Der chromblitzende Nostalgiezug "Canadian" lässt die Herzen aller Eisenbahnfans höher schlagen. In knapp vier Tagen fährt das Flaggschiff der VIA Rail durch Kanada und legt dabei rund 4500 Kilometer zurück.

In der untergehenden Abendsonne von Vancouver steht er da. Formvollendet, abwartend und chromblitzend im eindrucksvollen Look der Fünfzigerjahre. Die Zeit ist gekommen. Es herrscht Aufbruchsstimmung. Die kanadische Wildnis lockt, das gleisfüllende Abenteuer beginnt. Eine Reise mit dem legendären "Canadian", dem Flaggschiffs der VIA Rail Canada, von Vancouver durch die Rocky Mountains nach Jasper oder weiter nach Toronto.

Süße Träume

In ihrer adretten blauen Uniform und einem warmen, willkommen heißenden Lächeln empfängt die 37-jährige Johanne Hince die Gäste im Waggon 222 und führt sie zu den Schlafabteilen. Das wenige Quadratmeter kleine Refugium versprüht den Charme vergangener Zeiten.

Ein kleiner surrender Ventilator kühlt die Luft, ein Lederbeutel am Kopfende des Betts ist bereit, Brille oder Uhr aufzunehmen, und eine eigene Toilette samt Waschbecken sorgt auch des Nachts für kurze Wege. Nur die Dusche, mit exklusivem Blick auf die Gleise, versteckt sich außerhalb des Privatgemachs.

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Fahrt mit dem Nostalgiezug "Canadian"

Der chromblitzende Nostalgiezug "Canadian" lässt die Herzen aller Eisenbahnfans höher schlagen. In knapp vier Tagen fährt das Flaggschiff der VIA Rail durch Kanada und legt dabei rund 4500 Kilometer zurück.

Dazu wartet ein kleiner Plastiksack mit Duschutensilien und Handtüchern im Abteil auf den erfrischenden Einsatz. "18 Stunden täglich bin ich auf dieser Tour im Einsatz" berichtet Johanne, die leicht müde aussehende Servicekraft, bei einem Plausch auf dem Gang mit Blick auf verschneite Berge. Zweimal im Monat verlässt sie ihre Familie in Winnipeg, um im "Canadian" die Verantwortung für rund 20 bis 30 Gästen und deren Wohl zu übernehmen.

Kleine süße Betthupferl auf dem Kopfkissen und glatt gestrichene, blütenweiße Laken gehen auf ihr Meilenkonto. Meistens fährt sie die Strecke Vancouver nach Winnipeg, schon über 400-mal genoss sie die langsam vorbei ziehende Landschaft. Im Winter, im Sommer, im Herbst, aber den Frühling liebt sie am meisten.

Eine andere Liebe blieb bisher unerfüllt: "Durch Paris schlendern oder die Sonne der Karibik genießen, ist ein Traum von mir", erzählt Joanne auf die Frage nach ihren privaten Wunschreisezielen. "Sobald Zeit und Gespartes es zulassen, geht es los", ergänzt sie noch.

360 Grad Rundumblick

Die gepflegte Konservation vor der Kulisse der Rocky Mountains, das Durstlöschen mit einem kühlen kanadischen Bier oder das Genießen eines leckeren Snacks sind erlebte Augenblicke im "Park-Waggon" am Ende des Zuges. Der beliebte Treffpunkt bietet heiße und kalte Getränke, bequeme Sitzgelegenheiten und anregende Lektüre.

Die meisten Stunden verbringen die Bahnenthusiasten jedoch im rundum verglasten Aussichtswagen, dem "Dome", dem Herzstück des "Canadian". Es herrscht eine ruhige und gelassene Stimmung, keine Musik, keine Handytelefonate stören den Genuss. Nur das leise Klicken der Fotoapparate lenkt hie und da von der berauschenden Landschaft ab.

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Zum Greifen nah erhebt sich der meist in Wolken gehüllte Mount Robson, der höchste Gipfel der Rocky Mountains. Dann wieder prägen schier endlose Birken- und Nadelwälder das Panorama. Das Tempo ist geruhsam, und die Uhr tickt scheinbar im Zeitlupenmodus. In der Mitte des Zuges befindet sich der Skyline-Wagen, in dem verschiedene Aktivitäten stattfinden: Präsentationen über Land und Leute, Eisenbahnhistorie oder kleine Musikevents.

Junge Musiker können sich bei VIA Rail bewerben, um kostenfrei durch Kanada zu touren. Im Gegenzug unterhalten sie die Gäste mit kurzweiligen Musikdarbietungen. Zwischendurch stoppt der Zug mit seinen manchmal über 30 Waggons immer wieder auf freier Strecke, um kilometerlange Frachtzüge, die Kohle oder Weizen transportieren, passieren zu lassen. Die gesamte 4446 Kilometer lange Strecke von Vancouver nach Toronto kommt meist eingleisig daher, und Vorfahrt haben immer Züge mit gewinnbringender Terminfracht.

Schnelle Küche

Gewinnbringend sind die kulinarischen Genüsse des "Canadians". Die Menüs kommen im Speisewagen des "Canadian" auf den stilvoll mit Porzellan und frischen Blumen gedeckten Tisch. Chefkoch Paul Terpstra kreiert seit rund 17 Jahren in seiner winzigen Bordküche schmackhafte Gerichte aus meist regionalen Produkten.

"Besonders schwierig ist die Zubereitung von Lachs & Co. bei 120 Stundenkilometern, wenn in der Küche alles in Bewegung ist", verrät der 44-Jährige aus Winnipeg, während er schwungvoll die Pfanne mit heißer Butter schwenkt. Von vier Uhr morgens bis elf Uhr in der Nacht bereitet der Vater von zwei Töchtern abwechslungsreiche Gaumenfreuden für die hungrigen Reisenden zu.

Nächster Halt: Rocky Mountains

Nach rund 20 Stunden, einer ruhigen Nacht, einigen Drinks, köstlichem Essen und über 1000 zurückgelegten Kilometer stoppt der Zug in Jasper. Die meisten Fahrgäste machen hier eine Pause, gönnen sich eine Auszeit in den Rocky Mountains und genießen den Müßiggang oder Aktivitäten in der Natur.

Der Ort mit seinen über 4.000 Einwohner und der gleichnamige Nationalpark sind weltbekannt fürs Skifahren und Wandern. Unweit des Bahnhofs grasen friedlich einige Wapiti-Hirsche am Straßenrand, in der Umgebung erheben sich die schneebedeckten Gipfel und ein "McDonalds" ist nirgendwo auszumachen.

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Jasper ist ein unaufgeregtes Dorf mit landestypischen Restaurants und Cafés und dem Skigebiet Marmot Basin, das seinesgleichen sucht. Großzügige Pisten aller Schwierigkeitsgrade ohne Menschenmassen. Es herrscht eine entspannte Atmosphäre und Warteschlangen an den modernen Liftanlagen kennen die Einheimischen nur vom Hörensagen.

Liebhaber langsamer Fortbewegungsarten vertrauen sich Wes, einem erfahren Ranger, an und erkunden auf mit Spikes versehenen Gummistiefeln den Maligne Canyon. Wes führt die Besucher sicher vorbei an haushohen vereisten Wasserfällen, lenkt die Aufmerksamkeit auf außergewöhnliche und manchmal versteckte Naturschönheiten und eröffnet so auf der Tour allen Beteiligten ein sinnenfrohes Outdoor-Erlebnis.

Währenddessen kocht etliche Kilometer entfernt Paul Terpstra mit Herzblut weiter seine köstlichen Speisen, Johanne Hince richtet mit Liebe erneut die Betten für die nächste Nacht und der "Canadian" rollt gemächlich weiter Richtung Winnipeg und Toronto, immer gen Osten, dem Sonnenaufgang entgegen.

Thilo Scheu liebt das Reisen, die Menschen und ihre Geschichten. Seit seiner Jugend ist der heutige Reisejournalist und Buchautor in der Welt unterwegs, sucht das Besondere oder einfach nur einen magischen Moment. Sein Zuhause ist jedoch das Rheinland.