Washington (dpa) - 9/11-Verschwörungstheorien und reichlich Spezialwissen von US-Experten: Was Osama bin Laden als Lesestoff ansammelte, ist überraschend. Dank guter Englischkenntnisse verschaffte sich der Terrorchef umfassende Einblicke in Politik und Gesellschaft der USA.

Das Formular für eine schriftliche Bewerbung als Al-Kaida-Terrorist umfasst drei Seiten, rund 30 Fragen und endet mit den Worten "Gelobt sei Allah". Neben Fragen zu muslimischen Würdenträgern und militärischem Training geht es auch um schulische Ausbildung, Sprachkenntnisse und die eigene kriminelle Vergangenheit. "Möchten Sie ein Selbstmordattentat durchführen?", heißt es in dem Papier, "Welche Ziele möchten Sie auf Ihrem Dschihad-Weg erreichen?", und als letzte Frage schließlich: "Wen sollen wir kontaktieren, wenn Sie Märtyrer werden?".

Ruinen der historischen Stadt gehören zum Unesco-Weltkulturerbe.

Die "Anweisungen für Bewerber" sind nur eines von mehr als 100 Dokumenten aus dem Besitz Osama bin Ladens, die einen überraschenden Einblick in Wissen, Gemütszustand und die Strategie des Terrorchefs geben. Vier Jahre waren die Papiere unter Verschluss, die Soldaten der US-Eliteeinheit Navy Seals bei der Jagd auf den meistgesuchten Terroristen in seinem Versteck in Pakistan entdeckten. Nun kommt das Material ans Licht - und einige der Funde sind verblüffend.

Überraschende Einblicke in Besitz von Osama bin Laden

Wer hätte etwa gedacht, dass ausgerechnet der Planer der verheerenden Terroranschlägen vom 11. September 2001 mit fast 3000 Toten ein Buch über Verschwörungstheorien zu der Attacke besaß? Oder ein Handbuch für das Videospiel "Delta Force Extreme 2", einem 2009 erschienenen Ego-Shooter, bei der Spieler als Teil einer Elitetruppe namens Team Bravo einen Drogenboss namens "Desert Rat" (Wüstenratte) jagen muss?

Etwas unerwartet kommt aber auch die Fülle an Expertenwissen rund um Terrorismus, das amerikanische Militär und die Kriege im Irak und in Afghanistan, die im Bestand Bin Landes gefunden wurde. Es ist schon eine groteske Vorstellung, dass der US-Staatsfeind Nummer Eins sich zu Spezialberichten des amerikanischen Kongresses im Internet durchklickte oder sich diese von Helfern besorgen ließ. Dass er "Foreign Policy" las, eine angesehene Zeitschrift für internationale sowie für US-Außenpolitik, und Think-Tank-Studien aus den USA.

Selbst der fast 600 Seiten umfassende Bericht der 9/11-Kommission, der massive Kritik an der CIA enthält, gehörte zu Bin Ladens Besitz, zusammen mit Dutzenden öffentlich einsehbaren Dokumenten aus dem State Department und dem US-Justizministerium. Und: Informationen über ein Programm der US-Botschaft in Islamabad, das pakistanischen Kindern Spielzeug stiftet.

Material offenbart private Seite des Top-Terroristen

Die oft körnigen, verwackelten Videoaufnahmen Bin Ladens ließen den bärtigen Mann mit dem Turban teils als Guerilla-Führer wirken, der sich mit Kämpfern in Tarnuniform in den Bergen verschanzt hat. Vielleicht kommt es deshalb überraschend, dass der Terrorchef in seinem Versteck eben nicht nur fanatisch-religiöse Schriften besaß, sondern auch ein Werk des Sprachphilosophen Noam Chomsky über die amerikanische Vorherrschaft in der Welt - oder ein Buch von Investigativ-Reporter Greg Palast über Korruption und Kapitalismus.

"Bin Ladens Bücherregal", wie die US-Geheimdienste die Sammlung bezeichnen, gibt Aufschluss über Bin Ladens Kenntnis des Westens - auch dank Zeitungen und Magazinen wie "Los Angeles Times", "Business Week", "Newsweek" und "Time". Das Material offenbart aber auch die private Seite des Top-Terroristen, der seiner Tochter schreibt, wie sehr er sie vermisst, und der nach Fortschritten ihrer Studien des Korans fragt. Oder der seine "geliebte Frau" für den Fall seines Todes bittet, auf die Kinder aufzupassen.

Nicht zuletzt zeigt das nun veröffentlichte Material, dass im Versteck in Pakistan trotz der täglichen Angst, entdeckt zu werden, auch etwas Alltag herrschte: Ein Ernährungsberater für Sportler, ein Handbuch arabischer Kalligraphie und ein Guinness-Buch der Rekorde für Kinder wurden im pakistanischen Abbottabad im Mai 2011 von Soldaten ebenso eingesammelt wie ein Handbuch für Siebdrucke. Bin Ladens Englischkenntnisse waren mehr als ausreichend, um diese Werke zu lesen, sagte DNI-Sprecher Jeffrey Anchukaitis gegenüber "Buzzfeed".© dpa