Nur weil Amerikaner am Flughafen Kopenhagen sitzen, müssen sie nicht zwangsläufig die Geografie Nordeuropas beherrschen, das zu ihren Ehren. Und eigentlich finde ich ganz gut, dass sie nicht wissen, wo die Färöer liegen. Ich reise viel lieber dahin, wo mir keine große Menschenmasse nachfolgt.

Claudia ist ein reisesüchtiger Rockfan

"Wo willst du denn hin?"
"Färöer Inseln."
"Island!"
"Nein, Färöer Inseln, liegen zwischen hier und Island."
"Äh, und was ist das endgültige Reiseziel?"
"Na, die Färöer."
"Ist es da auch so teuer wie in Island?"
"Denke schon."

Die 18 Inseln im Atlantik besitzen eine eigene Airline, wer hätte das gedacht?! Mit Atlantik Airways kurven wir kurz vor Sonnenuntergang aus den Wolken heraus und an den grünen Klippen und Felsnadeln von der Insel Vagar vorüber. Die Landebahn verläuft nah an einem kleinen Fjord, die Sonne zaubert den Himmel knallorange, bevor sie den Tag beendet. In der Dämmerung nehme ich im Taxi nach Gjógv wenig von der Inselwelt wahr. Es scheint bergig zu sein und man unterquert Fjorde durch Tunnel.

Gjógv, ein kleines Wunderland

Dass das kleine Dörfchen an einen sehr hübschen Fjord, eigentlich einer natürlichen Grotte liegt, hat man im Dunkeln nicht erkennen können. Am nächsten Morgen schlendere ich durch den Ort mit den buntgestrichenen Häusern und fühle mich wie im Wunderland. Auf manchen Häusern wächst Gras - wer das wohl mäht? Zwischen den beiden Hauptstraßen mit den typischen skandinavischen Holzhäusern fließt ein Bächlein zum Fjord hin, oder ist das der Atlantik? Und oben auf den Bergkämmen, die den Ort einkesseln, liegt eine Wolkendecke, als wäre Gjógv noch gar nicht aufgestanden.

Tatsächlich ist wenig los in Gjógv, am kleinen Naturhafen unten an der Grotte liegen kaum Boote, das Wasser ist klar und definitiv zu kalt für Schwimmstunden. Ich wandere oberhalb der Grotte zur Mündung und den grünen Klippen. Im Sommer sollen hier die Papageientaucher nisten, noch sind sie aber nicht da. Der Ausblick auf die gegenüberliegende Insel ist ohne Vogelgeschrei umso relaxter.

Claudia Ottilie erkundet seit ihrer Weltreise 2006 privat und beruflich die Welt. Aus der persönlichen Begeisterung für die Vielfalt unseres Planeten schreibt sie für alle Reiselustigen und -süchtigen. Musik braucht sie mindestens genauso zum Leben wie das Reisen.

Nieselregen in Tórshavn

Entspannt und von der nordischen Sonne in trügerische Gutwetterlaune gewiegt, begebe ich mich am Nachmittag in die Hauptstadt Tórshavn. Schon auf dem Weg verwandelt sich die Wolkendecke auf Gjógvs Bergkämmen in einen dicken Nebel. Bei Ankunft in der Hauptstadt empfängt mich das Inselklima mit Nieselregen. Na gut, dafür ist man ja mit Regenjacke angereist! Im Laufe des Rundgangs durch die Stadt wünsche ich mir allerdings eine Regenhose dazu - denn Regen kommt auf den Färöern immer mit Wind, auch von der Seite.

Mit Guide John springe ich übers historische Kopfsteinpflaster von Überdachung zu Überdachung der teilweise 500 Jahre alten, roten Parlamentshäuser auf der Halbinsel Tinganes. Obwohl die Färöer zu Dänemark gehören, haben die 48.000 Färinger eine eigene Regierung und leben ähnlich den Grönländern autonom. Das Løgting /Parlament ist mit seiner über 1100jährigen Geschichte eines der ältesten weltweit. John erzählt, dass er jederzeit beim Präsidenten vorbeigehen und einen Termin machen kann. Hier wird volksnah regiert. Der Finanzminister macht gerade Raucherpause als wir am Gebäude vorübermarschieren.

Grasdächer sind Kult

In der Altstadt haben sich viele Bewohner die wieder modernen Grassoden auf die Dächer gesetzt, sie sollen u.a. das Raumklima verbessern. Warum sind hier die meisten Häuser schwarz gestrichen, frage ich John. "Das war früher die einzige Farbe, die vom Bootsbau zur Verfügung stand. Die teerhaltige Farbe dichtet am besten gegen Wasser ab." Wasser von allen Seiten! Die schnuckeligen Häuser von Havn (wie es die Einwohner nennen) tragen zur düsteren Fassadenfarbe meist farbig abgesetzten Fensterrahmen und Türen und wirken vor allem mit den grünen Grasdächern lebendig.

Neben dem alten Parlament gibt es im Stadtzentrum auch ein neues Løgting, vor dem sich in der Silvesternacht Zehntausende Färinger versammeln und singend das neue Jahr einläuten. Nicht weit davon entkomme ich dem Regen für ein paar Minuten durch Flucht in den Musikladen der Insel. Er ist gleichzeitig der Sitz des Färöischen Musiklables Tutl. Hier wird alles verlegt, was die Inseln musikalisch zu bieten haben, vom traditionellen Folk bis zu Heavy Metal. Im Shop nebenan kann ich den hübschen Wollpullovern von Guðrun & Guðrun gerade noch widerstehen. Die Souvenirklassiker sehen zwar toll aus, aber Schafwolle kratzt mich nun mal sehr.

Seemannsgarn unter Deck

Zurück am Hafen hat sich der Regen wieder gelegt. Gegen die abziehenden Regenwolken leuchten die roten, gelben und blauen Hausfassaden der Hafenfront umso schöner. Neben den kleineren, traditionellen Färöbooten schaukeln im Hafenbecken auch moderne Kutter und Schaluppen. Und die Norðlýsið von Kapitän Birnir Enni. Der alte Seebär lockt uns unter Deck seines 70 Jahre alten Segelschiffs, wo er ein Drei-Gänge-Menu mit selbst getauchten Muscheln und wärmende Fischsuppe serviert. Wenn das Wetter besser wäre, könnte er mit uns eine Runde drehen und zu den Vogelkolonien vor der Küste hinausfahren. Aber die Kolonien sind noch leer und das Wetter – ist eben färöisch wechselhaft. Dann doch lieber noch ein Käffchen mit allerhand Seemannsgarn im Hafen, dem Hafen Thors, denn das heißt ja Tórshavn.

Ganz wie die hartgesottenen Wikinger marschieren wir nach dieser Stärkung schließlich los – gleich hinter Tórshavn über die Berge, über Findlinge und an den Schafen der Schafsinseln vorüber. Der Wind pfeift uns kräftig unter die Regenjacken, aber das muss so sein. Die Färöer Inseln sind bestes Wanderterrain: grün, felsig und immer mit Aussicht auf den silbrig schimmernden Atlantik.