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14.02.2012, 12:18 Uhr

Über den virtuellen Wolken

Stark zerrt der Wind an den Tragflächen. Immer wieder driftet die Maschine nach links. Regen, der auf die Cockpitscheiben prasselt, macht den Anflug schwierig. Nur wenige Meter noch, dann setzt die Boeing auf. Gischt spritzt von der nassen Landebahn auf. Der Pilot geht auf Umkehrschub und bremst ab. "D-LI01, please leave the runway." Wenige Minuten später ist die Maschine am Gate, die Motoren fahren herunter. Die Bordelektronik schaltet sich ab, und die Flugdaten werden auf der Festplatte des PCs zu Hause abgespeichert: Der Flug war rein virtuell.

Anweisung vom Controller

"Bis zum nächsten Mal", ist aus den Lautsprechern zu hören. Die Anweisung wiederum ist real, sie stammt von einem Menschen aus Fleisch und Blut, der sich unentgeltlich darum kümmert, dass die Hobbypiloten einen sicheren Flug absolvieren. Bei dem neuen Flugsimulator 737 NGX von PMDG unterstützen zahlreiche solcher Controller den Piloten, über Ländergrenzen hinweg. Sie geben in Echtzeit, von realem zu realem Menschen, Anweisungen.

Vollgetankt am Gate

Etwa zwei Stunden vor der virtuellen Landung: Die Boeing der Firma PMDG, die Flugzeuge für Microsofts Simulator programmiert, steht abflugfertig und vollgetankt am Gate. Die Flugroute ist in den Bordcomputer eingegeben. Rund eine Stunde soll der Flug dauern, der online abläuft und über Server der "International Virtual Aviation Organization" abgewickelt wird. Der Pilot sitzt zu Hause vor einem Computer und fliegt die virtuelle Maschine, Boden-, Tower- und Abflug-Controller sitzen ebenfalls vor ihren Rechnern und geleiten die Boeing von einer zur nächsten Flugzone.

Begegnung mit anderen Maschinen

Um die Simulation noch ein wenig realistischer wirken zu lassen, tauchen auch Maschinen anderer Piloten auf dem Radarschirm auf. Wetterdaten werden von Spezialservern eingespielt, und es lassen sich Flugprozeduren oder Landemanöver wirklichkeitsnah üben. Eine hinterlegte Systemlogik simuliert Triebwerksausfälle oder Druckabfälle in der Kabine des Boeing-Modells von PMDG. Noch vor ein paar Jahren wäre so etwas undenkbar gewesen.

Durch virtuelle Welten

Wie eine Grundplatte für eine Modelleisenbahn liefern die beiden gängigsten Programme, Microsofts "Flight Simulator X" und "X-Plane" von Hersteller Laminar Research, eine virtuelle Spielumgebung. Im FS-X lassen sich etwa 24.000 Flughäfen anfliegen. Mehr als 200.000 Piloten fliegen in Deutschland daheim durch virtuelle Welten. Für etwa 70 Euro bekommt der Hobbypilot den Globus auf die Festplatte seines Computers.

Grundkenntnisse der Fliegerei

Mithilfe der Software können sich Hobbypiloten durchaus Grundkenntnisse über die Fliegerei aneignen, über Aerodynamik, Wetterkunde oder Geografie zum Beispiel. Eine echte Passagiermaschine werden sie mit ihrer Hilfe jedoch nicht steuern können. Der Unterschied zwischen dem Lenken einer virtuellen Maschine über den Monitor im Wohnzimmer und eines Hunderte Tonnen schweren Flugzeugs bei 800 Kilometern pro Stunde ist dafür einfach zu groß. Etwa 40 Flugstunden brauchen Piloten im realen Leben bis zum ersten Alleinflug. Im Online-Flugsimulator genügen hingegen wenige Minuten, um die virtuelle Maschine in die Luft zu bringen.

Durch die Checkliste

Der Controller gibt dem Piloten die Freigabe für das Starten der Maschinen und den Pushback, bei dem ein Schleppfahrzeug das Flugzeug aus der Parkposition holt. In der virtuellen Boeing werden nun die Treibstoffpumpen und Landelichter eingeschaltet, die Triebwerke hochgefahren und die Funkfrequenzen gesetzt, über die sich der Pilot mit dem Controller per Headset unterhält. Vor dem Start geht der Pilot noch die Checklisten durch: Ist der Höhenmesser richtig eingestellt, sind die Klappen gesetzt, stimmt die Reiseflughöhe?

Startfreigabe vom Tower

Dann biegt die Boeing auch schon auf die Startbahn ein, und wenn es so weit ist, erteilt der Tower die Startfreigabe. Auf dem Bildschirm wandert der Schubhebel nach vorn. Die Boeing 737 beschleunigt, dann hebt sie ab. Unter dem Flugzeug entschwindet die detailliert nachgebildete Landschaft. Schon wenig später sind das engmaschige Straßennetz Deutschlands, Flüsse, Berge und Täler zu sehen.

Cockpit für Zuhause

Nur vor dem PC zu sitzen und auf einen Monitor zu schauen, genügt vielen nicht mehr. Der Trend geht daher zum Bau von Heimcockpits. Tüftler basteln Tausende Euro teure, voll funktionsfähige Cockpits, die denen einer Boeing oder eines Airbus nachempfunden sind, und stellen sie in ihren Hobbykeller oder ihr Arbeitszimmer.

Wolken vor den Fenstern

Doch schon kleine Investitionen können das Fliegen am PC deutlich realistischer wirken lassen. Um sich im dreidimensionalen Cockpit des Flugzeugs umzuschauen, muss der Pilot eigentlich einen Knopf am Joystick bewegen. Mit der Hardware "Track IR" geht es einfacher: Eine auf dem Monitor platzierte Mini-Kamera registriert reale Kopfbewegungen und setzt sie in virtuelle im Spiel um. Damit kann sich der Pilot frei im Cockpit umsehen, als säße er direkt darin, während die Maschine ihre Flughöhe von 30.000 Fuß erreicht. Dann fliegt die Boeing die vorgegebene Strecke ab. An den Cockpitfenstern huschen Kumuluswolken vorbei.

Applaudierende Passagiere

Der Flug erreicht schließlich den Punkt, an dem der Sinkflug eingeleitet werden muss. Der Controller gibt Anweisungen, auf einen bestimmten Kurs zu gehen, um die Landebahn zu erreichen. Der Schub der Boeing 737 geht etwas zurück, das Flugzeug sinkt weiter, und unter der Wolkendecke prasselt der Regen auf die Cockpitscheiben. Dann ist die Landebahn in Sichtweite, die Landeklappen werden ausgefahren, und die Maschine setzt auf. Wer es braucht, kann sich noch eine von Hobby-Programmierern entwickelte Software installieren: Sie fügt dem Simulator virtuelle Passagiere hinzu, die nach geglückter Landung applaudieren.

© Axel Springer AG

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