Der Kreml dementiert die Entsendung von Truppen nach Syrien, russische Soldaten aber posten offenbar Fotos von ihrem Einsatz. Russland hilft Assad - und arbeitet heimlich an der Teilung des Landes.

Die Botschaft des Kreml war wie üblich "Njet". Nein, Berichte über verstärkte Hilfslieferungen an Syriens Diktator Baschar al-Assad könne man nicht bestätigen, sagte Wladimir Putins Pressesprecher Dmitri Peskow. Geschweige denn die Gerüchte über die Entsendung russischer Bodentruppen.

Das Außenministerium sekundierte: Man habe ja auch bislang nie einen Hehl gemacht aus der Lieferung "technischer Mittel zum Kampf gegen Terroristen". "Technische Mittel", das war der Euphemismus, den Sprecherin Maria Sacharowa nutzte, um den Begriff Waffenlieferungen zu vermeiden.

Zwei deutsche Maschinen waren bei Einsatz über Baltikum beteiligt.

Die Hinweise mehren sich allerdings, dass der Kreml den Einsatz doch deutlich erhöht hat im Ringen um die Zukunft Syriens - und die von Moskaus Protegé Assad. Fotos zeigen moderne Schützenpanzer des russischen Typs BTR-82A im Kampfeinsatz für Assads Truppen. Syrische Rebellen haben zudem Aufnahmen eines Flugobjekts veröffentlicht, das starke Ähnlichkeiten mit der russischen Aufklärungsdrohne "Ptschela" aufweist.

Moskau hat aber offenbar auch eigene Bodentruppen nach Syrien entsandt. Der russische Blogger Ruslan Lewijew will auf sozialen Netzwerken Angehörige russischer Streitkräfte ausfindig ausgemacht haben. Sie wurden - ihren Notizen nach zu urteilen - im August nach Syrien verlegt. Darunter sind auch Marine-Infanteristen der Schwarzmeerflotte aus Sewastopol auf der annektierten Krim. Der russische Soldat Anatolij G. etwa schrieb auf der Plattform VK.com, er sei "nach Syrien gegangen". Seine Einheit ist die 810. Brigade der Marine-Infanterie in Sewastopol.

Das passt zu einer russischen Waffenlieferung, die Beobachtern vor einigen Wochen aufgefallen war. Der russische Truppentransporter "Nikolai Filtschenkow" war beim Passieren des Bospurus fotografiert worden. An Deck waren zahlreiche Militärfahrzeuge zu erkennen. Lewijew glaubt, auf Lastwagen die Erkennungszeichen der 810. Brigade erkannt zu haben.

Geheimer Friedensplan

Offenbar umfasst der Auftrag der Russen mehr als die bloße Begleitung der Lieferung "technischer Mittel". Mehrere Fotos zeigen den russischen Soldaten Maxim M., ebenfalls Mitglied der 810. Brigade, auf syrischem Festland. Der Blogger Lewijew zitiert zudem die Ehefrau eines Soldaten. Die Einheit ihres Mannes habe den Auftrag bekommen, "einen Luftwaffenstützpunkt zu schützen oder irgendjemanden zu begleiten". Ihr Mann habe gesagt, es handele sich "um einen Kampfeinsatz".

Russland will Assad-Regime offenbar noch umfassender unterstützen.

Die Rede ist offenbar von der Küstenstadt Latakia. Sie verfügt über einen Flughafen und wird von Regierungstruppen Assads gehalten. US-Medienberichten zufolge soll Russland kürzlich Wohncontainer für Hunderte Menschen dorthin transportiert haben sowie eine mobile Station zur Kontrolle des Flugverkehrs. Zudem soll es für den ganzen Monat September von Syriens Nachbarländern Überflugrechte für russische Militärflugzeuge beantragt haben.

Russland will offenbar dem syrischen Regime dabei helfen, Latakia abzusichern. In den vergangen Wochen war eine Koalition von syrischen Rebellen immer weiter in Richtung des Küstenstreifens vorgestoßen. Sie wird angeführt von der Nusra-Front, die mit der Terrororganisation al-Qaida verbündet ist.

Mit der Verstärkung könnte Russland versuchen, neue Fakten zu schaffen mit Blick auf die sich abzeichnende Teilung Syriens. Gemeinsam mit Iran arbeitet der Kreml derzeit an einem geheimen Friedensplan. Einzelheiten wurden bislang nicht bekannt. Internationale Diplomaten munkeln, er solle Syrien aufspalten: Ein Sektor solle vom syrischen Regime kontrolliert werden, ein anderer von der Opposition.

Rhetorische Offensive

Eine Schlüsselrolle in diesen Planspielen kommt dem Küstenstreifen zwischen Latakia und Tartus zu: Russland will ihn als Brücke zur Außenwelt in Assads Machtbereich erhalten. Die Assad-Gegner hingegen sollen große Teile der Wüste zugeschlagen bekommen, den Norden des Landes mit Ausnahme von Aleppo, das unter eine noch nicht näher definierte internationale Kontrolle gestellt werden könnte.

Flüchtlinge werden am Wochenende überall herzlich begrüßt.

Der Kreml begleitet die Syrien-Operation mit einer rhetorischen Offensive. Wladimir Putin warb Ende der vergangenen Woche für eine "internationale Koalition im Kampf gegen den Terror" des Islamischen Staates. Man stehe in Kontakt mit den USA, er selbst habe mit Präsident Barack Obama darüber am Telefon gesprochen. An Präsident Baschar Assad hält der Kreml gleichwohl fest. Einziges Zugeständnis an die syrische Opposition: Der Machthaber von Damaskus sei zu "vorgezogenen Neuwahlen" bereit, so Putin.

Assad muss den Weg frei machen für einen echten Neuanfang in Syrien, das war bislang das Mantra des Westens. Europäische Diplomaten haben den Eindruck gewonnen, der Kreml setze darauf, dass Europa mürbe wird durch die Flüchtlingskrise. Um den Islamischen Staat (IS) zurückzudrängen, werde der Westen über kurz oder lang von der Forderung nach einem Rücktritt Assads abrücken, so das Kalkül. Ähnlich scheint auch Assad zu denken. Er hat bisher keinerlei Anstrengungen unternommen, um die syrische Flüchtlingskrise zu entschärfen. Im Gegenteil: Indem er die Luftwaffe nahezu täglich Wohngebiete bombardieren lässt, die nicht mehr unter Kontrolle des syrischen Regimes stehen, zwingt er die Menschen dort zur Flucht.

Angesichts der Flüchtlingskrise in Europa rufen die Kreml-nahen Medien in Russland jedenfalls schon das Ende des Abendlandes aus. Das Millionenblatt "Komsomolskaja Prawda" berichtet in einer mehrteiligen Serie vom "Untergang Deutschlands".

Putin hat die Flüchtlingskrise derweil für einen weiteren Appell an Europa genutzt. Er empfahl den EU-Ländern, sich von den USA zu emanzipieren: Es sei allein Amerika gewesen, das den Nahen Osten destabilisiert habe. Die Europäer müssten nun die Zeche zahlen. Seine Botschaft an die Amerikaner: Sie sollten lieber gemeinsam mit Assad in den Kampf ziehen. Der Diktator sei die "effektivste Kraft" im Krieg gegen den IS.

Keine Erwähnung fand die dabei Tatsache, dass Assads Truppen seit Jahren auch gegen liberale Aktivisten brutal vorgehen - und zwar mit russischen Waffen.© SPIEGEL ONLINE