Gottes, eines Propheten, dessen Botschaft sie verdrehen. Denn der islamistische Weg scheint den Vorzug zu bekommen. Was tun? Wir sind in Trauer. Wir, die wir in einer Gesellschaft der Freiheit, der Toleranz, der Gleichheit, der Gerechtigkeit leben wollen. Der erste Irrtum wäre es, der Gesamtheit der Muslime die Praktiken einer Handvoll Fanatiker zuzuschreiben, die vor nichts Respekt hat."

Niederlande

De Telegraaf: "Die Freiheit im Westen ist einmal mehr zum Angriffsziel geworden, aber sie wird niemals vernichtet werden. Seit dem vergangenen Jahr stellt die Terroristenarmee IS eine neue Bedrohung dar, auch für die nationale Sicherheit in Europa. Immer wieder wird gewarnt vor terroristischen Taten zurückkehrender Dschihadisten. (...) Der Anschlag in Paris zeigt, wie akut diese Gefahr ist. Das muss zu einem härteren Vorgehen führen mit einem besseren und sichtbaren Schutz gefährdeter Objekte. Glaubensbarbaren, die auf unsere Vernichtung aus sind, müssen mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln bekämpft und ausgeschaltet werden. Wir sind es uns selbst schuldig, das freie Wort um jeden Preis zu verteidigen. Wir lassen uns keine Angst machen."

Deutschland

Spiegel Online: "Der Anschlag auf die Redaktion von 'Charlie Hebdo' darf unser Denken nicht beeinflussen, weder das der Islamkritiker noch das der Muslime - sonst ist die Freiheit verloren. Zwölf Menschen sind tot, weitere sind teils schwer verletzt. Vier Zeichner der französischen Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" mussten sterben, weil sie gezeichnet haben, was Fanatiker nicht sehen wollten. (...) Wenn der bewaffnete Angriff auf die Redaktionskonferenz von "Charlie Hebdo" dazu führt, dass Islamkritiker und Satiriker nun plötzlich Rücksicht nehmen, dann hat der Terror gewonnen. Doch gewonnen hat er auch, wenn jetzt jeder gläubige Moslem im Verdacht steht, ein gewaltbereiter Islamist zu sein."

Focus: "Sie mordeten kaltblütig und effizient: Frankreich hat neue Staatsfeinde. Said K., Cherif K. und Hamid M.: Diese drei Namen werden sich wohl tief in das Herz der französischen Seele brennen."

Die Welt: "Ein terroristischer Angriff von unglaublicher Kaltblütigkeit mitten im elften Pariser Arrondissement – einem multikulturellen 'Bobo'-Viertel – galt einer Redaktion, die zuweilen einem rotweinselig-spätpubertären Alt-68er-Humor frönte, der nicht unbedingt jedermanns Geschmack war. Aber es ist eben auch eine Redaktion, die in ihren besten Momenten ein würdiger Erbe Voltaires sein konnte. Das heißt: bis zum Letzten entschlossen, die Freiheit aller Denkenden jederzeit zu verteidigen. Auch die Freiheit aller Andersdenkenden. Genau diese aufklärerische Tugend fehlt den Angreifern – wer immer sie waren."

Bild: "Der Terroranschlag von Paris ist nichts anderes als ein Anschlag auf das Herz unserer Zivilisation. Die Terroristen haben sich nicht bloß gegen die Kollegen von 'Charlie Hebdo' gerichtet, um die wir trauern. Nein, ihre Gewalt, ihr erbarmungsloser Hass richtet sich gegen die Freiheiten, die unsere Gesellschaften ausmachen: die Freiheit der Presse, die Freiheit der Meinung, die Freiheit der Künste. Es sind diese Freiheiten, die uns unterscheiden, abheben von den düsteren Winkeln der Welt. Es sind diese Freiheiten, auf denen Kultur, Wirtschaft, Fortschritt und Wohlstand gedeihen können."

Österreich

Die Presse: "Frei sind wir nur, solange wir über alles lachen dürfen. Europa darf nicht vor radikalen islamistischen Spinnern, die Grundwerte wie die Meinungsfreiheit mit Kalaschnikows attackieren, in die Knie gehen."

Der Standard: "Radikaler Islam und Islamfeindlichkeit sind zwei kommunizierende Gefäße - aber es ist ein Unterschied, ob getötet oder demonstriert wird. Beide sind große Herausforderungen für liberale Gesellschaften. Die Art der 'Verteidigung', die Bewegungen wie Pegida fordern, ist ebenfalls illiberal und eine Bedrohung der Werte, auf denen Europa auf den Trümmern des Zweiten Weltkriegs aufgebaut wurde. Viele Muslime weltweit sind schwer erschüttert über das, was sich heute des Namens Islam bedient - etwa, am schlimmsten, der 'Islamische Staat'. Der Islam ist in der vielleicht finstersten Periode seiner Geschichte. Eine Katharsis vorauszusagen, das wäre am Tag des Verbrechens von Paris unangebracht. Aber Abscheu und Widerstand wachsen auch da, wo es am wichtigsten ist - unter Muslimen."

Schweiz

Neue Zürcher Zeitung: "Der infame Mordanschlag auf die Redaktion der Pariser Satirezeitschrift 'Charlie Hebdo' ist ein Angriff auf unsere Zivilisation. Er muss mit den Mitteln des Rechtsstaates gesühnt werden - und nur mit diesen. (...) Mit einer harten, aber auch prozessual und gesetzlich abgesicherten Reaktion können wir hier in Europa den Terroristen beweisen, dass unsere Zivilisation die Basis für ein menschenwürdiges Leben schafft, das diese Attentäter nur verachten."

Tagesanzeiger: "Die Geschosse aus den Kalaschnikows und Raketenwerfern galten in ­erster Linie den Zeichnern und verantwortlichen Herausgebern des Magazins. Diese Kollegen haben sich in den vergangenen Jahren durch die latent im Raum stehenden Drohungen von Islamisten nicht einschüchtern lassen und ihren Mut nun mit dem Leben bezahlt. Sie sind als Märtyrer für die freie Meinungsäusserung gestorben. Aber die Kugeln gestern an der Rue Nicolas Appert treffen noch weit mehr: den Mut, den grossen Konflikten dieser Welt mit Humor zu begegnen. Der Zeichner mag seinen Stift oft provokativ oder gar so deftig einsetzen wie die 'Charlie Hebdo'-Zeichner, aber von ihm geht, wenn die Striche mit Feingefühl und Augenzwinkern gesetzt sind, keine Gewalt aus. Im besten Fall führt der Humor beim Karikierten dazu, mitzulachen, sich selber weniger ernst zu nehmen, und damit in eine friedlichere Welt."

(ank/dpa)