Von der Weinkönigin zur CDU-Kronprinzessin: Julia Klöckner weiß sich im Wahlkampf in Szene zu setzen – und vom Kurs der Bundeskanzlerin Angela Merkel zu distanzieren. Wer ist die Frau hinter der Polit-Fassade? Und schafft Sie es mit ihrer politischen Spagat-Strategie an die Spitze?

Im März ist es soweit. Dann will die blonde Frau mit dem strahlenden Lächeln Ministerpräsidentin werden. Im CDU-Landtagswahlkampf in Rheinland-Pfalz zeigt sich Julia Klöckner von der mütterlichen, weichen und demütigen Seite. Einerseits.

Dann wieder schlägt sie harte Töne an und grenzt sich von Kanzlerin Angela Merkel selbstbewusst ab. Aktuell bestimmt nicht die Landespolitik, sondern die Flüchtlingspolitik den Wahlkampf. Die 43-Jährige positioniert sich gekonnt mit einer Mischung aus Demut, aber eben auch Härte und Direktheit.

CDU-Vize setzt in der Flüchtlingskrise gezielt Contra-Punkte zur Bundespolitik.

Im September 2015 forderte die stellvertretene Parteichefin eine gesetzliche Pflicht zur Integration von Flüchtlingen und die verbindliche Teilnahme an Sprachkursen sowie Gesetzes- und Verfassungstreue. Mit ihrer entschlossenen und wohl kalkulierenden Art gewann sie sogar SPD-Chef Sigmar Gabriel für sich – vorerst zumindest. Zuletzt knöpfte sich Gabriel die CDU-Wahlkämpferin dann aber doch vor.

Julia Klöckner: Mehr Horst Seehofer als Angela Merkel

"Es ist weder klug noch anständig, der deutschen Kanzlerin mitten in den europäischen Verhandlungen in den Rücken zu fallen", sagte Gabriel "Spiegel Online".

Der Vizekanzler attackierte mit diesem Satz vor allem Klöckner, die in ihrer Funktion immerhin Stellvertreterin Merkels an der CDU-Bundesspitze ist. "So untergräbt Frau Klöckner die deutsche Verhandlungsposition und schwächt die Autorität der deutschen Bundeskanzlerin", schimpfte Gabriel.

Damit nimmt Gabriel Bezug auf eine Erklärung der CDU-Spitzenkandidaten in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg, Julia Klöckner und Guido Wolf, am vergangenen Sonntag. Offiziell steht Klöckner hinter Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Doch während Merkel auf eine gesamteuropäische Lösung der Flüchtlingskrise setzt, fordert Klöckner im Wahlkampf nationale Maßnahmen wie etwa die umgehende Einführung tagesaktueller Flüchtlingskontingente – ähnlich wie es die CSU fordert oder es in Österreich bereits Praxis ist.

Was die Flüchtlingspolitik von Parteichefin Merkel anbelangt, geht Klöckner also auf Distanz – und nähert sich langsam der Position des bayrischen CSU-Ministerpräsidenten Horst Seehofer an.

Als "Seehofer light" beschreibt sie beispielsweise "Spiegel Online", statt eine starre Obergrenzen fordert die 43-Jährige "flexible Tageskontingente", statt ein "Weiter so!" im Merkelschen Sinne will Klöckner eine rasche Kurskorrektur. "Eine Reduzierung der Flüchtlingszahlen bedeutet beides: Herz und Härte", schreiben Klöckner und Wolf in ihrem Papier.

Der Zeitpunkt für die Offensive aus dem Südwesten ist vor der Landtagswahl bewusst gewählt. "Wir müssen den Leuten Lösungen anbieten", heißt es aus der rheinland-pfälzischen CDU rund um Klöckner.

Die Wahlkämpfer befürchten, dass die für den Winter ohnehin noch hohen Flüchtlingszahlen bald weiter steigen - und die eigenen Umfragewerte sinken.

Aktuellen Umfragen zufolge ist die CDU in Rheinland-Pfalz noch immer stärkste Kraft, aber der Vorsprung auf die SPD schmilzt. Zudem erhöht der stete Zuwachs der rechtspopulistischen AfD in den Umfragen den Druck auf Klöckner. Die AfD könnte demnach sogar drittstärkste Kraft werden.

Bodenständig, direkt und ohne Berührungsängste

Die Katholikin Klöckner gibt sich gern bodenständig und zupackend. Sie ist in Guldental, nördlich vom reinland-pfälzischen Bad Kreuznach, aufgewachsen. Das zeigt sie gern: "Dialekt kommt mir halt immer wieder durch", schreibt sie auf Facebook.

"Gebt den Leut’ ordentlisch zu trinke", forderte Klöckner vor einigen Jahren bei Parteitagen im Wormser Umland. "Net nur reden, sein und machen", sagte Klöckner im Gespräch mit der "taz".

Klöckner ist kirchlich geprägt, tritt gleichzeitig auch für die Rechte von Homosexuellen ein. Sie wirkt wertkonservativ, aber doch emanzipiert. Damit punktet sie auch bei den Wählern. Ihr Lebensmodell ist nicht typisch konservativ: unverheiratet, kinderlos. Klöckner ist mit Medienmanager Helmut Ortner liiert.

Bevor die studierte Theologin und Lehrerin 2010 in Rheinland-Pfalz Parteichefin wurde, reiste die Winzertochter als Weinkönigin von Deutschland um die Welt. Berührungsängste hat sie keine. Im Gegenteil: Die CDU-Politikerin schüttelt jede Hand, die sie kriegen kann.

Eine der CDU-"Kronprinzessinnen"

In ihrer Zeit als Landeschefin ist es ihr jedenfalls gelungen, den zuvor oft zerstrittenen Landesverband geschlossen hinter sich zu bringen. Seit 2010 ist sie Landesvorsitzende in Rheinland-Pfalz, seit 2012 auch eine Stellvertreterin der CDU-Bundesvorsitzenden Merkel.

Von 2002 bis 2011 hatte die frühere Chefredakteurin des Wein-Fachblatts "Sommelier-Magazin" im Bundestag gesessen.

Nach Einschätzung der SWR-Journalistin Evi Seibert gehört Julia Klöckner neben Ursula von der Leyen und Annegret Kramp-Karrenbauer zu den "Kronprinzessinnen" in der CDU, die einmal aus dem Kanzleramt heraus die Geschicke Deutschlands lenken könnten.

Ihre ehrliche wirkende Klarheit und eindeutige Positionierung - gerade in der Flüchtlingskrise - könnte auch bei Wählern unterschiedlichen Alters gut aufgenommen werden.

Ob Klöckner das Zeug zur Kanzlerin hat, wird sich zeigen. Wenn sie am 13. März die Wahl in Rheinland-Pfalz gewinnt, könnte sie auf Landesebene ihren Führungsanspruch fürs Kanzleramt formulieren.