Bisher schien Donald Trump immun gegen Kritik. Doch jetzt bekommt er richtig Feuer, sogar Präsident Obama schaltet sich in den Wahlkampf ein. Endet die Glückssträhne des Milliardärs?

Es soll ein ganz wichtiger Auftritt werden für Donald Trump. Am Montag will er in Washington vor den Mitgliedern der Israel-freundlichen Lobby-Gruppe AIPAC (The American Israel Public Affairs Committee) eine Grundsatzrede über Außenpolitik halten, ein Pflichttermin für alle wichtigen US-Politiker.

Präsidentschaftskandidaten bemühen sich normalerweise, vor der AIPAC-Mitgliedschaft jene präsidiale Gravitas zu verströmen, die es braucht, um in den USA in das höchste Staatsamt gewählt zu werden. Doch der Auftritt von Trump könnte im Eklat enden.

Gesamtstand, Vorwahl-Siege, Termine: So laufen die US-Vorwahlen.

Seit Tagen machen etliche Mitglieder von AIPAC gegen Trump mobil. Viele amerikanische Juden fühlen sich durch Trumps Hass-Reden gegen Migranten an die Zeiten des Faschismus in Europa erinnert. Andere werfen ihm vor, nicht klar genug an der Seite Israels zu stehen. Eine Gruppe von Rabbinern will das Jahrestreffen boykottieren, es wird mit Störungen und Demos während der Trump-Rede gerechnet.

Rechthaberei und demagogische Pöbeleien

Seit seinen jüngsten Erfolgen bei den Vorwahlen in Florida und Illinois nimmt in den USA der Widerstand gegen eine mögliche Präsidentschaftskandidatur des populistischen Milliardärs deutlich an Schärfe zu. Proteste kommen dabei nicht mehr nur allein von linken Aktivisten oder Trump-Gegnern in der republikanischen Partei, sondern aus ganz unterschiedlichen Teilen der Gesellschaft.

Bislang war Provokation Trumps Markenzeichen, er konnte darauf setzen, dass es gerade die politischen Unkorrektheiten sind, die seine Anhänger lieben. Doch inzwischen stellt sich die Frage, wie lange diese Strategie noch aufgeht.

Trump hat sich mit seiner Rechthaberei und seinen demagogischen Pöbeleien eine Menge Feinde gemacht, bald könnten es zu viele sein. Eine neue Umfrage zeigt, dass mehr als die Hälfte aller weiblichen Wähler Trump klar ablehnt - sie halten ihn für einen reaktionären Frauenfeind. Seit Tagen liefert sich Trump einen öffentlichen Kleinkrieg mit der Fox-Moderatorin Megyn Kelly. Der konservative Sender sah sich am Freitag dazu gezwungen, die Moderatorin in einem öffentlichen Statement in Schutz zu nehmen. Trump warf der Sender vor, er verhalte sich "unterhalb der Würde eines Präsidentschaftskandidaten". Ein einmaliger Vorgang. Trump hatte Kelly zuvor bei Twitter als "krank" und "überbewertet" beschimpft. Ihre TV-Show müsse boykottiert werden. Kelly selbst twitterte den Link der Umfrage, in der Frauen Trump schlecht bewerten.

Sie bellt, er gackert: Dieser Wahlwerbespot ist reine Provokation.

In den Medien hat Trump kaum mehr Freunde. Fein säuberlich werden seine Lügen und Halbwahrheiten aufgespießt. Der TV-Sender NBC wies Trump nach, dass er jüngst zum gleichen Thema innerhalb von wenigen Minuten zwei komplett unterschiedliche Antworten gab. Es ging um den TV-Spot, in dem Frauen ihm seine Macho-Sprüche vorhalten. Bei ABC erklärte Trump, er habe den Spot gesehen, bei NBC sagte er wenige Minuten später, er habe den Spot nicht gesehen - ein echter Trump. Hier das Video:

"Politico" analysierte Trump-Reden und Pressekonferenzen mit einer Gesamtlänge von fast fünf Stunden und stellte danach fest: fast 60 seiner öffentlichen Aussagen waren falsch oder mindestens übertrieben. Der frühere Präsidentschaftskandidat Mitt Romney erklärte, der sogenannte Trumpismus stehe für Rassismus, Geschmacklosigkeit und Engstirnigkeit. In den anstehenden Vorwahlen sollten alle Republikaner für Ted Cruz stimmen.

Auch aus der Tea-Party-Bewegung kommt neue Kritik. In einem TV-Interview meldete sich die einstige Heldin der Bewegung, Christine O'Donnell, mit einer scharfen Attacke zu Wort. Sie könne nicht länger schweigen, erklärte die strammkonservative Republikanerin. Trump sei als Kandidat schlicht untragbar, er habe sich nie für die Mittelklasse eingesetzt - und werde es auch in Zukunft nicht tun.

Noch tut Trump so, als könne ihm die massive Kritik von allen Seiten nichts anhaben. Doch womöglich ahnt auch er, dass sich seine Strategie schon bald als hochriskant erweisen könnte. Vor allem im Lager seiner potenziellen Gegnerin bei den Präsidentschaftswahlen, Hillary Clinton, tut sich Erstaunliches: Dort schließen sich die Reihen, die Kandidatin kann sich über neue prominente Unterstützung freuen.

Obamas Wort zählt bei vielen Wählern immer noch

So wird bei den Demokraten fest damit gerechnet, dass sich schon bald Präsident Barack Obama massiv für Clinton einsetzen wird. Echte Freunde waren Clinton und Obama nie. Auch halten sich Präsidenten im Kampf um ihre Nachfolge öffentlich eher zurück.

Doch das Erstarken von Trump bereitet Obama offenbar so große Sorgen, dass er sich bei einem Dinner mit Spendern der Partei in der vorigen Woche bereits eindeutig für sie positioniert haben soll. Von ihrem parteiinternen Konkurrenten Bernie Sanders war keine Rede mehr. Mehrere Mitglieder der Obama-Regierung stellten sich ebenfalls klar hinter Clinton.

Auch wenn der scheidende Präsident politisch bald eine "Lame Duck", eine lahme Ente, ist - sein Wort zählt bei vielen Wählern immer noch. Obama ist beliebt wie lange nicht, gerade stiegen seine Zustimmungswerte in der Bevölkerung auf 50 Prozent, der höchste Wert seit Jahren.

Und Trump? Er gibt weiter den Poltergeist. Weil das konservative "Wall Street Journal" ihm vorrechnete, dass seine Konkurrentin Clinton in den Vorwahlen bereits eine Million Wähler mehr gewinnen konnte als er, explodierte Trump: Die Chefredakteure des Journals seien "Dummköpfe", schimpfte er. Noch ein echter Trump.© SPIEGEL ONLINE