Bunte Wäscheleinen im Wind, Hühner vor Wellblechhütten und rote Steilhänge: Kinaliada, die kleinste der vier mit der Fähre erreichbaren Istanbuler Prinzeninseln, scheint aus der Zeit gefallen zu sein. Wer den Kopf frei kriegen will, ist hier richtig.

Erholung vom Istanbuler Großstadtchaos bieten die Prinzeninseln, die im Süden der Stadt im Marmarameer liegen. Im Sommer kommen aber eigentlich immer zu viele Menschen gleichzeitig auf diese Idee.

So ist zumindest auf den beiden größten Inseln meist ziemlich viel los, und auch auf den beiden kleineren gehen nicht wenige Leute an Land. In der kalten Jahreshälfte ist das anders. Kinaliada im Februar: Das ist wahre Ruhe.

Es gibt viel zu sehen

Kinaliada bedeutet Hennainsel, der Name rührt von der Erde her, die sich als Folge von Kupfer- und Eisenabbau rot gefärbt hat. Wenn die Fähre an der kleinsten der vier großen Inseln vorbeizieht, sind die rotbraunen Erdhänge gut zu sehen.

Ich fahre diesmal aber nicht vorbei, ich steige aus. Ein Blick auf den Fahrplan zeigt, dass ich eineinhalb Stunden habe, bis die nächste Fähre kommt, mit der ich nach Burgazada weiter will. Eineinhalb Stunden nur für mich und die Insel.

Kinaliada ist mit seinen 1,2 Quadratkilometern so klein, dass es sich gut zu Fuß erkunden lässt. Kutschen wie auf den anderen Inseln gibt's hier auch gar nicht. Vom Fähranleger biege ich links ab und laufe am Ufer entlang. Drei Katzen mit elf Beinen folgen mir.

Am Kiesstrand steht ein alter Mann mit Schiebermütze und blickt in Richtung der Glasturmgruppen auf dem Festland. Tretboote in Delfinform warten am Straßenrand auf die Sommersonne, ein rotes, ein blaues, ein violettes.

Aus dem Nichts taucht ein Hund hinter einem Gartenzaun auf. Sein Kläffen durchsticht die Ruhe, ich zucke zusammen, spüre, wie mein Herz pocht. Dann muss ich lachen. In Istanbul selbst hätte ich den Hund wohl nur als kleinen Teil der Großstadtkakophonie, für die es im Türkischen das schöne Wort gürültü gibt, wahrgenommen.

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Kinaliada: Eine Istanbuler Prinzeninsel

Die kleine Insel besticht durch bunte Wäscheleinen im Wind, Hühner vor Wellblechhütten und rote Steilhänge.

Auf Kinaliada leben viele Angehörige armenischer und griechischer Minderheiten. Die armenische Kirche Surp Krikor Lusavorich befindet sich nicht weit weg vom Fähranleger, und oben auf dem Hügel liegt ein griechisch-orthodoxes Kloster, das schon der byzantinische Herrscher Romanos IV. als Rückzugsort nutzte, nachdem er 1071 von den asiatischen Seldschuken ins Exil geschickt worden war.

Eine Insel ohne Abgase

Die Häuser auf Kinaliada sind kleiner als die auf Heybeliada und Büyükada, und je weiter ich mich vom Fähranleger entferne, desto schlichter werden sie. Während im Norden der Insel noch einige Sommervillen im ottomanisch-viktorianischen Stil stehen, reihen sich am Ostufer ärmliche Bungalows mit Wellblechdächern aneinander.

Keimlinge sprießen in zu Blumentöpfen umfunktionierten Joghurteimern, Mittagessensduft weht aus den Fenstern, eine alte Frau hängt bunte Wäsche an eine Leine und hat dabei freien Blick direkt aufs Marmarameer, zu ihren Füßen picken Gänse, Hühner und Enten Körner vom Boden, auf einem fleckigen Samtsofa döst ein Hund.

Dann wieder ein kleiner Schreck: Drei Frauen ziehen auf einem Dreirad-Roller an mir vorbei. Kein Knattern hat sie angekündigt, weil der Roller, wie alle Fahrzeuge hier, elektrisch betrieben ist.

Auf einer kleinen betonierten Fläche am Ufer steht eine Garten-Sitzgarnitur aus Plastik neben einer Holzhütte, zwei Glühlampen hängen von einem Kabel herunter und bilden eine Art Lichterkette. An lauen Sommerabenden, wenn die letzte Fähre die Touristen abgeholt hat, sitzen sie hier bestimmt, spielen Tavla und trinken Raki.

Was im Sommer bestimmt auch schön ist: der Ayazma-Strand, ein Privatstrand auf der Südseite der Insel. So weit laufe ich an diesem Tag aber nicht - es zieht mich weiter nach Burgazada.

Die Bloggerin Simone Sohl kehrt regelmäßig nach Istanbul, der Stadt der aufregenden Gegensätze, zurück.