Ein Alptraum wird für die CDU Realität. In ihrer einstigen Bastion Baden-Württemberg wird sie von den Grünen als stärkste Kraft überholt. Doch wer das Land künftig regiert, ist noch offen.

In Baden-Württemberg tritt das schier Unvorstellbare ein: Die Grünen mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann gehen ersten Zahlen zufolge am Sonntag als stärkste Kraft aus der Landtagswahl hervor.

Die CDU mit ihrem Spitzenkandidaten Guido Wolf muss sich in dem Land, das sie bis 2011 rund 58 Jahre lang regiert hat, wohl mit dem zweiten Platz zufriedengeben. Für die Christdemokraten ist das ein beispielloses Desaster. Für die Fortsetzung der grün-roten Regierung reicht es wahrscheinlich aber auch nicht.

Große Verlierer

Landtagswahlen: Medien kommentieren Erstarken der AfD.

Denn es gibt noch einen zweiten großen Verlierer: Die SPD, bislang Koalitionspartner der Grünen, büßt im Vergleich zu 2011 massiv an Stimmen ein und fährt in Baden-Württemberg das schlechteste Ergebnis aller Zeiten ein.

Sie dürfte ebenso wie die CDU viele Wähler an die rechtspopulistische Alternative für Deutschland (AfD) verloren haben, die wohl mit einem zweistelligen Ergebnis ins Parlament einzieht.

Die Grünen vor der CDU - das ist eine Sensation. Vor fünf Jahren sah es danach aus, als ob der CDU-Machtverlust nur ein "Betriebsunfall" war - bedingt durch die Atomkatastrophe im japanischen Fukushima, den Konflikt um das Bahnprojekt Stuttgart 21 und das autoritäre Gebaren des damaligen CDU-Ministerpräsidenten Stefan Mappus.

Nun sind die Grünen in Baden-Württemberg dreimal so stark wie im Bund. Der erste Grünen-Ministerpräsident nutzte die Zeit an der Macht, um sich zu einer echten Alternative für einstige CDU-Wähler im konservativen Ländle zu entwickeln: Er gibt sich authentisch, pragmatisch, bodenständig, wertkonservativ und auf Konsens bedacht.

CDU blieb blass

Der 54 Jahre alte CDU-Herausforderer Wolf blieb neben dem 67-Jährigen Kretschmann blass und fiel im Wahlkampf auch nicht mit zündenden Ideen auf. Und die SPD wurde im Zweikampf zwischen Kretschmann und Wolf förmlich zerrieben.

Nun könnten die Tage von SPD-Landeschef Nils Schmid, der auch Spitzenkandidat war, gezählt sein - es sei denn, er schafft es mit seiner Partei doch noch in die Regierung.

CDU wird abgestraft - aber wohl nicht wegen des Flüchtlingskurses der Kanzlerin.

Das Wahlergebnis ist zum Großteil auch bestimmt von der Flüchtlingskrise. Die AfD profitiert von der Unzufriedenheit vieler Menschen mit dem Thema. Die Südwest-CDU präsentierte sich beim Flüchtlingsthema als zerrissene Partei.

Ihre Vertreter waren einerseits darauf Bedacht, den offenen Konflikt mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU) zu vermeiden. Andererseits gab es Sympathie für den rigideren Kurs von CSU-Chef Horst Seehofer.

CDU-Spitzenkandidat Wolf lavierte zwischen den Polen. Er fiel zeitweise Merkel in den Rücken, während diese eine Lösung auf europäischer Ebene suchte. Kretschmann stellte sich hingegen klar und demonstrativ an die Seite der Bundeskanzlerin.

Bei der CDU-Fraktion im Landtag herrschte nach Bekanntgabe der Prognosen eisiges Schweigen. Erst als angezeigt wurde, dass Grün-Rot wohl keine Mehrheit zum Weiterregieren hat, gab es etwas Applaus.

Ampel-Koalition möglich

Wenn es nicht doch noch für Grün-Rot reicht, wäre theoretisch ein Dreierbündnis möglich - eine Ampel aus Grünen, SPD und FDP oder eine Deutschlandkoalition aus CDU, SPD und FDP.

Landtagswahlen verändern politische Landschaft in Deutschland.

Doch die Liberalen wollen eigentlich keine gemeinsame Sache mit Grün-Rot machen. Und die SPD zeigt wenig Bestreben, sich der CDU und der FDP anzudienen. Damit könnte es in Baden-Württemberg auf eine grün-schwarze Koalition hinauslaufen - das wäre dann eine deutschlandweite Premiere.

Kretschmann selbst hat bereits früher ernsthaft mit Bündnissen aus CDU und Grünen geliebäugelt. 2006 sondierte er mit dem damaligen Regierungschef Günther Oettinger (CDU) die Chancen einer schwarz-grünen Koalition im Land. Der damalige CDU-Fraktionschef Mappus machte dem Treiben dann ein Ende.

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