Im Winter in den Alpen? Erholen in lärmendem Ski-Massentourismus, der gierig ist nach immer wilderen Pisten an den Berghängen und so die Natur unwiederbringlich zerstört? Nichts für mich. Dass es auch anders geht, zeigt der österreichische Naturpark Tiroler Lech.

Hier setzt man in der Naturparkregion Lechtal-Reutte mit dem touristischen Programm "Winterzauber am Berg" statt auf Pistenlärm und Après-Ski auf die leise, sanfte Seite des Winters – zum Beispiel mit Langlauf, Winter- und Schneeschuhwanderungen.

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Tirol: Winterzauber am Berg

Im Winter in den Alpen? Erholen in lärmendem Ski-Massentourismus, der gierig ist nach immer wilderen Pisten an den Berghängen und so die Natur unwiederbringlich zerstört? Nichts für mich. Dass es auch anders geht, zeigt der österreichische Naturpark Tiroler Lech.

Und im Sinne der Nachhaltigkeit ganz auf Regionalität: Die köstliche Tiroler Küche mit Kartoffel-Gröstl, Knödeln und Kaiserschmarrn lässt sich in vielen Hotels, Pensionen und Restaurant genießen – und das mit regionalen Lebensmitteln.

Der perfekte Start in den Tag: Bergfrühstück auf der Sonnalm

Die Sonnalm, eine der 18 Winterzauberhütten

Was gibt es Schöneres zum Start in den Tag als ein ausgedehntes Bergfühstück auf der Alm? Ich baumele gut gelaunt mit den Beinen, während die Jöchelspitzbahn mich im offenen Sessellift auf die 1800 Meter hoch gelegene Sonnal bringt. Hier zaubert Wirtin Ursula Wolf ein kräftiges Frühstück mit frischem Brot und Tiroler Käse- und Wurstspezialitäten, das bis weit in den Tag hinein sättigt.

Die Sonnalm gehört zu den mittlerweile 18 Almen und Hütten im Lechtal, die ihre Winter-Besucher – eben nicht nur Skifahrer, sondern auch Winterwanderer – mit rustikalen Jausen, Suppen und Mehlspeisen verwöhnen.

Toll dabei: Alle Zutaten für die Gerichte stammen direkt aus der Region, etwa der Käse aus der Käserei Sojer oder die in einem Sud aus Alpenheu gekochten, kräftig mit Knoblauch gewürzten Heuwürste von heimischen Fleischereibetrieben, die hier im Tal bei keinem Fest fehlen dürfen. Dazu gibt es Ursulas selbst gesammelten Kräutertee aus Alpenkräutern von den Bergwiesen rund um die Hütte – schmeckt nach Sommer.

Regionale Küche: kulinarische Schätze

Heuwürste werden in einem Sud mit echtem Heu gegart und sind eine Spezialität des Lechtals

Mit seinen nur kleinen Skipisten konnte das österreichische Lechtal nie mit den großen alpinen Ski-Hochburgen konkurrieren. Gut so, denn genau dies erweist sich heute als großes Glück: Traditionen blieben erhalten, Bausünden und andere Folgen des Massentourismus blieben aus.

Und auch der Fluss Lech profitierte davon. Er ist heute der letzte unverbaute Wildfluss der Nordalpen und mit dem mehr als hundert Kilometer langen Fernwanderweg Lechweg von seiner Quelle bis zum Lechfall hautnah erlebbar. Dass Naturnähe, Nachhaltigkeit und gerade die Regionalität die Stärken des Lechtals sind, haben viele der meist familiengeführten Hotels und Pensionen erkannt.

So zaubert die Küche im Hotel Post in Steeg nicht nur alpine Spezialitäten, auch die Zimmer sind mit viel Holz als Baustoff, unter anderem mit der alpinen Zirbe, modernisiert worden. Ich würde gern noch ein paar Tage länger bleiben. Auch, um nochmal in den phänomenalen Hängeliegen des ganz neuen Spa-Bereichs die Seele baumeln zu lassen.

Nach Todesfällen umso dringlicher: Auch für Skifahrer gibt es Regeln.

Aber an anderer Stelle im Tal ist es ja zum Glück auch schön: Im Hotel zum Mohren in Reutte zaubert Küchenchef Thomas Ruepp Leckeres aus den Produkten des Lechtals und setzt auch im Winter hauptsächlich auf saisonales Gemüse, auch wenn das die Auswahl weitestgehend auf Wurzelgemüse und Kohl beschränkt.

Doch raffiniert zubereitet, wird beides zum Gaumenschmaus. Beide Hotels sind Mitglied in der Vereinigung Naturparkwirte Lechtal-Reutte, die sich verpflichtet haben, überwiegend regionale Produkte verarbeiten.

So bringen Bekannte Thomas Ruepp jeden Herbst selbst gesammelte Steinpilze. Sein Restaurant ist außerdem Mitglied im Kuratorium Kulinarisches Erbe und ein Tiroler Wirtshaus, das für bodenständige, authentische Wirtshauskultur steht, mit Knödeln, Kartoffelgerichten und Tiroler Süßspeisen. Die vegetarische Schmankerlpfanne mit Käseknödel, Spinatknödel und Krautkrapfen, die ich dort gegessen habe, war jedenfalls köstlich. Und das hausgemachte Vanilleeis mit Rosmarin zum Niederknien.

Lecker regional: Käserei Sojer

Dass hier Käse entsteht, ist nicht zu überriechen. Almkäse, Rahmtilsiter, Emmentaler – die Naturkäserei Sojer verarbeitet seit Mitte des letzten Jahrhunderts die Milch der Bauern in der Region bis heute nur händisch zu Käse, Butter, Joghurt und Quark. Rund 30 Käsesorten werden in den Reifekammern zu regionalen Spezialitäten.

Gab es frühere noch einige milchverarbeitende Betriebe im Tal, betreiben Kurt Sojer und seine Familie heute die einzige Käserei im Lechtal. Zehn Bauern liefern zweimal täglich frische Milch, im Sommer kommt die Milch von einigen Almen dazu, erzählt er, während wir die Reifekammern anschauen.

Dann verarbeitet die Käserei bis zu 5000 Liter Milch am Tag. Der Käse reift in traditionellen Holzstellagen und muss alle zwei Tage von Hand gepflegt werden – das ist natürlich viel aufwändiger als industrielle Käseproduktion in großen Fabriken mit weitgehend automatisierten Abläufen und Milch von Kühen in Massentierhaltung.

Das sollten Autofahrer im Winter beachten, um Pannen zu vermeiden.

Abnehmer der Milchprodukte sind vor allem die Gastwirte im Lechtal und im Tiroler Oberland, man kann Sojers Käse und Milchprodukte außerdem in einigen kleineren Läden im Tal und im eigenen Käserei-Laden in Steeg kaufen. Der bietet zudem eine Auswahl regionaler Wurst, Öle und Tees von Partnern an, etwa von den Lechtaler Kräuterhexen. Ein nachhaltiges Konzept, das aufgeht: Sojer zahlt den Bauern mehr als ein Drittel höhere Preise als sonst in Österreich üblich.

Weil der Käse aber einfach auch viel aromatischer und von besserer Qualität ist, zahlen viele Gastwirte und ihre Gäste gern auch mehr. Ich schwärme jedenfalls immer noch für das Glas frische, kalte Alpen-Rohmilch, das ich in der Käserei zum Probieren bekommen habe. Wirklich kein Vergleich zu der stark verarbeiteten Milch, die bei uns üblicherweise in den Supermarktregalen steht.

Kräuterhexen: Altes Wissen für heute

Reichhaltige Käseauswahl im Laden der Käserei Sojer in Steeg

Es riecht würzig, kräuterig im Raum. Auf dem Tisch steht eine Art Stövchen, über dessen Feuer getrocknete Kräuter langsam zu Rauch werden. Daniela Pfefferkorn winkt mich heran.

Sie bezeichnet sich selbst als Kräuterhexe – aber eine moderne, mit Verein und Facebookseite. Die zweifache Mutter hat fast alles, was sie über die Kräuter im Tal weiß, von ihrer Oma gelernt. Rund 60 Freunde (vor allem aber Freundinnen) der alten Heilkunst haben sich im Lechtal als Kräuterhexen in einem Verein zusammengeschlossen und geben das alte Wissen um die alpinen Kräuter weiter.

Sie stellen wie Generationen von Frauen vor ihnen Teemischungen, Räucherwerk, Tinkturen und Salben aus Ringelblume, Johanniskraut, Schafgarbe und vielen anderen Pflanzen her. Ihre Tees und Öle sind häufig schnell ausverkauft; so mancher Gast bestellt von zuhause noch einmal nach, weil die Tinktur oder der Tee so gut tut.

Im Sommer bieten die Hexen Kräuterwanderungen und Workshops zum Herstellen eigener Naturkosmetik für die Gäste und Aktionen für Kinder an. So halten sie gleichzeitig die uralten Traditionen wie Räucherrituale und Feiern der Walpurgisnacht, der Sommersonnenwende oder des Frauentags im August am Leben.

Tradition und Moderne in der Wunderkammer Elbigenalp

Mhhh lecker: Gesunde Bergkräuter

Es riecht noch ganz neu im Eingangsbereich der Wunderkammer Elbigenalp. Gerade erst eröffnet, lässt sich in der Mischung aus Heimatmuseum, Archiv und Mitmachaktionen viel über das Tal und seine Bewohner erfahren. Etwa über die legendäre Geierwally, die wohl bekannteste Tochter des Lechtals. In Roman und Heimatfilm kitschig verklärt, war die reale, taffe Anna Knittel Vorbild für die Wally, die Mitte des 19. Jahrhunderts todesmutig einen Adlerhorst an einer Steilwand aushob.

Moment, Adler wurden damals vernichtet? Ja, die Greifvögel bekämpfte man damals tatsächlich erbittert als Schafräuber und nannte sie verächtlich "Geier", erfahre ich. Die junge Frau war jedenfalls mutiger als alle Männer des Dorfes und ging auch weiterhin, gewissermaßen als die erste emanzipierte Frau des Lechtals, unbeirrt ihren Weg: Gefördert vom Universalgelehrten es Lechtals, Anton Falger, wurde Anna Stainer-Knittel später eine erfolgreiche Malerin.

Ihre Geschichte und die Falgers lassen sich im neuen Museum Wunderkammer in Elbigenalp modern aufbereitet nachvollziehen. So hinterließ Falger, sehr interessiert an der Natur des Lechtals und seiner Bewohner, einen ungemein reichen Nachlass an Schnitzereien, Zeichnungen von Natur und Pflanzen und ersten kartographischen Darstellungen der Region.

In der dunklen Jahreszeit ist Ungarns Zentrum besonders beeindruckend.

Auch die Rolle der Frauen und die frühere bittere Armut im Tal ist in der Wunderkammer thematisiert: Viele Familien im Tal hatten im 19. Jahrhundert so wenig, dass nicht nur die Männer als Arbeiter in die Fremde zogen, sondern auch die Kinder als "Schwabenkinder" zum Arbeiten zu den reichen Schwaben ziehen mussten, um nicht zu verhungern.

Kleine Kinderschuhe im neuen Museum Wunderkammer erinnern an diese dunkle Zeit, die ihren Höhepunkt im 19. Jahrhundert hatte. Heute sorgt nicht zuletzt das nachhaltige touristische Konzept mit seiner Besinnung auf regionale Stärken wie Ruhe und Stille und lokale Produkte dafür, dass die Menschen im Lechtal Arbeit und Auskommen haben – und hier wohnen bleiben können. Und dass Besucher wie ich in den Genuss der Ruhe und der Natur-Schätze des Tals kommen.

Mehr Infos zum Lechtal und den Winterzauber-Angeboten gibt´s beim Tourismusbüro Lechtal, dem Tourismusverband Naturparkregion Reutte, der Naturparkregion Lechtal-Reutte und bei Tirol Werbung.

Andrea Lammert (Bild) gehört wie Anke Benstem, Silke Haas, Sandra Malt, Dörte Saße und Iris Schaper zum Bloggerteam Reisefeder. Die Journalistinnen und Reisebuchautorinnen schreiben über Reisen in alle Welt. Der Schwerpunkt liegt auf der Nachhaltigkeit.