Der Milliardär Michael Bloomberg erwägt einen späten Einstieg ins Rennen ums Weiße Haus. Republikaner und Demokraten sind irritiert: Was will der Ex-Bürgermeister von New York?

Einen "Privatier, der ein großes Unternehmen besitzt" nennt ihn Marco Rubio, der Senator aus Florida. Als "guten Bürgermeister" bezeichnet ihn Chris Christie, Gouverneur von New Jersey. Und Jeb Bush beschreibt den 73-Jährigen einfach als "netten Mann". Aber Präsident? Niemals - so der Tenor der drei Republikaner.

Die Rede ist von Michael Bloomberg. Besitzer des gleichnamigen Medien- und Finanzimperiums, Ex-Bürgermeister von New York, Milliardär. Dieser hatte am Wochenende streuen lassen, dass er bereit sei, ins Rennen ums Weiße Haus einzusteigen. Also vielleicht. Wenn die Umstände es erfordern. Und natürlich als Unabhängiger. Bloomberg, der Mann der Amerika vor Donald Trump und Bernie Sanders bewahrt, den Radikalen von rechts und links. Das war die Botschaft, die seine Vertrauten in den Medien erzählten.

Einst wetterten sie gemeinsam gegen Washington, doch vor den ersten Vorwahlen gehen sie aufeinander los: Bei der sechsten TV-Debatte der Republikaner streiten sich die Spitzenreiter Donald Trump und Ted Cruz darüber, wer wo geboren wurde.

Die Republikaner geben sich demonstrativ gelassen. Ob Rubio, Bush oder Donald Trump - von so ziemlich allen Bewerbern auf die Präsidentschaftskandidatur wird Bloomberg für seine über die "New York Times" lancierte Ankündigung belächelt. Die einen sehen sie als reinen Testballon. Die anderen als Versuch, Unruhe bei den Vorwahlen zu erzeugen. Wieder andere deuten das Manöver als Drohung eines gelangweilten und geltungssüchtigen Milliardärs. Soll er doch, sagen sie. Wird eh nix.

Das scheint, auf den ersten Blick, keine ganz realitätsferne Sichtweise. Bloomberg for President ist ein Szenario, nach dem man gewissermaßen die Uhr stellen kann. Ziemlich genau alle vier Jahre mäandert es durch die amerikanische Politik. Mal befeuert es der Milliardär selbst. Mal spielen es seine Fans durch. Dann wieder machen sich die Medien einen Spaß draus. Eröffnet wurde eine Bloomberg-Kampagne für das Weiße Haus noch nie.

Alter und Zeitpunkt sind ein Problem. Oder?

Es gibt etliche Gründe, die dagegen sprechen, dass der Ex-Bürgermeister es wirklich ernst meint. Da ist das Alter. Mit 73 Jahren wäre er nicht gerade der jüngste Kandidat. Da ist der Zeitpunkt. Erst nach dem Start der ersten Vorwahlen einzusteigen, wäre reichlich mutig. Im ganzen Land dann noch schnell eine Organisation aufzubauen, wäre fast schon ein Ding der Unmöglichkeit. Und da ist sein Ruf. Der ist nicht optimal. Zwar kennen Bloomberg viele Amerikaner, aber kaum jemand weiß, welche politischen Überzeugungen er mitbringt. Bloomberg war bis 2001 bei den Demokraten. Dann hielt er sich ein paar Jahre bei den Republikanern auf. 2016 würde er als Unabhängiger antreten. Auf diesem Ticket ist noch niemand Präsident geworden.

Eine Luftnummer also. Oder?

Das Problem ist, dass in dieser Präsidentschaftswahl nichts wie gewöhnlich läuft. Wer hätte gedacht, dass Trump fast ein halbes Jahr die republikanische Bewerberriege dominiert? Wer hätte für möglich gehalten, dass Bernie Sanders der natürlichen Kandidatin der Demokraten, Hillary Clinton, das Leben so schwer macht? Warum also eigentlich kein Präsidentschaftskandidat Bloomberg?

Optimismus - das ist das Wort, dass sich durch Barack Obamas letzte Rede zur Lage der Nation wie ein roter Faden zieht. Keine Chance für Schwarzseher, keine Chance für Terroristen. Vision und Vermächtnis des 44. US-Präsidenten zugleich.

Hier mal das Gegenargument zur Luftnummer: Bloomberg ist zwar 73, aber mit seinem Leben noch lange nicht fertig. Nach seinem Abschied als New Yorker Bürgermeister 2013 wusste er eine Zeit lang nichts mit sich anzufangen. Er wurde für sämtliche Ämter gehandelt: Weltbankpräsident, Uno-Generalsekretär, Außenminister - aber nichts wurde Wirklichkeit. Also kehrte er Ende 2014 wieder an die Spitze seines neun Milliarden Dollar schweren Unternehmens zurück. Und reformiert es seitdem in einer Art und Weise, wie es das Unternehmen nie zuvor erlebt hat.

"Ich würde es toll finden, gegen Michael anzutreten"

Unabhängige mögen wenig Chancen haben in amerikanischen Wahlkämpfen. Aber in diesem Rennen sieht Bloomberg für sich eine Möglichkeit. Sollte es Clinton nicht zur Kandidatur schaffen, könnte er als pragmatischer Macher, der den Konservatismus modern anhaucht, für Trump und Sanders der Spielverderber sein, so sein Kalkül. "Ich werde ihn erlösen und mir die Nominierung holen, damit er nicht antreten braucht", sagt Clinton. Aber selbst wenn sie für die Demokraten anträte, ließe ihm ihr absehbarer Linkskurs womöglich eine Lücke, glaubt er.

Geld wäre jedenfalls kein Problem. Bloombergs Vermögen wird auf mehr als 30 Milliarden Dollar geschätzt. Er sei bereit rund eine Milliarde davon für den Wahlkampf auszugeben, ließ er wissen. Damit ließe sich schon etwas bewerkstelligen, später Einstieg hin oder her. "Ich würde es toll finden, gegen Michael anzutreten", sagt Trump - und stellt Bloomberg vorsichtshalber mal als Mann hin, der Entscheidungen scheut. "Michael wollte das schon so häufig machen, hat aber nie den Abzug gedrückt."

Möglich, dass Bloomberg auch diesmal nur ein Spiel spielen will. Aber wie gesagt: Im Jahr 2016 sollte man vorsichtig sein mit politischen Vorhersagen.

Zusammengefasst: Der bekannte US-Milliardär Michael Bloomberg erwägt, sich als unabhängiger Kandidat um das Präsidentenamt zu bewerben. Entsprechende Gerüchte gab es bereits in den vergangenen Jahren, eine offizielle Kampagne des ehemaligen New Yorker Bürgermeisters folgte nie. Ob er es diesmal ernst meint, ist unklar - ebenso wie sein politisches Programm. Doch Bloomberg hat Ambitionen und in diesem Jahr scheint im US-Wahlkampf alles möglich.© SPIEGEL ONLINE