Die einen hassen ihn, die anderen sehen ihn als Verfechter von Rechtsstaatlichkeit. Der belgische Staranwalt Sven Mary hat die Verteidigung des Topterroristen Salah Abdeslam übernommen. Was treibt den ehrgeizigen und streitlustigen Juristen an?

Regierung: Anschlagspläne waren wohl "weit fortgeschritten".

Pitbull, Großmaul, Anwalt der Schurken. Es sind wenig schmeichelhafte Attribute, die dem Staranwalt Sven Mary zugeschrieben werden. Der Belgier ist wahrscheinlich einer der unbeliebtesten Strafverteidiger Europas, denn sein derzeit wichtigster Klient hört auf den Namen Salah Abdeslam.

Der vor einer Woche verhaftete 26 Jahre alte Franzose ist einer der führenden Köpfe hinter den Pariser Terrorangriffen im November 2015 und soll auch im Vorfeld der jüngsten Attentate auf Brüssel eine Schlüsselrolle gespielt haben. Mehr als 160 Menschen starben bei den Anschlägen.

"Liebenswert, streitlustig, provokant"

Terrorverdächtiger will nach Frankreich überstellt werden.

Warum übernimmt Mary gerne die schwierigen Fälle? Was motiviert den Belgier, einem mutmaßlichen Terrorplaner beizustehen?

So viel ist klar: Der 43-Jährige war für die Verteidigung Abdeslams prädestiniert. Er gilt als einer der besten Anwälte Belgiens und besitzt eine Menge Erfahrung mit der Verteidigung von Prominenten.

Zu seinen Klienten zählten Michel Lelièvre, rechte Hand des Sexualstraftäters Marc Dutroux, der bekannte Islamist Fouad Belkacem, der Mörder Bruce Sauw oder Schauspieler Jean-Paul Belmondo, als die belgischen Behörden gegen dessen Freundin wegen des Verdachts auf Geldwäsche ermittelten. Nicht nur seine Mandanten, auch Mary selbst polarisiert.

Die belgische Zeitung "Le Soir" beschrieb ihn als Großmaul, Störenfried, aufbrausend, liebenswert, fesselnd, streitlustig, nervig, provokant – und als exzellenten Strafrechtler. Dem Flamen wird zudem nachgesagt, extrem ehrgeizig zu sein und gerne im Mittelpunkt der Öffentlichkeit zu stehen. Als junger Mann stand er vor einer Karriere als Profifußballer, dann bremste ihn eine schwere Verletzung aus. Nun will er der Welt offenbar zeigen, was als Jurist in ihm steckt.

Ziel: Willkür und Machtmissbrauch bekämpfen

Salah Abdeslam ist zwar gefasst, doch diese brisanten Fragen bleiben offen.

Allerdings käme es zu kurz, Mary Sympathien für die Terroristen zu unterstellen, wie es Kritiker versuchen. "Die Attentate von Paris haben mich angewidert und ich habe meine persönliche Meinung zum Thema Dschihadismus, die man mir auch nicht austreiben wird", sagte er der Tageszeitung "La Libre Belgique". "Aber mein Mandat ist es, Menschen zu verteidigen, die mich darum bitten."

Die Grundlage seiner Arbeit sei es, dafür zu sorgen, "dass der Rechtsstaat respektiert wird: auch von denen, die ihn durchsetzen", wird der Staranwalt von "Le Soir" zitiert. Mary kann demnach nicht in eine Reihe mit Gesinnungs- oder Szene-Anwälten gestellt werden, wie man sie in Deutschland beispielsweise aus dem NSU-Prozess kennt: So wird die Verteidigerin des Mitangeklagten Ralf Wohlleben der neonazistischen Szene zugeordnet. Mary ist kein Dschihadist und hegt auch keine Sympathien für die Bewegung.

Er kämpfe gegen Willkür und Machtmissbrauch, betont der Belgier. "Wenn jemand als Staatsfeind Nummer eins bezeichnet wird, ist das ein Missbrauch von Autorität", sagte er der Zeitung "Métro" mit Verweis auf Aussagen französischer Behörden. Das wolle er bekämpfen.

Verteidigung nicht um jeden Preis

Zugleich stellt er klar, dass er Abdeslam nicht unter jeder Bedingung beigestanden hätte. "Ich muss wissen, was seine Verteidigungslinie ist, welche Haltung er einnehmen möchte. Falls seine Linie sein sollte, 'Ich war nicht in Paris', würde mich das ärgern, in dem Fall könnte ich ihn nicht verteidigen", sagt er dem "Express". Er hätte den mutmaßlichen Terroristen in diesem Fall nicht vertreten. "Das hätte mich gelangweilt."

Diese Feinheiten interessieren in der Debatte um Abdeslam und seinen umstrittenen Advokaten nicht jeden. Nach einem persönlichen Angriff und hunderten telefonischen Drohungen hat er seine Kanzlei aus Rücksicht auf seine Mitarbeiter zwischenzeitlich schließen müssen.

Er appellierte daraufhin noch einmal an die Öffentlichkeit, zwischen seiner eigenen Haltung zum Terror und seinem anwaltlichen Mandat zu unterscheiden. "Ich bitte darum – nicht für mich, sondern für mein Umfeld, meine Frau und meine Kinder, die nicht unter meinen Aktivitäten leiden sollen." Es sei wichtig, diese Dinge auseinanderzuhalten, ergänzte Mary.

Allerdings gab der Staranwalt auch zu: "Ich würde jeden verteidigen – bis auf die extreme Rechte." Der Vorwurf ist also nicht ganz von der Hand zu weisen: Mary bringt mehr Verständnis für die eine als für die andere Seite auf.