Berlin/Genf/Bagdad (dpa) - Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hat in ihrem Herrschaftsbereich im Irak und in Syrien im Schatten ihres Eroberungsfeldzugs bereits staatliche Strukturen errichtet.

Das belegen nach einem Bericht von "Süddeutscher Zeitung", NDR und WDR vom Freitag interne IS-Dokumente. Demnach gibt es innerhalb der im Irak und in Syrien aktiven Miliz eine Krankenversicherung, Heiratsbeihilfen und Unterstützungszahlungen für die Familien getöteter oder inhaftierter Kämpfer. Zudem führe die Sunnitenmiliz Personalakten von Selbstmordattentätern. Der IS beherrscht je etwa ein Drittel der Nachbarländer Irak und Syrien.

Trotz der Luftangriffe der internationalen Koalition auf die Terrormiliz IS ist die Kampfkraft der Extremisten in Syrien laut Experten größer geworden. "In den letzten Monaten ist das militärische Potenzial der bewaffneten Gruppe gewachsen", warnt eine unabhängige Untersuchungskommission in einem Bericht für den UN-Menschenrechtsrat. Das Papier dokumentiert zudem Kriegsverbrechen der Terroristen.

Im Irak vertrieb die Armee nach eigenen Angaben den IS aus der strategisch wichtigen Raffineriestadt Baidschi. In Baidschi steht die größte Ölraffinerie des Landes. IS-Kämpfer hatten sie in den vergangenen Monaten belagert.

Syrische Aktivisten widersprachen Meldungen, wonach IS und die Al-Kaida-nahe Al-Nusra-Front in Syrien eine Art Vereinbarung über einen Waffenstillstand getroffen hätten. Ein solcher Vorschlag mehrerer syrischer Extremistengruppen sei vom IS abgelehnt worden, hieß es.

In dem am Freitag in Genf vorgelegten Bericht der Kommission heißt es, der Islamische Staat (IS) stütze sich auf eine "verstärkte Mobilität und Feuerkraft, um Gegner zu überraschen und örtlich ihre Übermacht zu sichern". Ausländische Dschihadisten spielten in Syrien eine erhebliche Rolle: "Ungeachtet der Rekrutierung Tausender Syrer wird die IS-Führungsstruktur weitgehend von ausländischen Kämpfern dominiert."

Dem IS-Terror seien im Nordosten Syriens Hunderttausende Menschen schutzlos ausgesetzt, heißt es. Die sunnitischen Extremisten vergingen sich an ihren Opfern mit Massenmorden, willkürlichen Hinrichtungen, Amputationen, Vergewaltigungen, sexueller Versklavung, Folterungen und Vertreibungen.

"Die Brutalitäten und das ganze Ausmaß der Misshandlungen sind darauf ausgerichtet, die absolute Macht dieser Gruppe über das politische und soziale Leben durchzusetzen und die Gemeinden unter ihrer Kontrolle zum Gehorsam zu zwingen", heißt es.

Zur Rechtfertigung der Grausamkeiten erkläre die Miliz ihre Opfer zu Ketzern. Dabei gelte der Grundsatz "Man ist schuldig, solange man nicht seine Unschuld beweisen kann", berichteten die Ermittler.© dpa