Kiew/Wien (dpa) - Russische Soldaten kämpfen an der Seite der Aufständischen in der Ostukraine - das wird trotz aller Dementis aus Moskau immer offensichtlicher. Russische Separatisten bestätigen derweil, dass sie von mehreren Tausend Russen unterstützt werden; die Nato spricht von über 1000 russischen Soldaten in der Ukraine. An der Grenze sollen insgesamt 20.000 russische Soldaten stehen. Die ukrainische Führung spricht offen von einer Militärintervention.

Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko hat Russlands Militär einen Einmarsch in sein Land vorgeworfen. "Ich habe einen Besuch in der Türkei abgesagt, (...) da eine Intervention russischer Streitkräfte in der Ukraine stattfand", teilte Poroschenko mit. Russland dementierte eine Invasion.

Russland setzt nach Angaben der Nato derzeit mehr als 1000 eigene Soldaten in der Ukraine ein. "Wir schätzen, dass deutlich mehr als 1000 russische Soldaten innerhalb der Ukraine operieren", sagte ein ranghoher Offizier der Nato am Donnerstag im militärischen Nato-Hauptquartier in Mons. "Das ist eine eher konservative Schätzung. Dahinter steht sehr große militärische Stärke."

"Sie unterstützen die Separatisten, sie kämpfen mit ihnen", sagte der Offizier. Es habe in den vergangenen beiden Wochen eine deutliche Verstärkung der russischen Militäroperationen gegeben. Im russischen Grenzgebiet zur Ukraine seien schätzungsweise rund 20.000 Soldaten stationiert. Sie seien besser ausgerüstet als zuvor eingesetzte Truppen. "Das ist eine Invasionsarmee."

Russen dementieren Einmarsch in Ukraine

Die russische Führung habe "keinerlei Interesse" an einem Einmarsch in der Ostukraine, sagte der russische OSZE-Vertreter Andrej Kelin laut Nachrichtenagentur APA in Wien. "Wir haben ganz klar gesagt, dass Russland mit Ausnahme von zehn Grenzsoldaten keine Truppen in der Ostukraine hat." Zu den aktuellen Berichten könne er nur sagen, dass Russland nicht an einer Entsendung von Truppen interessiert sei.

Poroschenko forderte mit Nachdruck Sondersitzungen des UN-Sicherheitsrats und des EU-Rates. Die Lage im Raum Donezk, darunter die Ortschaften Amwrosijewka und Starobeschewo, habe sich extrem verschärft. "Die Welt muss sich zur heftigen Verschärfung der Lage in der Ukraine äußern", sagte Poroschenko, der am Samstag am Rande des EU-Sondergipfels in Brüssel erwartet wird.

Das ukrainische Militär hatte zuvor mitgeteilt, die Kontrolle über eine Grenzregion im Südosten nahe der Stadt Nowoasowsk nahe Mariupol weitgehend verloren zu haben - und Einheiten aus dem Nachbarland dafür verantwortlich gemacht. Bereits am Mittwoch hatte ein Militärsprecher von mehr als 100 russischen Fahrzeugen gesprochen, die im Osten der Ukraine unterwegs seien.

Russische Soldaten freiwillig in der Ukraine?

Die prorussischen Separatisten erklärten, sie würden seit langem von Soldaten aus dem Nachbarland unterstützt. "Wir haben nie einen Hehl daraus gemacht, dass es unter uns viele Russen gibt, ohne deren Hilfe wir es sehr schwer hätten", sagte der Separatistenführer Andrej Sachartschenko dem russischen Fernsehsender Rossija-24. "In unseren Reihen hat es etwa 3000 bis 4000 gegeben. Viele sind heimgefahren. Viel mehr sind aber geblieben. Leider gab es auch Tote."

Unter den "Freiwilligen" seien viele reguläre russische Soldaten, die ihre Freizeit an der ostukrainischen Front verbringen würden. "Sie ziehen es vor, ihren Urlaub nicht am Strand, sondern Schulter an Schulter mit ihren Brüdern zu verbringen, die um die Freiheit des Donbass kämpfen."

Von einem russischen Einmarsch wollen die Separatisten aber nichts wissen: "In Kiew wiederholt man sich mit dem Einmarsch, um die Niederlagen der ukrainischen Armee irgendwie zu erklären", teilten die Aufständischen am Donnerstag mit. Es gebe keine russischen Truppen im Kampfgebiet.

Separatisten in der Ostukraine auf dem Vormarsch

Rund um die strategisch wichtige Hafenstadt Mariupol im Süden der Ukraine spitzt sich die Lage Berichten zufolge zu. Die Aufständischen teilten mit, mit Panzern die Stadt Nowoasowsk nahe Mariupol erreicht zu haben. "Die Befreiung der Stadt ist eine Sache von Tagen", kündigte ein Separatistensprecher an.

Die ukrainische Armee bereitete sich auf eine Offensive der Separatisten vor. "Wir formieren zwei Verteidigungslinien und graben uns ein", sagte ein Militärsprecher. Die Region Mariupol am Asowschen Meer ist die Landverbindung zwischen Russland und der von Moskau im März einverleibten Halbinsel Krim.

In der Großstadt Donezk wurden bei den schwersten Gefechten seit Tagen mindestens 16 Zivilisten getötet. Mehr als 20 Menschen wurden bei den Kämpfen zwischen Armee und prorussischen Aufständischen verletzt, wie die Stadtverwaltung am Donnerstag mitteilte. Durch heftigen Artilleriebeschuss seien zahlreiche Wohnhäuser zerstört und die Wasserversorgung beschädigt worden.© dpa