Kobane/Ankara (dpa) - Die Angriffe der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) auf die eingeschlossene Stadt Kobane in Nordsyrien werden immer heftiger. Am Freitag feuerten die Extremisten rund 60 Granaten auf die kurdische Stadt. Es seien die härtesten Angriffe seit Beginn der IS-Offensive auf Kobane, teilte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit. Die Kurden wehrten sich erbittert gegen die vorrückenden IS-Kämpfer. Kurdische Volksschutzeinheiten (YPG) schlugen nach eigenen Angaben drei IS-Angriffe zurück. Die Lage sei dennoch "sehr kritisch", sagte ein Sprecher.

Der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu sicherte den Kurden in der Stadt Hilfe zu. "Wir würden nicht wollen, dass Kobane fällt", sagte Davutoglu nach Angaben des Senders "A Haber". "Wir werden tun, was immer nötig ist, um zu verhindern, dass das passiert." Das Parlament in Ankara hatte am Donnerstagabend Militäreinsätze in Syrien und im Irak gebilligt. Damit kann die türkische Regierung dort mit Bodentruppen oder anderen militärischen Mitteln gegen Terrororganisationen vorgehen.

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Laut der syrischen Beobachtungsstelle griffen die IS-Extremisten Kobane (Arabisch: Ain al-Arab) von Süden und von Südosten her an. Den Kurden sei es gelungen, zwei IS-Fahrzeuge zu zerstören. Die Menschenrechtler wiesen jedoch Meldungen zurück, die Extremisten seien von Süden her in die Stadt vorgestoßen.

Die Ko-Vorsitzende der syrisch-kurdischen Partei der Demokratischen Union (PYD), Asia Abdullah, richtete einen Hilferuf an die USA und forderte stärkere Luftangriffe auf die Terrormiliz. Das internationale Bündnis gegen den IS müsse deren Kämpfer direkt an der Frontlinie in Kobane bombardieren, sagte sie der Nachrichtenagentur dpa. Die bisherigen Angriffe seien nicht effektiv gewesen. So habe das von den USA geführte Bündnis in der Nacht auf Freitag den IS weit entfernt von Kobane bombardiert. Die Kurden wollen Kobane nicht aufgeben. "Der Widerstand wird bis zum letzten Kämpfer der YPG weitergehen", sagte Abdullah weiter.

Die PYD und die Volksschutzeinheiten stehen der kurdischen Arbeiterpartei PKK nahe. PKK-Chef Abdullah Öcalan warnte im Fall eines Massakers durch die IS in Kobane vor einem erneuten Aufflammen des bewaffneten Konflikts mit der türkischen Regierung.

Die USA und ihre arabischen Verbündeten hatten in den vergangenen Tagen IS-Ziele bei Kobane bombardiert. In der Nacht auf Freitag flogen sie Angriffe im Norden und Osten Syriens. Die USA, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate hätten Ziele in der Nähe von Hasaka, Dair as-Saur, Al-Rakka sowie nordöstlich von Aleppo attackiert, teilte das US-Zentralkommando in Tampa mit.

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Der Sprecher der kurdischen Volksschutzeinheiten, Redur Chelil, sagte, die Luftangriffe der internationalen Koalition in den vergangenen Tagen hätten den IS-Vormarsch zwar verzögert, sie reichten aber nicht aus. "Unsere Menschen werden getötet und vertrieben, aber niemand kümmert sich darum", erklärte er.

Pentagonsprecher John Kirby bestätigte, dass die Terrormiliz immer heftigeren Druck Kobane ausübt. Er sprach von einem "gemischten Bild" auf dem Schlachtfeld in Syrien und dem benachbarten Irak und verwies auf die mehr als 330 Luftangriffe gegen IS.

Die Terrormiliz versucht seit Tagen, Kobane einzunehmen. Die Stadt ist die letzte Bastion in einer Enklave, die bislang von kurdischen Volksschutzeinheiten beherrscht wurde. Die Extremisten haben die Stadt aus drei Richtungen eingeschlossen. Nach Norden gibt es für Kämpfer und Einwohner in Kobane noch eine Verbindung in die Türkei. Rund 160 000 Menschen sind vor dem IS in die Türkei geflohen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sieht im Kampf gegen den "barbarischen Vormarsch" des IS eine Herausforderung für "die ganze Welt". Nicht allein die USA oder arabische Staaten der Region seien hier gefordert, sagte Merkel in Hannover. "Nein, wir alle, denen der Satz, dass die Würde des Menschen unantastbar ist, etwas bedeutet."

Die Bundeswehr wird sich an der Versorgung Schwerverletzter im Nordirak beteiligen. Das kündigte Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen bei einem Besuch im bayerischen Hammelburg an, wo kurdische Soldaten (Peschmerga) für den Kampf gegen den IS an der Panzerabwehrwaffe "Milan" ausgebildet werden. Deutschland will 10 000 der insgesamt etwa 100 000 kurdischen Kämpfer mit Gewehren, Panzerfäusten und Fahrzeugen ausrüsten.

Im Irak will sich nun auch Australien am Kampf gegen den IS beteiligen. Laut Ministerpräsident Tony Abbott billigte das Kabinett auf Bitten der irakischen Regierung den Einsatz von Kampfflugzeugen. Das Kabinett stimmte auch der Entsendung von Spezialkräften zu.© dpa