Ein Sieg für Donald Trump und Bernie Sanders - ein Paukenschlag in den US-Vorwahlen. Das komplizierte Wahlverfahren ist gut für Underdogs, doch normalerweise haben die Partei-Eliten das letzte Wort. Das könnte dieses Mal anders sein.

Die Vorwahlen in New Hampshire erschüttern das politische Amerika: Die Außenseiter Bernie Sanders und Donald Trump holen die meisten Stimmen bei dem wegweisenden Urnengang. Mit Hillary Clinton steckte eine Kandidatin des Establishments eine deftige Niederlage ein.

Doch wirklich überraschend kommt das für den USA-Experten Dr. Josef Braml nicht. "Die meisten Amerikaner haben mittlerweile eine tiefe Abneigung gegen die etablierte Politik", erklärt der Wissenschaftler von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik im Gespräch mit unserem Portal.

Die Vorwahlen sind in ihren Grundzügen das genaue Gegenteil der verhassten etablierten Politik - die Parteibasis versammelt sich, um ihre Kandidaten zu küren.

Ein leichtes Spiel also für Revoluzzer? Nicht ganz: Es gibt einige Besonderheiten im System, die etablierte Politiker bevorteilen. Wir erklären alles Wichtige zu den US-Vorwahlen.

Warum die Vorwahlen?

In den Vorwahlen küren die Parteien ihre Kandidaten für die Präsidentschaftswahl.

Im frühen 19. Jahrhundert einigten sich die Kongressabgeordneten einfach auf einen Mann aus ihrer Mitte, doch mit den Jahrzehnten demokratisierte sich der Prozess. Nun kommt es auch auf die Parteibasis an - und genau das macht den Eliten bei den Demokraten und vor allem den Republikanern im Moment so zu schaffen.

Wenn er die Wahl gewinnt: Trump will Folter-Methoden einführen.

Donald Trump kann mit seinen chauvinistischen Sprüchen bei den einfachen Bürgern punkten. "Bei den Hauptwahlen würde Trump damit jedoch keinen Blumentopf holen", sagt Dr. Braml von der DGAP. "Das sieht auch die Partei-Elite der Republikaner so und beobachtet seine Kandidatur mit Entsetzen."

Normalerweise haben die Parteien einige Trümpfe in der Hand, die Außenseitersiege verhindern. Doch das könnte dieses Jahr anders sein. Noch haben die Republikaner kein Rezept gegen Trumps Erfolg.

Braml macht darauf aufmerksam, dass US-Parteien keine Rolle in der Politikgestaltung spielen, die amerikanische Politik kennt keine Fraktions- oder Parteidisziplin. "Selbst die Minimalfunktion als Wahlvereine haben sie mittlerweile an Interessengruppen und Milliardäre verloren."

Wie laufen die Vorwahlen ab?

Es gibt dafür keine allgemeingültigen Regeln und viele Sonderformen.

Der größte Unterschied besteht in der Art der Wahl - entweder im Caucus oder in der "Primary".

Die Caucus-Methode erinnert an eine Bürgerversammlung, die Wähler treffen sich in Schulturnhallen, Kirchen oder Wohnhäusern und zeigen ihre Unterstützung für die Kandidaten, in dem sie sich vor ihm gruppieren. Bei den Demokraten wird dann öffentlich ausgezählt, die Republikaner benutzen meist Wahlzettel. Nur zehn der fünfzig US-Bundesstaaten wenden die Caucus-Methode an, darunter Iowa. Die "primaries" ähneln der eigentlichen Wahl - mit Stimmzetteln, Kabinen und Wahlurnen.

Wer darf wählen?

Wer wählen darf, unterscheidet sich ebenfalls von Bundesstaat zu Bundesstaat. Voraussetzung ist das aktive Wahlrecht, also dürfen nur volljährige US-Bürger ihre Stimme abgeben.

In "geschlossenen" Abstimmungen sind nur registrierte Parteimitglieder zugelassen, in "halbgeschlossenen" dürfen auch Demokraten bei den Republikanern wählen, allerdings darf niemand Stimmen bei beiden Vorwahlen abgeben.

Es kann übrigens durchaus Sinn ergeben, bei der "falschen" Partei mitzumischen: Angeblich haben 2012 Obama-Fans in Michigan massiv für Rick Santorum gestimmt, weil sie den Republikaner für den schwächeren Kandidaten als Mitt Romney hielten.

Auf dieser Website können Sie seine Frisur virtuell durcheinanderwirbeln.

Frei für alle stehen die "offenen" Vorwahlen, auch hier gilt aber: Die Bürger müssen sich für eine Partei entscheiden.

Gewählt werden Delegierte für die große "national convention" der Parteien. Die Republikaner küren ihren Kandidaten vom 18. bis zum 21. Juli in Cleveland, die Demokraten eine Woche später in Philadelphia.

Wie viele Delegierte die einzelnen Bundesstaaten schicken, bestimmt ein Schlüssel aus der Einwohnerzahl und einem Bonus für Parteihochburgen.

Die Demokraten verteilen die Delegierten proportional: Wer 50 Prozent der Stimmen in einem Bundesstaat erringt, bekommt 50 Prozent der Delegierten. Bei den Republikanern gilt in einigen Staaten das "Winner-takes-it-all"-Prinzip.

Insgesamt entsenden die Demokraten in diesem Jahr 4.764 Delegierte, die Republikaner 2.472. Auch hier gibt es Unterschiede: Die "pledged delegates" halten sich für gewöhnlich an den Auftrag ihrer Wähler und stimmen für einen bestimmten Kandidaten.

Die "Superdelegates" können sich ihren Favoriten frei auswählen, sie setzen sich aus den wichtigsten Parteimitgliedern zusammen: Kongressabgeordnete, Senatoren, ehemalige Präsidenten - das Establishment der Partei also, das traditionell Kandidaten bevorzugt, die aus ihren Reihen kommen.

Das lässt sich schon jetzt beobachten: Die Demokraten haben 713 "Superdelegates", 362 von ihnen haben sich bereits für Hillary Clinton entschieden. Bernie Sanders kann mit ganzen 8 Stimmen aus ihren Reihen rechnen.

Was macht Iowa und New Hampshire so wichtig?

Auf den ersten Blick scheint der mediale Fokus auf die ersten Vorwahlen völlig übertrieben zu sein. In Iowa stimmten bei den Republikaner nicht einmal 200.000 Menschen ab, in New Hampshire waren es nur rund 50.000 mehr. Und trotzdem sind diese ersten beiden Vorwahlen entscheidend: Seit 1980 haben die Präsidentschaftskandidaten mindestens eine der beiden Abstimmungen gewonnen, mit einer einzigen Ausnahme: Bill Clinton.

Die Gründe sind vielfältig: Die Medienmaschinerie läuft ab der ersten Abstimmung in Iowa auf Hochtouren. Die Kandidaten investieren unverhältnismäßig viel Geld und Zeit in ihre Kampagnenstarts, weil es sonst schnell vorbei sein kann.

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Wer Erfolg hat, kann darauf zählen, dass mehr Spenden fließen und die "Superdelegates" ihre Unterstützung zusichern. Eine sehr wichtige Rolle spielt auch der Fakt, dass nicht alle Bundesstaaten gleichzeitig abstimmen. So baut jede Wahl auf der letzten auf - und beeinflusst die Wähler an den nächsten Terminen.

Wie geht es weiter?

Die nächsten Vorwahlen finden in Nevada und South Carolina statt. Wirklich wichtig wird es dann am 1. März, am "Super Tuesday".

Zwölf Staaten wählen dann gleichzeitig, jeweils rund ein Fünftel der Delegiertenstimmen werden an diesem Tag vergeben. Eine gute Übersicht über die genauen Termine und die Ergebnisse liefert die "New York Times" auf ihrer Themenseite.

Wann fällt die Entscheidung?

Die Vorwahlen laufen bis in den Juni. Es kann vorkommen, dass sie schon im Februar entschieden sind - so wie 2008, als John McCain bei den Republikanern früh triumphierte.

Da es in diesem Jahr bei beiden Parteien nach einem engen Rennen aussieht, könnte es bis zum Schluss spannend bleiben. Hillary Clinton und Barack Obama duellierten sich 2008 bis in den Juni hinein, bis die "Superdelegates" schließlich den Ausschlag für Obama gaben.

Dr. Josef Braml ist USA-Experte der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) in Berlin und konnte zuvor als Mitarbeiter renommierter amerikanischer Politikberatungsinstitute und im Kongress der USA die Entscheidungsträger, Meinungsführer und entscheidende Kräfte im Machtgefüge der amerikanischen Politik und Wirtschaft hautnah beobachten. Im März erscheint sein neues Buch mit dem Titel "Auf Kosten der Freiheit: Der Ausverkauf der amerikanischen Demokratie und die Folgen für Europa" im Quadriga-Verlag.