Der Himmel ist grau, die Temperaturen nahe am Gefrierpunkt und die Duschen im Freien. Wer nach Olchon Island reist, erlebt puristische Schönheit und Glück fernab von jedem Luxus.

Birte Schmidt erzählt Reisegeschichten übers Glücklichsein.

Was für ein Wind auf Olchon Island! Und was für eine schöne Insel!

72 Kilometer lang liegt sie vor uns, als wir mit der Fähre vom russischen Festland übersetzen. Am Bug bricht tiefschwarz das Wasser, wir sind mitten auf dem größten Süßwassersee der Welt, dem Baikalsee. Die Transsibirische Eisenbahn hat uns zuvor von Moskau nach Irkutsk gebracht, von dort sind wir mit einem Kleinbus fünf Stunden lang zum Schiffsanleger gefahren.

Lärchenwälder und die Tageran-Steppe

Auf der Insel angekommen finden wir unsere Unterkunft nicht auf Anhieb. Wie wir später erst wissen, hängt kein Schild an der Tür zum Hostel und die Straßennamen und Hausnummern scheinen beliebig verteilt worden zu sein. Weil wir keinen Bewohner entdecken, der Englisch spricht, und unsere paar Brocken Russisch einfach nicht ausreichen, bleibt uns nichts anderes übrig, als das auf dem iPad gespeicherte pixelige Foto mit allen Häusern der Ortschaft abzugleichen.

Neun kleine Dörfer gibt es auf der Insel Olchon insgesamt, auf der rund 1.700 Menschen leben. Die meisten von ihnen sind burjatischer Abstammung, entstammen also einer mongolischen Ethnie in Sibirien. Aus dem Burjatischen stammt auch der Name der Insel: Ol'chon wird meist mit "Wäldchen" übersetzt, kann aber auch "trocken" oder "dürr" bedeuten. Wer den Blick über die karge Landschaft schweifen lässt, weiß sogleich, dass alle drei Übersetzungen ihre Berechtigung haben. Während der Südwesten der Insel mit Lärchenwäldern bedeckt ist, liegt im Nordosten die Tageran-Steppe mit ihrer hügeligen und felsigen Landschaft.

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Olchon Island: Ein magisches Fleckchen Erde

Die Insel hat neben Lärchenwäldern auch karge Steppen zu bieten.

Nichts für schwache Mägen

Schließlich finden wir das Sunny Hostel doch noch, die Kühe auf der Straße gucken auch schon ganz doof, als wir wieder und wieder vorbei laufen. Die Aufmachung der kleinen Holzhäuschen ist simpel. Als Toiletten dienen Löcher in der Erde, die Duschen sind ebenso wie die Waschbecken draußen, letztere sogar unter freiem Himmel. Kein Problem, denn trotz dicker Wolkendecke regnet es an diesem Tag nicht. Nur kalt ist es, höchstens acht Grad schätzen wir. Zwei ältere russische Schwestern, die das Haus betreiben, empfangen uns mit ebenso einfachem wie leckerem Kartoffelbrei, Kohlsalat und süßem Kuchen.
Am nächsten Tag führt uns unser Weg, der nichts für schwache Mägen ist, mit dem Bus zur Nordspitze der Insel. Die einzigartige Landschaft mit ihren vielen Hügeln, den scharfen Klippen am Meer, den Wäldern und Sandstränden ist so beeindruckend, dass wir diesen Tag vorab zum Höhepunkt unserer gesamten Reise erklären. Vielerorts stoßen wir auf die heiligen Stätten der Schamanen, an denen farbenfrohe Stoffe, belegt mit den Wünschen der Einheimischen, an Bäumen im Wind flattern und der Legende nach die Bitten der Menschen in die Welt tragen.

Die Insel ist magisch

Abends wärmen wir uns in einer anderen Unterkunft auf, die eine angegliederte Bar hat. Nicolas, der hier an der Bar arbeitet, kommt ursprünglich aus Frankreich und lebt seit eineinhalb Jahren hier auf der Insel. Als Fotograf fängt er auch die einsamen Momente von Olchon Island ein, wenn im Winter der Fährdienst eingestellt wird und die Autos die Insel über Straßen auf dem zugefrorenen See verlassen.

Unvorstellbar erscheint uns dieses Leben, obwohl wir die Insel längst in unser Herz geschlossen haben. Worin genau das Geheimnis ihrer Anziehungskraft besteht, sollte jeder für sich selber herausfinden. Nur so viel: Olchon Island gilt eben auch deshalb als magisch, weil so viele Besucher immer und immer wieder an diesen Ort zurückkehren.

Als Kind wollte sie unbedingt Astronautin werden und ins All fliegen, heute reist sie lieber mit der Transsibirischen Eisenbahn bis Peking. Birte Schmidt, Journalistin und Nordlicht mit Fernweh, erzählt Reisegeschichten übers Glücklichsein.

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