In der zerkratzten Scheibe des Flugzeugs spiegelt sich das Lichtermeer der philippinischen Hauptstadt. Kleine Punkte, die bei meiner Landung immer mehr die Form von Booten annehmen, schimmern auf der Wasseroberfläche in der Bucht von Manila. Dahinter steigt die Skyline der Wolkenkratzer gen Himmel. Mabuhay – Willkommen! Und doch ist es auch ein Gehen, denn ich werde nur noch zwei Tage in der Stadt verweilen, in der drei Wochen zuvor meine Reise im philippinischen Archipel begann.

Am Anfang war da die Qual der Wahl, 7.107 Inseln im westlichen Pazifischen Ozean wollten entdeckt werden. Das braucht wohl fast ein ganzes Leben. 3-4 Inseln mussten es vorerst einmal tun: Luzón – Palawan – Bohol / Cebu. Gegensätzlicher konnten diese kaum sein. Alle ausgestattet mit traumhaften Stränden, aber es gibt mehr als das.

Viele Touristen, die ich traf, versuchten dem Großraum Manila zu meiden. Ich habe mich bewusst für mehrere Tage in der Metropolregion entschieden, die natürlich ein ziemliches Kontrastprogramm bietet. Hier die funkelnden Hochhausfassaden von Quezon City und Makati, dort die engen Straßenzüge mit Gehwegen, auf denen sich Obdachlose zwischen Hängematte und Einkaufswagen eingerichtet haben.

Der chinesische Friedhof.

Nichts kann den Gegensatz so gut auf einen Punkt bringen, wie der prächtige Chinesische Friedhof, auf dem die Toten besser aufgehoben sind, als die Lebenden in der unmittelbaren Umgebung.

Während der spanischen Kolonialzeit war der zweitälteste Friedhof die letzte Stätte für chinesische Bürger, die nicht auf katholischen Friedhöfen beerdigt werden durften. Viele Gräber gleichen kleinen Villen, sind mit Bad, Küche, Schlafzimmer und Garten ausgestattet. Autos fahren vor, Räder lehnen an den Mauern. Man möchte sagen, alles sei hier erlaubt, nur die knatternden Tricycles sind verboten.

Manilas schönes Gesicht - der Stadtteil Intramuros

Manilas schönes Gesicht aus seiner eher dunklen Kolonialzeit finde ich im Stadtteil Intramuros. Der einstige Sitz der spanischen Kolonialverwaltung ist von einer Mauer umgeben, hinter der auch die Kathedrale, der Gouverneurspalast und die Festung Fort Santiago liegen. Tricycle-Fahrer bieten kleine Stadtführungen an. Spanische Namen sind hier wie auch anderswo auf den Philippinen keine Seltenheit und zieren nicht nur die Straßenschilder. In den Gassen der Altstadt und den historischen Gemäuern fühle ich einen Hauch Lateinamerika.

Die Reisterrassen von Batad.

Der Wind der Freiheit weht auf der anderen Seite der Mauer – ein Stück weiter am palmengesäumten Roxas Boulevard. Auf der Ufermauer sitzen Passanten und schauen sehnsüchtig in die Ferne. Kinder springen ins Wasser, Angler halten ihre Ruten ins Wasser, Masseure und Stadtführer bieten unaufdringlich ihre Dienstleistung an.

Ein bisschen wie der Malecon von Havanna lädt die Promenade besonders abends zum Spaziergang ein. Bei einem Sundowner in der Club Lounge des Jen Hotels gegenüber vom Segelclub lässt sich das Geschehen wunderbar von oben beobachten, wenn der glutrote Sonnenball ins Südchinesischen Meer eintaucht.

Nach den ersten Tagen im quirligen Manila zieht es mich aufs Land. Eine zehnstündige Nachtbusfahrt trennt mich zwischen Großstadtlärm und – naja, Geräuschen des philippinischen Landlebens, das nicht minder lautlos abläuft.

Bellende Hunde, krähende Hähne, knatternde Tricycles, brummende Jeepneys begrüßen mich, als ich völlig durchgefroren und schlaftrunken aus dem Bus steige. Kaum zu glauben, dass zwischen den Berghängen das "achte Weltwunder" liegt – die von Lehmmauern umschlossenen Reisterrassen von Banaue.

4 km von der Kleinstadt entfernt in Richtung Bontoc liegt der Aussichtspunkt, von dem aus ich das wunderschöne Panorama der Berglandschaft mit ihren Reisterrassen genieße. Seit ca. 2.000 Jahren bebauen die Ifugao ihre kunstvoll angelegten Reisfelder an den Berghängen auf diese schlaue aber auch komplizierte Art.

Als ich zu meiner Unterkunft am Ortsende laufe, fallen mir immer wieder die roten Flecken auf der Dorfstraße auf. Betelnuss kaut hier fast jeder. "No spitting of Moma" hängt vor manch einem Geschäft, dass das Herumgespucke satt hat. In kleinen Läden und Werkstätten sind Ifaguo mit Web- und Holzschnitzarbeit beschäftigt. Viele kennen vielleicht die Bulul-Figur, die die Reisfelder beschützen soll und auch dafür sorgt, dass die Reisvorräte bis zur nächsten Ernte reichen.

Die Reisterrassen von Batad

Am nächsten Tag will ich in das 18 km entfernte Batad fahren, das von Reisterrassen umgeben in einem Tal liegt. Kein knatterndes Tricycle, das den Ortskern erreicht. Noch, mag man da sagen. Denn war die Anreise noch vor wenigen Jahren beschwerlich und mit einem längeren Fußmarsch verbunden, gelangt man heute motorisiert fast bis in das Dorf.

Doch noch immer gibt es ein letztes Stück pure Natur, das nur zu Fuß zurückgelegt werden kann. Hinter der Touristeninformation verteilen sich ein paar Restaurants und Unterkünfte am Hang. Nur Hammergeräusche und Sägen tönen aus dem Dorfkern Batad in der Talsohle zu uns hinauf.

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Luzon – zwischen Großstadtflimmern, Reisterrassen und hängenden Särgen

Im Stadtteil Intramuros kann man die Kolonialzeit fast noch greifen.

Hunderte von Metern liegen die Reisterrassen wie ein Amphitheater in den Berghängen und umschließen den eigentlichen Ort Batad, der wie eine Insel im Tal liegt. Die Ifugao nennen sie "Stufen zum Himmel". Mit einem Spazierstock in der Hand balanciere ich auf den schmalen Mauern.

Hinter der vermeintlichen Talsohle folgt ein weiterer Abstieg, der über steile Treppenstufen und Pfaden zum Tappia Wasserfall führt. Das saftige Grün der Berge rahmt den schäumenden 21 m hohen Wasserfall ein, der wuchtig in das Naturbecken, das am Morgen tiefgrün leuchtet, fällt.

Noch mehr Reisterrassen passieren wir am nächsten Tag, als wir uns auf den Weg nach Sagada begeben und die szenische Strecke über Bontoc fahren. Nebelschwaden umhüllen sanft die Gipfel. Die Mystik der Fahrt breitet sich auch auf die Erlebnisse im Ort aus. Nach unserer Ankunft in Sagada überqueren wir zunächst den Friedhof, auf dem die Toten ganz normal unter die Erde gebracht werden.

Dahinter führt ein Pfad bergab weiter zu den in den Himmel aufragenden Felsen, an denen Särge hängen. Aber auch in Höhlen liegen abgestürzte Särge, die teilweise Einblicke in ihr Inneres bieten. Ich sehe Schädel und Knochen herumliegen. Schilder weisen darauf hin, nichts aus den Särgen zu entnehmen.

Da die Geister der Toten der Legende zufolge gern dem Himmel nah sind, haben schon vor Jahrhunderten die Menschen in Sagada, die Särge der älteren, ehrwürdigen Verstorbenen an den Felsen befestigt. Die Igorots wollten nicht unter der Erde liegen, da sie glaubten, die Seele der Toten würde unter der Erde erstickt werden.

Dort, wo das Meer fast überall ist , bin auch ich gern einmal dem Himmel ganz nah und genieße die Tage in den Bergen, denn am Strand faulenzen kann man auf den Philippinen ohnehin fast überall.

Früher wollte Madlen Brückner nach Berlin, heute in die Welt. Sie sehnt sich immer nach dem, was sie nicht hat. Das lernte sie bereits in ihrer Kindheit östlich der Mauer. Sehnsüchte wurden zur Sucht. Ihr Blog "puriy unterwegs" soll den Blick für das Andere öffnen, um die Welt bewusst zu erleben.

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