Einst wetterten sie gemeinsam gegen Washington, doch vor den ersten Vorwahlen gehen sie aufeinander los: Bei der sechsten TV-Debatte der Republikaner streiten sich die Spitzenreiter Donald Trump und Ted Cruz darüber, wer wo geboren wurde.

Irgendwann, etwa nach der Hälfte der Debatte, sind kleine Hilferufe zu vernehmen. "Wir müssen über die wichtigen Themen reden", fordert Marco Rubio, der Senator aus Florida. "Wir müssen einig auftreten", ruft Jeb Bush, der einmal Rubios Mentor war. "2012 sind wir übereinander hergefallen. Das dürfen wir nicht wiederholen", sagt Ben Carson, der Doktor aus Baltimore.

Mit Perücke und Sprüchen macht sich der NBA-Star über den Politiker lustig.

Donnerstagabend, das Convention Center in Charleston, South Carolina: Die Republikaner treffen sich zur inzwischen sechsten TV-Debatte. Dass es bei solchen Formaten in der "Grand Old Party" schon mal lauter werden kann, war in den vergangenen Monaten bereits zu beobachten. Das Problem: Jetzt rücken die Vorwahlen näher. In etwas mehr als zwei Wochen starten sie in Iowa und die schwindende Zeit lässt den Grad der Gemeinschaftlichkeit nicht gerade wachsen. Im Gegenteil. Jeder kämpft für sich, jetzt erst recht, und zwar mit allen Mitteln.

Das Setting

Nur noch sieben Kandidaten hat der Sender "Fox Business" zugelassen. In der Mitte der New Yorker Milliardär Donald Trump, rechts von ihm Ted Cruz, Senator aus Texas, links von ihm Rubio, der Mann aus Florida. Die Außenplätze besetzten rechts Carson und Bush und links Chris Christie, Gouverneur aus New Jersey sowie John Kasich, Amtskollege aus Ohio.

Der US-Präsident findet deutliche Worte und erntet bissigen Spott.

Das härteste Duell

Ohne Frage Donald Trump gegen Ted Cruz. Die beiden, einst verbündet im Kampf gegen das aus ihrer Sicht korrupte Washington, kämpfen um den Sieg in Iowa. Der eine als Darling der Verängstigten, der andere als Liebling der Evangelikalen. Sie liegen in den Umfragen des ersten Vorwahlstaates Kopf-an-Kopf und in Charleston wird es persönlich. Mehrfach geraten sie aneinander. Größter Streitpunkt ist Trumps jüngster Lieblingsvorwurf an Cruz, aufgrund seiner Geburt in Kanada möglicherweise gar nicht als Präsidentschaftskandidat in den USA antreten zu dürfen. "Du musst das die Gerichte klären lassen", ruft Trump: "Du hast ein riesiges Fragezeichen über dem Kopf. Wenn ich Dich als Vizepräsident nehme, klagen die Demokraten und wir können nicht loslegen!"

Es klingt absurd. Aber für Cruz ist das tatsächlich ein recht unangenehmes Thema. Eine ähnliche Debatte musste der damalige Präsidentschaftskandidat John McCain 2008 verkraften, weil er in Panama geboren wurde. Als Politiker möchte man solche Diskussionen lieber beenden. Eigentlich. Nicht so Cruz. Es gebe sogar Juristen, die sagten, man sei schon dann nicht zur Kandidatur berichtigt, wenn ein Elternteil im Ausland geboren sei. "Das hieße: Auch Donald Trump wäre unter diesen Umständen nicht berechtigt, denn seine Mutter wurde in Schottland geboren", ruft er. Im Übrigen habe er sein Leben lang die Verfassung vor dem Supreme Court verteidigt. "Ich nehme keine juristischen Ratschläge von Donald Trump an", ruft er. Punktsieg Cruz.

Der Moment, der hängen bleibt

Nächster Streitpunkt der beiden: die Herkunft Trumps. Weil der Milliardär aus Manhattan kommt, zweifelt Cruz an dessen konservativen Überzeugungen. Er wirft ihm vor, "New Yorker Werte" zu haben, die republikanische Umschreibung für progressiv und liberal. "Ich kann es auch so sagen: Es kommen nicht besonders viele Konservative aus Manhattan", ruft Cruz.

Hat sich US-Präsident doch zu viel für die zweite Amtszeit vorgenommen?

Trump verzieht keine Miene, aber kontert elegant. "New York ist ein toller Ort", sagt er. Er erinnert an den Einsturz des World Trade Center und an den Gemeinsinn, mit dem die New Yorker anschließend das Drama verarbeiteten. "Die Leute in New York kämpften und kämpften und kämpften", ruft Trump. Die Botschaft lautet: Erzähl' du mir nichts von Werten. "Das war gerade ein ziemlich verletzendes Statement von Ted", so Trump. Cruz lächelt gequält.

Gibt's Jeb Bush noch?

Ja. Und er ist in Charleston gar nicht so schlecht. Er arbeitet sich fleißig an den Demokraten ab. Dem Präsidenten, der am Dienstag in seiner Rede zur Lage der Nation die wirtschaftliche Entwicklung gelobt hatte, wirft Bush vor, in "einem Paralleluniversum" zu leben. Hillary Clinton sei aufgrund ihrer Fehler rund um den Terrorangriff auf das US-Konsulat im libyschen Bengasi ein "Sicherheitsdesaster". Würde sie gewählt, werde sie "zwischen Weißem Haus und Gerichtssaal hin und her pendeln". Da klatscht sogar mal das Publikum für ihn.

Auch seine Angriffe gegen seine Kontrahenten sind nicht ganz so plump wie sonst. Er distanziert sich geschickt von Donald Trumps Vorschlag, vorübergehend keine Muslime mehr ins Land zu lassen. Eine solche Politik würde internationale Koalitionen gegen den "Islamischen Staat" unmöglich machen, argumentiert er: "Das macht uns nicht sicherer. Im Gegenteil." Gut zwei Wochen vor Iowa scheint sich Bush etwas stabilisiert zu haben. Die Frage ist nur, ob das noch was ausmacht. In Umfragen liegt er völlig abgeschlagen bei drei Prozent.

Der Totalausfall

Ben Carson hätte auf die Debatte vielleicht lieber verzichten sollen. Der Neurochirurg schien phasenweise völlig von der Rolle. "Danke, dass sie mich aufgeweckt haben", rief er, nachdem er von den Moderatoren nach ein paar Minuten die erste Frage bekam.

Beim Thema Außen- und Sicherheitspolitik warnte er vor der angeblich besonders heiklen Gefahr einer elektromagnetischen Strahlung, mit dessen Hilfe internationale Terroristen das amerikanische Stromnetz zerstören könnten. Als Jeb Bush anmerkte, jeder Bewerber auf der Bühne sei besser als Hillary Clinton, freute er sich. "Dann bin ich auch gemeint. Du hast 'jeder' gesagt." Macht Carson in den kommenden Tagen so weiter, würde es nicht verwundern, wenn zur letzten Debatte vor Iowa am 28. Januar nur noch sechs Bewerber geladen würden.© SPIEGEL ONLINE