Steve und Sharyn Mitchell aus Phoenix haben sich für 3.500 Dollar eine schicke Außenkabine geleistet. Steve hat dafür an jedem freien Wochenende in Las Vegas zwischen Darth Vader und Marilyn Monroe als sein großes Idol "Paul Stanley" posiert, das Foto einen Dollar, manche gaben ihm auch mehr.
Eigentlich ist er Personal Trainer, zwei Meter groß, und jetzt stellt er seinen Traumbody endlich zur Schau und schlüpft in sein weit ausgeschnittenes Kostüm. Vermutlich wird er es nicht einmal mehr nachts ausziehen in diesen verrückten Tagen in der Karibik, jedenfalls sieht man ihn während der viertägigen Reise fortan nur noch geschminkt und gestylt wie ebenjener Paul Stanley, Sänger und Gründer der amerikanischen Rockband Kiss.
Im Klartext heißt das: Das Gesicht ist weiß bemalt, über dem rechten Auge ein schwarzer Stern, knallroter Kussmund. "Starchild" nennt sich das. Steve muss schnell feststellen, dass er nicht das einzige Sternenkind an Bord ist, es wimmelt geradezu von "Paul Stanleys" auf den neun Decks des Luxusliners.
Viele sorgten mit ihren nietenbestickten Glitzerkostümen beim Einschiffen für großes Entsetzen beim Zoll. Denn immer wieder schlug die Sicherheitsschleuse Alarm: Piep. Bitte die hochhackigen Stiefel ausziehen! Piep.
Im Übrigen ist auch das Original an Bord: Paul Stanley nämlich hat die Band zusammengetrommelt und sticht gleich mit den treuesten Anhängern in See, zur "Kiss Kruise".
Kiss, Rock ’n’ Roll und Spaß
Es ist halb fünf am Nachmittag, der Himmel über Miami lächelt der "Destiny" hinterher, als wüsste er, wie viel Spaß sie nun erwartet. Langsam schiebt sich das 272 Meter lange Schiff an Miami Beach vorbei. Auf dem Lido-Deck sind alle Sonnenliegen beiseitegeräumt.
Zur "Sail away show" haben sich die 2.500 Passagiere oben versammelt. Sie kommen aus 32 Ländern, einige haben Fahnen dabei, auch ein paar Deutsche geben sich so zu erkennen. Sie alle haben nur drei Dinge im Sinn: Kiss, Rock ’n’ Roll und Spaß.
Wer ein Freund von Kreuzfahrten ist, wer dabei an Traumschiff, Cocktails und Sascha Hehn denkt, würde diese Reise schon jetzt verfluchen. Das Motto heißt: "Wet, wild, rockin’", und es gibt nichts, was es in diesen wilden Tagen nicht gibt. Vor allem viel laute Musik und Bier (in Eimern à vier Flaschen).
Das Happy End eines langen Traumes
Auf der Bühne, die über dem Swimmingpool errichtet wurde, erscheint Paul Stanley. Jeans, blaues Hemd, weißer Hut, Sonnenbrille. Er ruft ins Mikrofon: "Kiss Navy, lasst uns ein paar richtig coole Tage zusammen verbringen!"
Genau dafür sind sie alle hier, für die meisten ist es das Happy End eines langen Traumes, der in der frühen Jugend begann, als Paparazzi Kiss noch nachstellten, um ihre wahren Identitäten zu erhaschen.
Jetzt steht Paul Stanley vor uns: keine Schminke, kein Glamour. Ganz schön alt, finde ich. Tolle Figur, sagt meine Frau. Stanley ist mittlerweile 60, seit 39 Jahren singt er Songs wie "I was made for lovin’ you". Jetzt, wo er mir sein wahres Gesicht zeigt, werde ich ein bisschen sentimental. Denn bislang konnten Kiss die Zeit anhalten, auch für mich.
Den Alltag im Gesicht, Kiss im Herzen
Erklär mal einem Erwachsenen, warum du Kiss-Fan geworden bist. Luftschlösser verursachen keine Baukosten, deshalb gibt es so viele Kinder-Architekten, gerade in den frühen 70er-Jahren. Da schwappte der Superheldenboom amerikanischer Comics nach Europa herüber.
"Spider-Man" und "Hulk" wurden verschlungen, und auf einmal bogen Kiss wie die Fantastischen Vier um die Ecke. Mit geheimnisvollen Identitäten und begeisternden Superkräften. Bei ihren Konzerten schossen sie Raketen aus den Gitarren, flogen zur Hallendecke, spuckten Feuer. Ihr TV-Film "Kiss meets the Phantom of the Park" war so erfolgreich, dass er in die Kinos kam.
Mit elf kaufte ich mir für sechs Mark die erste Kiss-Platte, eine Singleauskopplung ihrer legendärsten LP, von der sie noch heute die Hälfte aller Songs live spielen. Ich hatte in der Schule als erste Fremdsprache Latein und deshalb große Schwierigkeiten, dem Mann im Plattenladen den englischen Titel zu nennen.
Ich hatte ihn im Radio gehört und phonetisch mitgeschrieben. Ich kramte also einen Zettel aus der Schulmappe, darauf stand: "Schaudidautlaut". Können Sie damit etwas anfangen? Er lachte, aber ich bekam meine Single ("Shout it out loud"), und weil sie mir so gut gefiel, kaufte ich am nächsten Tag auch noch die LP ("Destroyer").
Mit 13 sah ich Kiss zum ersten Mal live. Pyrowahnsinn, Konfettiregen, pure Begeisterung. Ich sah sie noch oft: Mit 16, 17, 26, 33, 34. Jetzt bin ich ... lassen wir das, ich trage die Maske des Alltags im Gesicht, aber Kiss noch immer im Herzen.
Frauen werfen BHs auf die Bühne
Es sind die Zeiten gebleichter Zähne, voller Lippen und praller Brüste, die Kiss so jung halten. Masken sind in, gerade in den USA, und die von Kiss haben sich in 39 Jahren nicht verändert. Deshalb lassen sich die Musiker noch heute als "hottest band in the world" ankündigen, und noch immer werfen einige Frauen während der Konzerte ihre BHs auf die Bühne.
Souvenirs, die Paul Stanley an seine Gitarre knotet. Unsere Fantasie ist es, die Kiss immerwährende Jugend schenkt. Schiller schrieb einmal: "Fantasie ist wie ein ewiger Frühling."
Die Karibik wird zur Nebensache
Dass auch der Herbst spannend sein kann, zeigt die "Kiss Kruise". Die Fahrt führt von Miami zur Karibikinsel Half Moon Cay und weiter nach Blue Lagoon Island/Bahamas. Geboten wird neben viel Sonne und goldenen Stränden das übliche Ausflugsprogramm: Tauchen mit Mantas, Schwimmen mit Delfinen, Shoppen in Nassau. Viel wichtiger aber ist das Bordprogramm, und dafür erhält jeder ein eigenes Booklet.
Andy und Deb Moyen aus Massachusetts haben eine der günstigeren Innenkabinen bezogen (900 Dollar). Die beiden sind geschminkt wie Gitarrist Tommy Thayer. "Wir sind das Raketenpaar." Sogar selbst geschnitzte Holzgitarren haben sie dabei. Andy sagt: "Die Leute auf dem Schiff wissen mehr über Kiss als Kiss selbst."
Er hat recht: An einem Nachmittag findet das "Kiss Trivial" statt, ein Kiss-Wissenstest. Beinahe erschreckend, welche Details die Bordgäste kennen. Es kommt sogar heraus, wie sich Bandleader Gene Simmons (der mit der langen Zunge) für einen Song des kanadischen Rocksängers Bryan Adams einen Co-Schreiber-Credit ergaunert hat.
Kiss-Karaoke und Halloween-Party
Bis zu vier Veranstaltungen finden gleichzeitig statt. Ein Minigolfturnier mit Tommy Thayer. Black Jack im Kasino mit Schlagzeuger Eric Singer. Frage-und-Antwort-Stunde mit Manager Doc McGee. Eine Tattoo-Convention, Kiss-Karaoke und Halloween-Party. Und jeden Abend gibt es eine neue, wilde Kiss-Show.
Beim "Lookalike-Contest", also dem Kiss-Kostümwettbewerb, wird Steve Mitchell nach Publikumsentscheid Sieger in der Kategorie Paul Stanley. In seiner Freizeit singt Steve in einer Tribute-Band, und seine Sharyn ärgert es dann, dass ihm weibliche Fans während der Shows ihre nackten Brüste zeigen und danach auch noch nach Autogrammen fragen.
"Ich sage dann: Ihr wisst schon, dass er nicht der richtige Paul Stanley ist", aber das ist den Frauen egal. Sie himmeln den Sternenjungen an, wer auch immer hinter der Maske steckt. Kiss ist die perfekte Illusion, und auch Steve Mitchell gehört dazu.
Kiss-Produkte – vom Babystrampler bis zum Sarg
Man sagt, Illusionen seien die Schmetterlinge des Lebensfrühlings. Im Falle von Kiss flattern sie als Dollarscheine umher und verzieren deren Konten. Kiss sind die größte Marke in der Rock-Geschichte. Sie machen alles möglich. Ihr Katalog umfasst neben der Musik 3.000 lizenzierte Produkte, vom Babystrampler bis zum signierten Sarg.
Im noblen Myrtle Beach gibt es das "Kiss Coffeehouse". In Las Vegas eröffnete erst in diesem Jahr der "Kiss Golf Course". Kiss haben alle Verkaufsrekorde der Beatles und von Elvis gebrochen. Die "Kiss Army" ist der weltweit größte Fanklub, auch die ehemalige US-Außenministerin Condoleezza Rice zählt zu den gut 100.000 Mitgliedern.
Ein Ergebnis des Kapitalismus
Paul Stanley sang in Toronto drei Monate lang "Das Phantom der Oper". Gene Simmons schrieb zwei Bestseller, und seine TV-Serie "Family Jewels" geht in die neunte Staffel. Er bezeichnet sich selbst als Ergebnis des Kapitalismus und sagt: "Ich verdiene in einer Nacht mehr als der Präsident der Vereinigten Staaten in einem Jahr."
In diesen Tagen klingelt es wieder in der Bandkasse. Die neue CD ("Monster") ist auf dem Markt, und die "Norwegian Pearl" sticht zur "Kiss Kruise II" in See. Diesmal geht es fünf Party-Tage durch die Karibik – wet, wild, rockin’, und das Schiff ist längst ausgebucht.
18 Meinungen zu ""Kiss" an Bord rockt die Karibik "
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tartufo
Sonntag, 04.11.2012, 13:01 Uhr @elfenfreund11 Zitat: == Was bringt mir die Originalbesetzung, wenn das Schlagzeug getriggert ist und die Hälfte von Ace´s Solos vom Band kommt, weil er sie alle vergessen hat. ABER: Den Spirit der 70er mit Peter in Hochform und dem Space Ace....der ist nicht mehr da. Von daher ..... == Spirit hin oder her: Wenn man sein Repertoire nicht mehr drauf hat, sollte man es lassen oder der Band einen Namen geben, der ähnlich wie KISS klingt. Außerdem hätte zumindest ich bei den Preisen erwartet, daß live, fehlerfrei und in Originalbesetzung gespielt wird. Musik vom Band kann ich auch zuhause oder im Auto hören. Ob das Bier aus Eimern auf offener See besser schmeckt, wenn man sich Klassiker einer "zusammengebastelten" Band anhört? Ich weiß es nicht. -
elfenfreund11
Sonntag, 04.11.2012, 10:45 Uhr @tartufo: Das ist eine gute Frage. Die beiden Hauptakteure sind noch immer dabei und Peter + Ace wurden ja damals schon über Zeitungsanzeigen hinzugenommen. Als nichts anderes wie heute Eric Singer und T.T. Musikalisch sind sie heute jedoch noch besser aufgestellt als in den 80ern mit Eric Carr (R.I.P.) und Bruce K. Was bringt mir die Originalbesetzung, wenn das Schlagzeug getriggert ist und die Hälfte von Ace´s Solos vom Band kommt, weil er sie alle vergessen hat. ABER: Den Spirit der 70er mit Peter in Hochform und dem Space Ace....der ist nicht mehr da. Von daher ..... -
tartufo
Sonntag, 04.11.2012, 09:32 Uhr Darf sich die Coverband wirklich KISS nennen? -
Oderus
Samstag, 03.11.2012, 16:41 Uhr @luli372....soweit ich das bisher mitbekommen habe, findet diese Rederei über die militärischen Einsätze der Amis aber auch nur im Amiland statt. Hab ich hier in Deutschland noch nie (bewusst) gehört/mitbekommen. Und die Amis stehen ja drauf also lass ihm doch die Freude wenn er seinen Fans DORT zu Munde redet. -
Oderus
Samstag, 03.11.2012, 16:35 Uhr Ich stimme dem "elfenfreund11" zu. Das ist ja wohl absoluter Schwachsinn wegen einer politischen Meinung eines Mitglieds einer Band, dieser den Rücken zu zudrehen. Dann kann die lange Zeit als Fan (???) ja nicht so lang gewesen sein. Kiss wissen schon, warum sie sich sonst nie zu politischen Dingen äußern.Da schlagen immer wieder irgendwelche Schwachmatten auf und müssen ihren uninteressanten und Scheuklappen verdächtigen Senf dazu geben. Ich bin jetzt seit 1978 Fan. Bin wohl (fast) so geboren worden und werde auch so ins Gras beißen. Klar haben sie schon öfter Dinge gemacht, auf die man als Fan nicht wirklich abfährt.Aber das ist ja auch nicht ihre Aufgabe. Sollen sie doch tun, was sie wollen. Und selbst wenn Gene Simmons "Geld-geil" ist.Na und? Lass ihn doch. Wenn man einem/einer "Posthauptschaffner" einen Haufen Kohle anbietet, wird er/sie/es auch nicht nein sagen und das Ding mit der Kalbszunge ist schon so dermaßen abgelutscht.....immer diese Neider. DAS, was sie da tun, ist nun mal ihr Job und für ihre Fans machen sie ihn recht gut. Und zum Glück geben diese nicht viel auf Stammtischgeschwätz. Sie sind immerhin schon 39,9 Jahre unterwegs, mit allen Höhen und Tiefen und sehr viele andere Bands zählen Kiss zu ihren Vorbildern und Kiss selbst haben viele noch unbekannte Bands als Supporter mit auf Tour genommen wie z.Bsp. Iron Maiden oder die Scorpions. Viel bla, bla, bla um nix. -
percystuart
Samstag, 03.11.2012, 14:29 Uhr @luli 372 Genau meine Meinung! Hätte ich nicht treffender formulieren können...... -
luli372
Samstag, 03.11.2012, 13:07 Uhr Ich kann mich percystuart nur anschließen. Bin seit 31 Jahren KISS-Fan und halte sie nach wie vor für die beste Live - Band der Welt, insbesondere wegen Frontman Paul Stanley, der sich seinerseits ja auch schon seit fast zehn Jahren durch das Schönreden militärischer Auslandseinsätze der US-Streitkräfte hervortut. Jedem seine Meinung - klar, aber er verbreitet die seinige auf der Bühne während der Shows, für die das Publikum viel Geld bezahlt hat. Wenn ich möchte, dass sich ein Künstler politisch äußert, gehe ich ins Kabarett oder auf Parteiveranstaltungen, bei denen diese Künstler dann (warum auch immer) auftreten. Den Vogel schießt aber de facto Gene Simmons ab, indem er einen orthodoxen Mormonen unterstützt, welcher genau für jene Lobby steht, die die Rockmusik im Allgemeinen und KISS im besonderen stets als "Teufelswerk" herabgewürdigt haben. Rock and Roll stand mal für Freiheit, liberales Denken und den Mut zum Anderssein, und heute tritt "The Demon" genau jenen Geist mit Füßen, durch den seine eigene Karriere erst ermöglicht wurde und biedert sich bei den reaktionären Neokonservativen an, die aus seiner Wahlheimat einen mittelalterlichen Gottesstaat machen wollen. Traurig, traurig...
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