Wo es weltweit ein kostenloses Zuhause gibt
in Kooperation mit
Von Dirk Engelhardt
Die erste Reaktion, wenn man von der Idee erzählt, den Urlaub mal nicht im Hotelzimmer, sondern in der Wohnung eines fremden Menschen zu verbringen, ist meist: "Nein, das könnte ich mir nie im Leben vorstellen – eine fremde Person, die in meinem Bett schläft und sich in meinem Bad wäscht."
Die andere Reaktion ist Wohlwollen, gepaart mit Neugier, und dazwischen gibt es wenig. Ich hatte mich entschlossen, für eine Woche meine Wohnung mit einem Pariser zu tauschen.
Rechtlich gesehen können nicht nur Eigentümer von Immobilien, sondern auch Mieter ihre Wohnung oder das Haus kurzzeitig Dritten überlassen, ohne den Vermieter zu informieren, da Gäste keine Untermieter sind.
Agenturen empfehlen jedoch, den Vermieter mit einzubeziehen. Schließlich möchte man dem Besucher jeden Ärger ersparen. Automatisch versichert ist man als Wohnungstauscher übrigens nicht. Doch die eigene Hausrat- oder Haftpflichtversicherung kommt prinzipiell für Schäden auf.
Auf der Seite der Wohnungstausch-Agentur im Internet, die leider etwas altmodisch gestaltet und nicht sehr einfach zu bedienen ist, sind mehr als 500 Angebote für Wohnungen in Paris aufgelistet.Man kann jede einzelne anklicken und sieht dann Fotos der Wohnung, die Anzahl der Schlafzimmer, der Betten und der Badezimmer.
Da ist das Studio, eingerichtet mit Designermöbeln zwischen Louvre und Centre Pompidou, mit Blick über die Dächer von Paris, da ist die stilvolle Altbauwohnung mit vier großen Zimmern, Stuckdecke, Parkettboden und offenem Kamin im Marais.
Ein Anbieter beschreibt seine Altbauwohnung als "typische Wohnung der Gegend des Boulevard Haussmann", auf den Fotos sieht man einen Flügel und einen Notenständer, was auf eine Künstlerfamilie hindeutet; eine andere Wohnung eines pensionierten Pärchens liegt direkt am Arc de Triomphe, sie ist vollgestellt mit Antiquitäten, die Badewanne ist rosafarben.
Auf dieser Fotosafari bietet sich schon ein Bild, das ganz anders ist als das vom Städtetrip mit Hotelzimmer und dem üblichen Besichtigungsprogramm.
Zusätzlich zu den Fotos beschreiben die meisten Anbieter noch die Besonderheiten der Wohnung, in welcher Umgebung sie sich befindet, und welchem Beruf sie nachgehen.
Auf Etikette wird Wert gelegt
Das Wichtigste aber, das sollte ich bald erfahren, ist die kleine Rubrik: Wohin und wann möchte ich tauschen. Es ist nämlich beileibe nicht so, dass man sich, wie im Urlaubskatalog, irgendeine Wohnung aussuchen kann, die einem gefällt.
Ich schreibe also erste Nachrichten über die Internetseite an Pariser, die Interesse zeigten, mein Land zu bereisen. Doch es folgten nur Absagen. "Bonjour, es tut uns schrecklich leid, aber wir haben unsere Ferien bereits organisiert.
Wir wünschen Ihnen aber viel Glück bei der Suche nach einer passenden Wohnung", in diesem Ton sind die meisten Absagen verfasst. Auf Etikette wird Wert gelegt, nicht umsonst ist die Mehrzahl der Tauschbörsenteilnehmer Lehrer oder Professor von Beruf.
Wer eine Wohnung tauschen möchte, muss anscheinend hartnäckig sein. Erst nach 54 elektronischen Botschaften erhalte ich ein "Ja, gerne" als Antwort. Ein Pariser Lehrer mit großer Wohnung im 19. Arrondissement möchte unbedingt in meine Stadt tauschen, und sogar meine avisierte Zeit stimmt mit seinem Urlaubsplan überein.
In einem Telefonat tags darauf besprechen wir Einzelheiten, vor allem die Schlüsselübergabe. Da wir beide am gleichen Tag am "Urlaubsort" ankommen, müssen Nachbarn als Schlüsselverwahrer herhalten.
Statt also, wie üblich, mit dem Taxi vom Flughafen zum Hotel zu fahren und an der Rezeption einzuchecken, nenne ich dem Taxifahrer diesmal als Adresse eine Wohnstraße.
Der freundliche Nachbar ist zur abgesprochenen Zeit da und überreicht mir die Schlüssel der Vier-Zimmer-Wohnung. Auf dem Tisch liegt eine "Bedienungsanleitung" für die Wohnung, in der Alain alles Wissenswerte aufgeschrieben hat.
Ich soll Blumen gießen, kann die Nahrungsmittel im Kühlschrank aufbrauchen und habe sogar einen Gastzugang für das Internet. Den einzigen Unterschied zu deutschen Wohnungen finde ich im Badezimmer: Franzosen haben auf der Toilette anscheinend keine Klobrille.
Mein Tauschpartner ist, davon abgesehen, wohl kein typischer Franzose: Nicht eine einzige Flasche Wein gibt es in der Küche, dafür einen guten Vorrat Bier im Kühlschrank.
Auf einem ersten Spaziergang schnuppere ich Pariser Luft und viel exotisches Flair – meine Wohnung liegt im Viertel Belleville, das vor allem von Afrikanern und Asiaten bewohnt wird.
Eine echte Oase ist der Parc des Buttes Chaumont. Butte heißt so viel wie Hügel, und man hat tatsächlich einen großartigen Panoramablick über die Stadt, inklusive Eiffelturm.
Es folgt eine Woche, in der ich viel von Paris erkunde, und das eingesparte Hotelbudget in die teuren – aber lohnenswerten – Kabaretts investiere.
Ich habe kein Foto meines Tauschpartners gesehen, umso gespannter bin ich auf unser Zusammentreffen in meiner Wohnung, denn Alain wollte zwei Tage länger bei mir bleiben als ich in Paris.
Die Wohnung ist verriegelt
Zurück zu Hause, stehe ich mit meinem Hausschlüssel vor meiner Haustür – und komme nicht hinein. Alain hat die Wohnung wie Fort Knox mit beiden Vorhängeschlössern verriegelt, die ich nie benutze. Und ist ausgegangen.
Leider ist auch noch sein Handy ausgeschaltet, sodass ich drei Stunden warten muss, bis mein Tauschpartner von einer Tour in die Stadt zurückkehrt.
Dann stehen wir uns gegenüber, und Alain entpuppt sich als äußerst sympathischer und korrekter Typ. Meine Wohnung ist bei meiner Rückkehr sogar noch sauberer, als ich sie verlassen habe.
Fazit: Mein erster Wohnungstausch wird, trotz kleiner Pannen, bestimmt nicht mein letzter bleiben.
2 Meinungen zu "Eine neue Form des Reisens"
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oddo
Dienstag, 30.08.2011, 11:39 Uhr Die Idee ist eigentlich genial, doch wer zieht das dann mit allen Konsequenzen durch? Ich nicht! -
schieber1
Montag, 29.08.2011, 08:57 Uhr Ein Wohnungstausch mag ja sehr sinnvoll und kostengünstig sein......................, allerdings würde ich mich sehr unwohl fühlen, wenn ich wüßte daß jemand unbeaufsichtigt in meinem Haus schalten kann wie er will. Die Privatsphäre wird dadurch doch sehr offengelegt.
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