Nach dem Wahldebakel am vergangen Sonntag setzen die Regierungsparteien in Berlin auf ein bedingungsloses "Weiter so". Viele Beobachter fragen sich, ob das auf Dauer gut gehen kann. Doch ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt: Schon einmal trat ein Bundeskanzler gegen parteiinterne Kritiker für seine Überzeugung ein. Seine Fähigkeit zum Konflikt erwies sich im Rückblick als großer Vorteil für Deutschland.

Die Geburt der Linkspartei ist ein Trauma, von dem sich die SPD bis heute nicht erholt hat. Ausgerechnet die Sozialdemokraten hatten ab 2003 mit der Agenda 2010 eine Reform des deutschen Sozialstaats auf dem Weg gebracht, die monatelang für große Diskussionen sorgte.

SPD-Pleiten in Landtagswahlen

Der SPD bescherte der Umbau des alten westdeutschen Versorgungssystems eine Serie von verlorenen Landtagswahlen - und eine neue politische Konkurrenz am linken Rand.

Die damals nur im Osten erfolgreiche PDS verwandelte sich als direkte Konsequenz der Agenda-Reformen in die Linkspartei, die bis heute der SPD schwer zu schaffen macht. Und Bundeskanzler Gerhard Schröder? Trotz aller Anfeindungen vor allem aus der eigenen Partei, blieb er bei seinem Kurs.

Als der gesellschaftliche und innerparteiliche Druck immer größer wurde, zog er sogar in vorgezogene Neuwahlen - und warb monatelang auf den Marktplätzen der Republik für einen Sozialstaat, den sich das Land auch in Zukunft leisten könne.

Julia Klöckner gilt bereits jetzt als eine mögliche Anwärterin aufs Kanzleramt.

Auch wenn Gerhard Schröder am Ende die Bundestagswahl 2005 knapp verlor, geben ihm heute viele Experten recht: Die Agenda-Reformen haben zu einem wirtschaftlichen Aufschwung in Deutschland entscheidend mit beigetragen.

Ohne Schröders Reformen würde das Land heute wahrscheinlich nicht zu den wirtschaftlich erfolgreichsten Nationen in Europa zähleAln.

Angela Merkel befindet sich in einer ähnlichen Situation

Vieles spricht dafür, dass sich Angela Merkel heute in einer vergleichbaren Situation wie der damalige Kanzler befindet. Merkel hat wie Schröder eine bestimmte Politik für richtig, ja aus ihrer Perspektive für alternativlos erkannt.

In Interviews und Bundestagsreden hat sie immer wieder herausgearbeitet, warum sie eine europäische Lösung der Flüchtlingskrise für unumgänglich hält.

Interessanterweise musste sie dafür nicht nur humane Werte und das Grundgesetz bemühen. Dass eine Rückkehr zu nationalen Grenzkontrollen vor allem der deutschen Wirtschaft schweren Schaden zufügen würde, haben Wirtschaftsverbände in den vergangenen Wochen immer wieder betont.

Eigentlich jeder, der im grenzüberschreitenden Handel tätig ist, unterstützt die Kanzlerin in ihrer Suche nach einer Europäischen Lösung. Denn letztlich geht es Merkel dabei auch um einen Erhalt der EU und des Binnenmarktes, von dem der größte Profiteur immer noch Deutschland ist.

Schon vor diesem nüchtern-ökonomisch betrachteten Hintergrund überrascht es wenig, dass nach den jüngsten Landtagswahlen aus Berlin vor allem Durchhalteparolen zu vernehmen sind. "Wir werden den Populisten nicht hinterherlaufen", sagte SPD-Parteichef Sigmar Gabriel.

Weniger tönend, aber nicht minder eindeutig äußerte sich die Kanzlerin. Bestimmend sei bei den Wahlen gewesen, dass es in der Flüchtlingsfrage auch in den Augen der Menschen "noch keine abschließende Lösung" gebe, betont Merkel in dem ihr eigenen Bürokraten-Deutsch.

Klar sei aber, "dass wir eine europäische Lösung brauchen und dass diese Lösung Zeit braucht". Ein Kurswechsel sieht anders aus.

Dass Horst Seehofer als Chef der an der Koalition beteiligten CSU mal wieder einen Kurswechsel forderte, ging nach den Wahlen als fast erwartbares bayrisches Getöse durch. Ändern wird sich, soviel scheint nur wenige Tage nach den Wahlen klar, am Kurs dieser Regierung indes überhaupt nichts.

Zustimmung für Merkels Flüchtlingspolitik

Kann das gutgehen, fragen viele Beobachter? Die Antwort fällt mit Blick auf die Ergebnisse der Landtagswahlen durchaus verschieden aus.

Richtig ist, dass vor allem die Wahlsiege von Winfried Kretschmann (Grüne) und Malu Dreyer (SPD) von viele Beobachtern als eine Zustimmung für Merkels Politik in der Flüchtlingsfrage gewertet werden.

Beide Ministerpräsidenten hatten offensiv die CDU-Kanzlerin unterstützt, ganz im Gegensatz zu ihren deutlich unterlegenen CDU-Konkurrenten.

Und richtig ist auch, dass mit Sachsen-Anhalt die AfD nicht zufällig in demjenigen Bundesland am stärksten wurde, in dem sich der Ministerpräsident am deutlichsten von der Kanzlerin absetzte - und sich mit vielen Thesen gefährlich nahe dem Gedankengut der Rechtspopulisten um Frauke Petry annäherte.

Will man aus den Wahlen tatsächlich eine politische Handlungsempfehlung für die Zukunft ableiten, dann könnte die durchaus lauten, dass nur ein offensives und kompromissloses Entgegentreten der AfD Einhalt gebieten kann.

Ein Verteidigen und Erklären der Politik in der Flüchtlingsfrage, statt einem schüchternen Verstecken. Oder wie es der ARD-Zahlen-Mann Jörg Schönenborn am Wahlabend mit Blick auf die Ergebnisse sagte: "Wer laviert, verliert".

Es geht um ehrliche Überzeugungsarbeit

Dass das Wahl-Volk durchaus empfänglich für ernst gemeinte Überzeugungsarbeit ist, zeigt das historische Beispiel von Gerhard Schröder. Der Kanzler zog in die vorgezogenen Neuwahlen 2005 mit einer SPD, die in Umfragen deutlich unterhalb der 30 Prozent-Grenze lag.

Er machte keinen Rückzieher, sondern warb auf Marktplätzen und in Turnhallen um eine Reform, die er für richtig erkannt hatte, von der er überzeugt war, obwohl er wusste, dass sie ihm die politische Existenz kosten konnte.

Trotz Wahl-Pleite hält die Kanzlerin an ihrem Kurs fest.

Am Ende lag er nur wenige Prozentpunkte hinter der Politikerin, die sich heute in einer ähnlichen Situation befindet. Und die wie Schröder erst in der Spätphase ihrer Kanzlerschaft den politischen Konflikt sucht, auch gegen aktuelle Umfragewerte, Wahlergebnisse und parteiinterne Einflüsterer.

Am Ende hat Schröder verloren und die Linkspartei etablierte sich dauerhaft. Aber von den Agenda-Reformen profitiert das Land bis heute.

Wohin Merkels Kurs führen wird, kann heute noch niemand vorhersagen - klar ist nur, die Bundesregierung befindet sich an einem ähnlichen Wendepunkt wie einst die rot-grüne Regierung.

Und alles hängt jetzt davon ab, ob es den Regierungsparteien gelingt, die Menschen von ihrem Kurs zu überzeugen. Wer auf die Wahlsieger in Baden-Württemberg und Rheinland Pfalz schaut, dürfte die Hoffnung darauf noch nicht aufgegeben haben.