Die AfD hat in Sachsen-Anhalt 24 Prozent der Stimmen geholt, Spitzenkandidat André Poggenburg triumphiert. Der Rechtsaußen-Flügel der Partei ist gestärkt - auch dank Hardliner Björn Höcke.

André Poggenburg ist in Sachsen-Anhalt der Mann des Abends. Noch vor Kurzem wurde er für seinen Plan "20 plus x" belächelt, nun zieht die AfD tatsächlich mit 24 Prozent der Stimmen als zweitstärkste Partei in den Magdeburger Landtag. "Wir haben heute Rekorde gebrochen", ruft er seinen Leuten zu. "Wir haben Politik wieder interessant gemacht."

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Viel mehr hören seine Anhänger nicht mehr von ihm. Poggenburg verschwindet in dem kleinen Raum, der im Event Tagungs Center Magdeburg für die rechte Zeitung "Compact" reserviert ist. Für jenes Blatt, das regelmäßig gegen Flüchtlinge hetzt und rechtspopulistischen und verschwörungstheoretischen Positionen eine Plattform bietet. Dort gibt Poggenburg ein ausführliches Interview. An den zahlreichen Kameras und Mikrofonen, die im Flur auf ihn warten, rauscht er vorbei.

Für Poggenburg ist die Situation neu: Genauso wie seine Partei in Sachsen-Anhalt von 0 auf 24 Prozent kommt, so ist der 41-Jährige erst vor zweieinhalb Jahren überhaupt in die Politik gestartet. Und schon bringt er Landesvater Reiner Haseloff in die Bredouille: Auch wenn niemand mit der AfD koalieren will, muss umgedacht werden. Die schwarz-rote Koalition allein reicht nicht mehr.

Poggenburgs Saubermann-Image bekam Kratzer

Poggenburgs Karriere ist steil: Kurz nach seinem AfD-Eintritt wurde er Landeschef, scheiterte als Landratskandidat, zog aber in den Kreistag des Burgenlandkreises ein. Zudem schaffte er es, knapp in den Bundesvorstand gewählt zu werden. Am Wahlabend kann er sein erstes politisches Ziel, das er angehen will, noch nicht benennen. Dennoch fühle er sich "auf ganzer Linie bestätigt", sagt er.

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Poggenburg ist unverheiratet und kinderlos. Kürzlich war er wegen finanzieller Unregelmäßigkeiten in seinem Unternehmen für Autozubehör in die Kritik geraten. Dass sein bisher gepflegtes Image des Saubermanns dadurch angekratzt ist, schadete dem AfD-Landesvorsitzenden offenbar nicht.

Er selbst räumte "ein gewisses Versäumnis bei der ordnungsgemäßen Buchhaltung" ein, er stecke aber entgegen manchen Behauptungen in Internetforen "nicht in einem Insolvenzverfahren". Auch sein Landesverband erklärte, dass es auch zu früheren Zeitpunkten mehrere Erzwingungshaftandrohungen gegeben habe. Die Beträge bis etwa 3000 Euro seien aber beglichen worden. Dennoch musste Poggenburg sich nachsagen lassen, eine Abgeordnetendiät gut gebrauchen zu können.

Für die lauten Worte hat sich der Politikneuling einen Parteifreund an die Seite geholt: den Landes- und Fraktionschef aus Thüringen, Björn Höcke. Und der liefert: "Hier und heute beginnt eine neue Epoche in der Bundesrepublik", ruft er den Wahlkämpfern zu.

Der ehemalige Gymnasiallehrer Höcke ist in Westdeutschland sozialisiert. Er klingt oft völkisch, etwa wenn er über unterschiedliche Reproduktionsstrategien von Europäern und Afrikanern referiert.

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Das "gigantische" Ergebnis in Sachsen-Anhalt deutet er als Klatsche für Angela Merkel: "Noch niemals hat ein Kanzler diesem Land so schweren Schaden zugefügt wie diese Frau." Die Bundeswehr sei handlungsunfähig, das gute Verhältnis zu Russland sei kaputt. Und die Kanzlerin versuche, ein gewachsenes Volk mit Gewalt in eine multikulturelle Gesellschaft zu transformieren. Nun sei der logische Schritt: ihr Rücktritt.

Höcke und Poggenburg sind innerhalb der AfD ein eingespieltes Team. In ihrer Radikalrhetorik schlagen beide ähnliche Töne an, fordern schärfere Mittel gegen das "Asylchaos in Berlin" oder eine "Obergrenze von null". In der Präambel des Wahlprogramms schreibt Poggenburg mit Blick auf die Hitler-Ära: "Eine einseitige Konzentration auf zwölf Unglücksjahre unserer Geschichte verstellt den Blick auf Jahrhunderte, in denen eine einzigartige Substanz an Kultur und staatlicher Ordnung aufgebaut wurde." Worte, die auch aus Höckes Feder stammen könnten.

Verfestigt sich nun also die neue Rechtsaußen-Flanke der AfD?

Die 24 Prozent in Sachsen-Anhalt deuten darauf hin. Björn Höcke sitzt schon seit 2014 mit zehn weiteren AfD-Abgeordneten im Thüringer Landtag. Nun kommen in Sachsen-Anhalt 28 Landtagsabgeordnete hinzu. Höcke und Poggenburg steuern die parteiinterne rechte Plattform "Der Flügel".

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Ein Blick auf die Zahlen zeigt aber: Allzu viel Gewicht haben die beiden Landesgruppen nicht. Die AfD Thüringen hat laut der "Thüringer Allgemeinen Zeitung" 620 Mitglieder, in Sachsen-Anhalt sind es kaum mehr als 300 Leute. Zum Vergleich: Insgesamt zählt die Alternative für Deutschland etwa 20.000 Mitglieder.

Rechte Parolen waren auf der Wahlparty nicht zu hören. Um "Herrn Poggenburg und mich" sei es ja gar nicht gegangen, sagte Höcke SPIEGEL ONLINE. Vielmehr hätten beide im Wahlkampf "alles gegeben". Das Ergebnis sei nun "historisch und überwältigend".

Das Gewicht der AfD in der Bundespolitik werde zunehmen, so Höcke. "Keine Partei hat so stark polarisiert. Wir haben jetzt schon die Bundespolitik beeinflusst."

Auch Poggenburg sagte SPIEGEL ONLINE, aus dem "gewaltigen Achtungserfolg" in gleich drei Bundesländern könne man nun Rückschlüsse für anstehende Landtagswahlen ziehen - und letztlich auch für die Bundestagswahl 2017.

Ein Signal an die AfD-Bundesvorsitzende sieht Poggenburg darin aber nicht: "Ich weiß nur, Frauke Petry hat uns im Wahlkampf geholfen", so Poggenburg. "Ich würde mich freuen, wenn wir jetzt mehr zusammenwachsen."© SPIEGEL ONLINE