Ein Mann hat in der Nähe von Köln einen verdächtigen Mix von Chemikalien gekauft. Jetzt wird nach ihm gefahndet - und schon kommt die Frage auf: Kann man da noch zum Rosenmontagszug gehen?

Kölner Polizei fahndet nach mutmaßlichem Bombenbauer.

Ist es bald ein Akt der Zivilcourage, zu einem Karnevalszug zu gehen? Muss man bei jeder Großveranstaltung einen Anschlag befürchten? In Köln erscheinen solche Fragen gerade sehr aktuell.

Seit Dienstag fahndet die Polizei nach einem Mann, der in einem Baumarkt im Pulheim bei Köln Chemikalien gekauft hat.

Chemikalien, die normalerweise für Reinigungszwecke gedacht sind, die aber in dem Mix, um den es hier ging, auch zu einem explosionsfähigen Gemisch angerührt werden könnten.

Dazu kommt, dass Mitarbeiter des Baumarktes den Mann als "aus dem Nahen Osten stammend" beschreiben. Man sieht ihn auf körnigen Bildern einer Überwachungskamera, die von der Polizei verbreitet worden sind.

Die Fahndung läuft also. Vielleicht ist alles ganz harmlos, vielleicht meldet sich der Mann morgen und sagt, das sei doch alles nur zum Putzen für den Hausgebrauch gedacht.

Was aber, wenn nicht? Muss man dann zur Sicherheit den Rosenmontagszug absagen? Schließlich ist es nicht mehr lange hin bis zum großen Tag der Jecken. Nächste Woche ist schon Weiberfastnacht.

Terrorgefahr: Polizei rät im Karneval von diesen Verkleidungen ab.

Solche Spekulationen erinnern an die Absage des traditionsreichen Mai-Radrennens im Taunus im vergangenen Jahr. Seit Donnerstag steht in Frankfurt ein mutmaßlicher Islamist vor Gericht, der einen Anschlag geplant haben soll - möglicherweise auf das Rennen. In seinem Keller hatte die Polizei jedenfalls eine Bombe gefunden.

Kaum etwas dürfte schwieriger sein, als in der derzeitigen diffusen Bedrohungslage die richtige Balance zwischen Panik und Leichtsinn zu finden.

Geht man zu oft auf Nummer sicher, spielt man den Terroristen - den großen Angstmachern - in die Hände. Geht man ein gewisses Risiko ein und dann passiert etwas, und das auch nur ein einziges Mal - die Folgen wären nicht auszudenken.

Schon seit 2008 bereitet sich die Kölner Polizei vorsorglich darauf vor, wie sie bei einem Terroranschlag auf den Rosenmontagszug reagieren müsste. Im diesem schlimmsten Fall würde der Zug "kontrolliert beendet" - logistisch eine Riesenaufgabe.

Bereits vor dem Chemikalien-Kauf von Pulheim stand fest, dass die Polizei den Rosenmontagszug dieses Jahr in nie gekannter Stärke überwachen wird.

Der neue Polizeipräsident Jürgen Mathies rät zudem dringend davon ab, sich "etwa als Dschihadist zu verkleiden oder Waffen zu tragen, bei denen man nicht erkennen kann, ob sie echt sind oder nicht".

Derartige Kostümierungen, so sagte er dem "Kölner Stadt-Anzeiger", könnten die anderen Jecken unnötig verunsichern.

Erst am Montag hat die Polizeibehörde Europol vor neuen Anschlägen des sogenannten "Islamischen Staats" (IS) in Europa gewarnt. "Es kann auch in Deutschland geschehen, wie es in Frankreich geschehen ist, in Großbritannien, in Spanien", sagte danach Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU). "Ja, wir müssen mit dem Terror leben lernen, aber wir werden uns damit nie abfinden. Das ist Teil einer traurigen Wahrheit."

Die meisten Bürger werden dem Minister da zustimmen. Doch es ist etwas anderes, eine abstrakte Analyse zu teilen oder sich ganz konkret vor die Wahl gestellt zu wissen: Geh ich jetzt zum Karnevalszug - oder nicht?

Diese Frage kann nur jeder für sich beantworten. (dpa / jwo)© dpa