Ein Ortsvorstand der CDU in Rheinland-Pfalz hat mit verletzenden Äußerungen über die schwere Krankheit von Ministerpräsidentin Malu Dreyer für Entsetzen gesorgt. Dreyer, die aufgrund von Multiple Sklerose mitunter auf den Rollstuhl angewiesen ist, fahre für die SPD im Landtagswahlkampf auf der "behinderten Mitleidsschiene", schreibt Daniel Wilms bei Facebook und legt trotz massiver Empörung kräftig nach.

Vor rund 20 Jahren wurde bei Malu Dreyer Multiple Sklerose diagnostiziert - eine Erkrankung des zentralen Nervensystems. Schnell hatte sich die SPD-Politikerin dazu entschieden, in der Öffentlichkeit offensiv mit ihrem Schicksal umzugehen.

Sie wolle zeigen, "dass in dieser Gesellschaft heutzutage vieles möglich ist und dass eine Einschränkung dieser Art kein Hindernis mehr ist, bestimmte Ämter auszuführen", hatte sie in der Vergangenheit erklärt.

Attacken auf ein Interview ohne Worte

Dazu hatte Dreyer bereits 2013 ein Interview ohne Worte in der längst berühmten Serie der "Süddeutschen Zeitung" (SZ) gegeben. Unter dem Titel "Sagen Sie jetzt nichts..." müssen dort berühmte Personen Fragen nonverbal nur durch Mimik und Gestik beantworten.

Ein Format, dessen Beleibtheit daraus resultiert, dass in der Regel hochamüsante Fotos entstehen. SPD-Unterstützer Björn Rodday hatte die Serie auf seiner Facebookseite gepostet, weil sie zeige, "wie authentisch, menschlich und nahbar unsere Ministerpräsidentin ist! Ganz im Gegenteil zu so manch auswechselbarer CDU-Figur...". Das Echo folgte prompt.

Der Koblenzer CDU-Ortsvorstand Daniel Wilms griff die Bilder auf, um Dreyer massiv zu attackieren.

SPD-Ministerpräsidentin Malu Dreyer leidet seit 1994 an Multiple Sklerose.

Wilms riet der 55-Jährigen, sie solle wegen ihrer Erkrankung "Erwerbsminderungsrente beantragen und abtreten." Doch damit nicht genug. Wilms beschuldigt Dreyer, sie nutze ihre körperliche Behinderung und die Hilfe eines Rollstuhl lediglich für den Wahlkampf.

"Am Ende klagt ihr Socken noch nach dem Landesbehindertengesetz auf Gleichstellung. Schämt Euch!", poltert der CDU-Politiker auf seiner Facebookseite. Die "Rote Socke" ist ein abschätziges Synonym für SPD-Politiker. Ein möglicher Ursprung wird im Schimpfwort "Gesocks" vermutet.

Ab nach Hause zum Putzen!

In der "SZ"-Fotoserie wurde Dreyer gefragt, wie sie ein Wochenende in einem sozialen Wohnprojekt verbringen würde. Dreyer entschied sich fürs Bodenständige und posierte mit einem Staubwedel. Wilms kommentierte das Bild mit den Worten: "Ab nach Hause! Für den Hausputz reicht es noch...".

CDU-Lokalpolitiker Wilms zog zudem eine fragwürdige Parallele zu Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, um Dreyer weiter anzugreifen: "Lichten wir Schäuble ab, um 'behinderte' Stimmen zu bekommen?"

Björn Rodday, der Dreyers Foto-Serie ursprünglich auf seine Seite gestellt hatte, fragte bei Wilms entsetzt nach, ob dieser tatsächlich ein offizielles CDU-Amt bekleide. Wilms Antwort: "Selbstverständlich. Vor allem, wenn man gegen euren 'behinderten' Filz im Land ist...".

"Ich bin empört und erschüttert", erklärt SPD-Generalsekretär Jens Guth in einer Stellungnahme zu den geschmacklosen Angriffe des CDU-Lokalpolitikers. Mit seinen Äußerungen bewege sich Daniel Wilms "auf einem neuen Level der Niedertracht", meint Guth und wird noch deutlicher: "Wilms' Aussagen sind menschenverachtend und widerlich."

Das sehen auch Parteifreunde von Daniel Wilms so und versuchen verzweifelt zu retten, was zu retten ist. Jan Zimmer, der CDU-Landesgeschäftsführer von Rheinland-Pfalz erklärte beispielsweise auf Twitter: "Geht gar nicht und ist voll daneben."

Angeblich habe auch der CDU-Ortsverband bereits versucht, Wilms nicht nur zum Rücktritt, sondern sogar zum Austritt aus der CDU zu drängen, berichtet die "Welt". Wilms löschte zwar den initialen Facebook-Post mit seinen herabwürdigenden Kommentaren, bleibt aber beim Inhalt seiner Äußerungen.

SPD-Generalsekretär Jens Guth hatte betont, er erwarte eine Erklärung der CDU sowie von der rheinland-pfälzischen Spitzenkandidatin Julia Klöckner. Klöckner kommentierte den Fall dann auch gegenüber dem SWR: "Es ist geschmacklos."

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