Unverschämt oder verständlich? Wolf Biermanns Auftritt im Bundestag und seine lautstarke Kritik an der Linkspartei hat für einen Eklat gesorgt. Das schreiben die Medien.

Wolf Biermann hat seine Einladung zu einer Veranstaltung zum 25. Jahrestag des Mauerfalls in den Deutschen Bundestag für ein Wortgefecht mit den Linken genutzt. Der einst aus der DDR ausgewiesene Liedermacher bezeichnete die Mitglieder der Partei als "Drachenbrut" und "elender Rest dessen, was überwunden ist". Während er von der Union, der SPD und den Grünen Beifall erhielt, kritisierte die Linkspartei seinen Auftritt.

Die Pressestimmen zum Biermann-Eklat:

Bild.de: "Die Zeit heilt EBEN NICHT alle Wunden!"

Süddeutsche.de: "Wolf Biermann sollte nur etwas klampfen und singen, nicht reden, doch das Reden wollte er sich nicht verbieten lassen. Biermann hat relativ wenig Ähnlichkeit mit einem Streichquartett, Demut ist ihm wesensfremd, Lammert hätte also wissen können, wen er gegen demokratisch gewählte Abgeordnete in Stellung brachte: einen unbezwingbaren Redner, der sich für die Stimme des Volkes hält."

Zeit Online: "Was Biermann sagt, mag selbstsüchtig sein, für manche gar falsch und unverschämt. Seine historische Wahrheit, die er in merkwürdig schwülstiger Sprache verkündet, muss niemand teilen. Seine Wut auf alles, was sich Linkspartei nennt, dürfte auf jüngere Ostdeutsche anachronistisch wirken, Schlachten von gestern. Doch es ist seine Geschichte. Sie lebt in ihm fort, so wie sie es in vielen anderen Menschen tut, die die DDR-Staatssicherheit zum Feind erklärt hat. Wer Biermann einlädt, lädt seine Biografie mit ein. Wichtiger ist, dass Biermann überhaupt geredet hat und nicht daran gehindert wurde. Alle konnten sehen: Da verletzt einer die Regeln, und nichts geht kaputt."

Spiegel Online: "Dass viele der führenden Genossen der Linken, allen voran Gysi, in der SED waren? Vorbei, verweht, verdrängt. Nicht alle wollen das vergessen. Sie erinnern an die Verantwortung der Linken. Liedermacher Biermann, 1976 als damals noch kritischer Sozialist von der SED aus der DDR ausgebürgert, tat es im Parlament auf seine, nicht uneitle Weise: 'Ihr seid dazu verurteilt, das hier zu ertragen. Ich gönne es Euch.'"

Frankfurter Allgemeine Zeitung: "Es war der härteste, weil ins Schwarze treffende Vorwurf, den Wolf Biermann den Abgeordneten der Linksfraktion während der Feierstunde im Bundestag machen konnte, dass sie nämlich gar nicht Linke seien, sondern Reaktionäre. Sie seien 'der elende Rest dessen, was zum Glück überwunden wurde', der Rest der 'Drachenbrut" der DDR. Der Disput zwischen Biermann und der Linksfraktion - inklusive des halb ironischen, halb ernsten Scharmützels mit dem Parlamentspräsidenten über das Rede- und Singrecht im Deutschen Bundestag - sagte alles, was über Erinnerung und Gegenwart der friedlichen Revolution von 1989 zu sagen ist. Zu den Paradoxien der 25 Jahre, die ins Land gegangen sind, gehört es jedoch, dass ebendiese Reaktionäre das Lied, das Biermann anschließend sang, die 'Ermutigung', auf sich selbst bezogen haben dürften.

Donaukurier: "Man muss die Art von Wolf Biermann nicht mögen. Aber er hat seine Karriere, seine Freiheit und wahrscheinlich sogar sein Leben aufs Spiel gesetzt, um den Machthabern in der DDR den Spiegel vorzuhalten. Und jetzt kommen die Softies um Bundestagspräsident Norbert Lammert und glauben, sie könnten diesem Mann im Bundestag, gewissermaßen in der Herzkammer der Demokratie, mit dem Hinweis auf Benimmregeln das Wort verbieten. Das ist an Naivität kaum zu überbieten."

Mitteldeutsche Zeitung: "Noch lange hätte Wolf Biermann so weiter spielen - und ein jeder sich erinnern können. Daran, dass Freiheit das ist, was man sich nehmen muss, so wie Biermann das Wort vor dem Bundestag. Dass man ab und an zu weit gehen muss, um voran zu kommen. Dass die Geschichte der DDR eine ist, die im Osten niemanden, der über 40 Jahre alt ist, kalt lässt - und die noch lange nicht zu Ende ist. Erinnerungen, die klarmachen, dass die Linke der Rechtsnachfolger der SED ist, deren Mitglieder im Osten 75 Prozent der Linken rekrutieren. Krawallsitzung? Beschimpfungsarie? Nein, lebendige, den Zuschauer belebende Erinnerung."

Wetzlarer Neue Zeitung: "Die Frage, ob die DDR ein Unrechtsstaat war oder nicht, dürfte ein Vierteljahrhundert nach dem Ende Diktatur im Osten Deutschlands keine mehr sein. Dass es für die Partei Die Linke immer noch eine ist, zeigt, wes Geistes Kind sie ist. Und wer hätte das bei der Feierstunde zum 25. Jahrestag des Mauerfalls im Deutschen Bundestag besser entlarven können als der Liedermacher Wolf Biermann? Selbst nach Biermanns kalkulierter Provokation kann sich Linksfraktionschef Gregor Gysi nicht zu dem einfachen Satz durchringen: 'Die DDR war ein Unrechtsstaat.' Ist es ein Wunder, wenn der Bundespräsident Zweifel hegt, ob diese Partei bereits vollständig im demokratischen Staat angekommen ist?"

Mit Material der dpa