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15.06.2013, 10:30 Uhr

Begegnungen in der Taiga mit Bären und Wölfen

in Kooperation mit DIE WELT

Bären und Wölfe, Elche und Rentiere: Im Norden Finnlands ist die Natur so urwüchsig, dass jeder Ausflug zur Safari wird. Wer die Tiere in der Taiga beobachten will, braucht Geduld. Doch es lohnt sich.

Von Oliver Abraham

Die Taiga ist ein endloser Wald. Niedrige Birken und Fichten bis zum Horizont. Kein dampfender Dschungel, keine Kathedrale der Natur. Langweilig? Uninteressant? Nur auf den ersten Blick! Man mag durchfahren – wenn man nicht wüsste, wer darin lebt.

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Schönheit und Spannung also erst auf den zweiten Blick. Und genau das macht die Taiga richtig interessant. Willkommen bei Bär und Biber, bei Wolf und Vielfraß. Willkommen in der Taiga, dem größten Wald der Welt.

Dieser Wald hat es nämlich in sich. Antti steuert den schweren Ford-Geländewagen über die endlos scheinenden Schotterpisten im Osten Finnlands. Die Gegend ist nahezu unbewohnt und die Grenze zu Russland nah. So ist es gewiss besser, einen erfahrenen Führer zum Wandern dabei zu haben.

Die staubige Piste endet bald irgendwo im Nirgendwo. In der Luft vielstimmiges Vogelgezwitscher und der harzige Duft von Kiefern. Ein Trampelpfad führt hinein in das Reich des "Königs der Wälder".

"Ursus Arctos Arctos" beim Namen zu nennen, nein, das tut man nicht. Bringt nur Unglück. Noch heute zollen auch Jäger dem "Geist der Taiga" gehörigen Respekt. Folgen wir also den Wegen in die Einsamkeit und warten, was sie uns zeigt. Hören wir einfach mal zu.

Der Wind rüttelt an den Planken

Die wackelige Brücke führt über einen Bach, Mücken tanzen millionenfach im Sonnenlicht, lassen die einsamen Wanderer merkwürdigerweise aber in Ruhe. Hinter zwei Hügeln öffnet sich der Forst zu einer weiten Wiese, darauf stehen verlassene Gebäude.

Bis in die 1960er-Jahre, sagt Antti, hat eine Familie hier Landwirtschaft betrieben. Im Schuppen steht noch ein verrostetes Fahrrad, mit dem sie einst ins nächste Dorf geradelt sind, und einmal pro Woche kam der Versorgungswagen mit dem Nötigsten heraus.

Seit einem halben Jahrhundert liegt Levävaara im Dornröschenschlaf. Zu wenig, zu mühselig, zu einsam gar – wer weiß das schon? Das Haupthaus mit seinem Kamin und dem Sofa im Wohnzimmer scheint noch bewohnbar, Dach und Scheiben sind intakt gehalten, die Tür verschlossen.

Der Wind frischt auf und weht über die Weite, rüttelt in Böen an den Planken, wiegt den Wacholder. Adler kreisen unter dem Himmel. Es ist eine sonderbare Stimmung der Einsamkeit und Verlorenheit hier auf dem alten Hofgelände. Über die ehemaligen Wiesen summen Insekten.

Die Nacht ist die Zeit der Räuber

In der Taiga wohnen jetzt wieder die allein, die hier schon immer zu Hause waren: Biber und Bär, Vielfraß und Wolf und all die anderen. Antti erzählt das, und abends will er dann zu einer Beobachtungshütte aufbrechen.

Jetzt, am Tag, verstecken sich Bären und Wölfe, sie schlafen wohl. Die Nacht ist die Zeit der Räuber. Tagsüber nur Spurensuche, allenfalls. Und der Luchs ist so scheu, den sieht man nicht.

Aber: Zu wissen, dass sie da sind, erhöht den Spannungsfaktor ganz erheblich – und plötzlich ist die auf den ersten Blick vermeintlich langweilige, leere Taiga ganz interessant. Man muss halt nur genau hinschauen, hinhören, den Wald wirken lassen: Dort die abgenagten Stämme; und plantscht dahinten nicht ein Biber am Bau? Hummeln tanzen um die Blaubeerblüten, Wollgras wippt im Wind. Grüne Libellen sirren über geheimnisvolles, dunkles Wasser.

Birken mit bleicher Rinde stehen Gespenstern gleich am Rand des Moores. Ein Bohlenweg führt hinein. Ein Brachvogel ruft, und die Luft wird schwül und schwer. Wildnis halt. Ein Schwarzspecht fliegt in den Geisterwald. Mystisch eben.

Im wilden Osten Europas

Elche leben hier, wer Glück hat, sieht welche, wenngleich manchmal nur als Schatten im Wald verschwindend. Vielfraße hausen im Unterholz. Und über die offenen Heiden ziehen Rentiere. Die fressen gern Flechten, sagt Antti und beweist neben dem Wege- auch sein Waldwissen. Taunass wie Moos hängen die Flechten an Birken und Fichten und bilden grüne Vorhänge.

Ein paar Kilometer weiter liegt die russische Grenze, dahinter sieht es genauso aus wie hier – kaum Menschen und unberührte Natur. So wurde ein länderübergreifendes Naturschutzgebiet daraus, durch das die Hauptdarsteller frei umherziehen, die Wölfe und die Bären und all die anderen – denn das hier ist der wilde Osten Europas.

Der Mensch allerdings darf nicht laufen, wohin er will, für die unmittelbare Grenzregion Finnlands ist eine Genehmigung nötig, die bei der Buchung üblicherweise gleich mit erteilt wird. Grenzübertritte in der Wildnis sind selbstverständlich verboten.

Es ist später Nachmittag als Antti den Geländewagen durch die Taiga näher Richtung Grenze steuert. Das Ziel ist ein weiterer Sumpf, graue Stämme toter Kiefern ragen aus dem Moor. Am gegenüberliegenden Ufer liegt eine Insel, Sandbänke, niedriger Fels.

Antti stoppt den Wagen und führt zu Fuß durch den Morast. Vier Hütten stehen am sumpfigen Ufer; einen Meter breit, vier Meter lang und so niedrig, dass man eben darin stehen kann. Wellblech, Dachlatten, Schaumstoffisolation, zusammengebastelt, ein Schlafsack am Boden – aber mehr braucht es nicht, um Wölfe und Bären zu beobachten.

Deo vertreibt die Wölfe

Und endlose Geduld – oder wo haben Sie sonst schon einmal 14 Stunden lang in den Wald gestarrt? Das Märchen vom bösen Wolf ist eben nur ein Märchen. Wittern die Tiere Menschen, hauen sie ab. Deshalb gilt, möglichst kein Deo und kein Mückenspray und vor allem ganz still sein.

Bevor man es sich in der Beobachtungshütte bequem macht, wird alles bereit gelegt – Kamera, Fernglas, Thermoskanne, Wasserflasche. Erfahrene Tierbeobachter kommen zu zweit; einer ruht, einer wacht. Wer allein ist, hat Sorge, den Auftritt der Stars abzupassen und schaut sich 14 Stunden lang den Waldrand an, wenn er nicht zwischendurch doch einschläft.

Der Kuckuck ruft am Tagesende, die Möwen schreien, doch dunkel wird es nicht. Plötzlich ist es ganz still über dem Moor und die Telekanonen aus den Nachbarhütten bewegen sich. Kolkraben krächzen. Die späte Abendsonne beleuchtet die gespenstische Szene eines nebligen Moores mit toten Bäumen und einer schwarzen Wolkenwand darüber.

Die Nacht ist die Zeit der Jäger. Ein Rabenruf hier vorn, ein Rabenantwortruf aus der Ferne. Die Sinne sind aufs Äußerste geschärft. Jeder Laut, jede Regung wird auf unnatürliche Art überdeutlich wahrgenommen.

Die Wölfe sind hier irgendwo, das ist gewiss. Wer klingt wie ein glockenhelles Quaken, wer wie eine Sirene? Wer schreit wie ein Pavian, und wer hört sich an wie eine Hupe? Hochfrequentes, hysterisches Geschnatter. Die Taiga, sie ist üppig und überraschend für den, der Geduld hat.

Ein versteckter Fisch als Lockmittel

Im Wald, da sind die Wölfe. Es knackt und kracht verhalten in der Baumgruppe gegenüber, und es war bestimmt wieder nur der Wind. Kuckuck ruft, Rabe schreit, Möwe fliegt – und plötzlich huscht ein Schatten auf der anderen Seite durch die Dämmerung. Das war ein Wolf, bestätigt später der Naturfotograf aus Hütte Nummer Eins. Dann ist wieder Ruhe, nur Vogelstimmen sind zu hören.

Stunden später, am frühen Morgen, schleicht er endlich auf die Waldbühne und zeigt sich: ein Jungtier mit hellem Fell. Dann brummt in der Ferne ein Auto, Antti kommt uns abholen. Der Wolf verschwindet schnell wieder im Wald, dorthin, wo der Rest des Rudels wohl die ganze Nacht gewartet hat. Wie es so war, fragt Antti. Doch, war spannend, antworten wir.

Nur "Er" kam nicht. Wer einmal auf Beobachtungsposten war, will es gleich noch mal versuchen. Geduld und Glück. Antti übergibt an Sabrina, und wir fahren wieder über endlose und einsame Pisten zwei Stunden lang nach Norden. Wieder führt ein Pfad an das Ufer eines versumpften Sees, wieder steigt dahinter festes Land an.

Das Prinzip scheint klar: Wölfe und Bären leben im sicheren, dichten Wald. Sümpfe und Seen bieten eine Lichtung, die sie überblicken und der sie sich gefahrlos nähern können – und in diesem Fall gibt es einen versteckten Fisch als Lockmittel.

Diese Beobachtungshütte ist von der Grundfläche her zwar etwas größer, aber so niedrig, dass Erwachsene darin nicht stehen können. Also müssen wir auf den Posten kriechen, um Schlafsack, Fernglas, Kamera klar zu machen.

Der Moorsee vor der Hütte liegt dunkel und völlig still. Raben lungern herum, der Wind streicht ab und zu über die Lichtung. Und weht vom Wald weg. Gut so! Mit dem Wind kommt ein hölzern klingendes Keckern herüber. Ein Auerhahn?

Gänsehaut beim Anblick der Bärin

Die Völker des Nordens haben eine tiefe, mystische Beziehung zu "ihm". Für Schamanen war und ist der Bär Mittler zwischen den Welten, so groß, stark und klug wie er ist. Und hat er nicht etwas Menschliches", wie er so aufrecht stehen und mit den "Händen" arbeiten – "der kluge Alte" oder "der alte Mann".

Das englische Wort "forbears" kann man auch mit "Vorfahr" übersetzen. Das Gefühl, "ihn" unmittelbar und in freier Natur zu sehen, ist überwältigend, ein Gänsehautgefühl pur.

Wir hören "ihn" anfangs gar nicht. Es ist gegen 21 Uhr, als "er" erstmals zu sehen ist, wenig später tritt "er" aus dem Wald ins Freie. Die Vögel ringsum kreischen. Das Tier stellt sich aufrecht hin, schnuppert, sichert, ängstlich beinah, und trottet dann gemächlich weiter.

Das Fell hat einen hellgelben Farbton wie Karamell. Jetzt sehen wir es, "er" ist eine "sie", zwischen fünf und sieben Jahre alt. Ein junges, ausgewachsenes Weibchen, geschätzte 150 Kilogramm schwer. Sabrina kennt "sie". Es ist Tatjanas Tochter. Einen eigenen Namen hat "sie" noch nicht. Wundersame Taiga.

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von Visitfinland. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit.

© DIE WELT

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