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03.03.2013, 16:17 Uhr

Spiel der Woche: "Tomb Raider"

Vorgeschichte oder Reboot? Grandioses Comeback oder endgültiger Abgesang auf die erste und größte Pop-Ikone der Gaming-Geschichte? Bei ihrer Rückkehr auf Xbox 360, PS3 und PC erfindet Lara Croft nicht nur sich selbst neu ...

VonRobert Bannert

Mitte der 90er-Jahre hat Lara Croft nicht nur ein neues Sub-Genre des Action-Adventures begründet - nebenbei schaffte sie auch noch das Kunststück, das schöne Geschlecht fest in den verspielten Heldenzirkus zu integrieren. Viel Charme, Witz, spielerische Finesse und nicht zuletzt ihre imposante (wenn damals auch noch etwas eckige) Oberweite machten die Grabräuberin zur Pop-Ikone, die Playboy-Cover zierte, gleich mehrere Comic-Serien bekam und auf der Leinwand von Schmoll-Lippe Angelina Jolie verkörpert wurde.

17 Jahre und neun Spiele später scheint die Grande Dame der Videospielwelt nur noch ein Schatten ihrer selbst zu sein: Obwohl ihr US-Entwickler Crystal Dynamics seit 2006 immerhin drei Spiele auf den drallen Polygon-Leib schneiderte, war ihr Image zuletzt stark beschädigt und der Spiel-Mechanismus zu überholt, um neben unerschrockenen Fans noch andere Gamer ans Pad zu locken.

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Darum versucht es Publisher Square Enix nun mit einem Neustart der "Tomb Raider"-Marke, der weit über das Maß einer virtuellen Schönheits-OP hinausgeht: Lara Croft wurder einer Generalüberholung unterzogen, aus der sie spielerisch geläutert und visuell verjüngt hervorgeht. Tatsächlich schaffen Crystal Dynamics und Square Enix mit spielerischer Leichtigkeit, was man bisher allenfalls von Kino-Neustarts wie der aktuellen "007"-Reihe oder "Star Trek" kennt. Man erzählt nicht nur aus der Jugend der Helden, man erfindet ihn neu. Die neue Lara ist kein furchtloses Superweib mit Wespentaille, sondern sie fühlt sich an wie ein lebendes, atmendes Wesen, das sich bei Bedrohung angstvoll umschaut und in der Kälte fröstelnd die Arme um ihren zerbrechlichen Körper schlingt. Sie ist keine abgebrühte Grabräuberin, sondern ein gänzlich unbeschriebenes Blatt, das bisher wenig mehr erlebt hat als ein paar Klettertouren.

Und jetzt sieht sich diese junge Frau mit einer Situation konfrontiert, in der es nur zwei Optionen gibt: Entweder sie wächst in kürzester Zeit über sich hinaus und wird zu der Abenteurerin, die man kennt - oder sie stirbt. Denn die Suche nach einer versunkenen asiatischen Kultur und einer mysteriösen, von Stürmen gepeitschten Insel im "Drachendreieck" gerät schnell zur Katastrophe: Das Expeditions-Schiff kentert, Lara wird von ihren Reisegefährten getrennt und alleine an einen fremden Strand gespült. Schnell wird sie zur Gefangenen eines bizarren Kults, muss aus einer von der anrollenden Flut unterspülten Höhle entkommen und auf einer unbekannten Insel ums nackte Überleben kämpfen. Ein unwirtlicher Ort: Nur selten scheint die Sonne. Vielmehr prasselt unbarmherziger Regen auf die schroffen Felsen, um sich kurz darauf in bitterkalten Schneefall oder orkanartige Sturmböen zu verwandeln.

Die revolutionäre technische Umsetzung der Witterung ist die eine Hälfte der Miete. Die andere ist das jederzeit nachvollziehbare Verhalten der jungen Lara. Crystal Dynamics zeichnet das emotionale Bild einer gehetzten Frau und strickt daraus einen derart glaubwürdigen, unmittelbaren und intensiven Überlebenskampf, dass die eingentlich famosen "Uncharted"-Abenteuer von Nathan Drake dagegen wie plumpes Kasperle-Theater wirken. Wenn Lara zum ersten Mal einen Pfeil von der Bogensehne schnellen lässt und sich mit Tränen in den Augen über die im Todeskampf gefangene Hirschkuh beugt, der ihr Pfeil galt - dann ist das herzerweichend.

Hier schaffen die Entwickler zum ersten Mal, was man bisher nur versprochen hat: ein spielbares Erlebnis auf gehobenem Hollywood-Niveau, das Gefühle nicht nur durch leblose Textboxen, sondern mittels Mimik, Gestik, perfekter Schnittfolgen, erstklassiger Synchronisation durch die deutsche Schauspielerin Nora Tschirner und eines konkurrenzloses Gespür für dramaturgisch cleveres Timing vermittelt.

Es grenzt zudem fast schon an ein kleines Wunder, dass die neue Lara auch spielerisch eine gute Figur macht, ohne dabei den Erzähl- und Gefühlfluss zu behindern: Hat sie erst einmal all ihre Waffen und Werkzeuge beisammen, zeigt sie zunehmend die Sorte Kletter- und Forschertalent, das man von ihr erwartet. Bis sich ihre ersten zaghaften Schritte schließlich in die gekonnte Gangart einer taffen Schatzsucherin verwandeln, die durch den Wald sprintet, über Abgründe springt, Felswände erklettert, unterirdische Bunker erforscht und über schmale Simse balanciert.

Nora Tschirner in "Tomb Raider"

Nora Tschirner lieht Lara Croft nicht nur ihre Stimme, sie litt auch mit ihr. >

Dass Laras Kontrollen hierbei spürbar modernisiert und zumindest teilweise kontext-sensitiviert wurden, ist selbst für Fans der alten Croft-Schule verschmerzbar. Eingestreute interaktive Sequenzen, in denen es allein auf schnelle Reflexe und wenige Tastenkommandos ankommt, fördern das Gefühl, einen spielbaren Film vor sich zu haben. Der neue Abenteuerspielplatz ist zudem alles andere als geradlinig und fördert mehr denn je das Entdeckungstalent der Spieler - Rollenspielelemente inklusive. Hat Lara durch Entdeckungen und erfolgreich bestrittene Gefechte genug Erfahrungspunkte beisammen, darf sie sich an ein Lagerfeuer kuscheln und dabei neue Kampf- oder Überlebensfähigkeiten kaufen und ihre Waffen und Werkzeuge verbessern.

Per Schnellreise-Funktion kann sie zudem zurück in ein bereits gespieltes Terrain springen, um dort mit neuen Fähigkeiten und Gegenständen zuvor unknackbare Puzzles doch noch zu lösen. Oder sich noch mal mit ein paar Schurken anlegt, die zuvor übermächtig schienen: Die Gefechte im neuen "Tomb Raider" sind nicht nur ungleich gelungener als das hektische Rumgeballere der Vorgänger, es ist außerdem weniger anstrengend und enervierend als die aus "Uncharted" gewohnten Endlos-Schießbuden. Anders als Nathan Drake geht Lara Croft auch ohne extra Button-Kommando in Deckung - man traut der Dame einfach zu, dass sie intelligent genug ist, um sich nicht freiwillig durchlöchern zu lassen. Die daraus resultierenden Stellungskämpfe sind manchmal überraschend knackig, aber niemals ermüdend lang. Anfangs zumindest. Gegen Ende wird der Actionaspekt leider etwas überstrapaziert.

Fazit: "Tomb Raider" ist nicht weniger als das beste Action-Adventure seiner Konsolen-Generation und wird der prominenten Archäologin einmal mehr zu weltweitem Ruhm verhelfen. Und der wird diesmal auf mehr gründen als auf ihrem Geschlecht und ihrer Körbchengröße. Oder einem gänzlich überflüssigen Multiplayer-Modus - denn das sinnentleerte Gruppen-Gehampel hätte man sich getrost sparen können.

Wertung

Grafik sehr gut
Sound sehr gut
Steuerung sehr gut
Spielspaß sehr gut
Gesamt sehr gut

Datenblatt

Titel Tomb Raider
Genre Action-Adventure
Alter ab 18 Jahren
Schwierigkeit Für Fortgeschrittene und Profis
Plattform PC (getestet), PlayStation3 (getestet), Xbox 360 (getestet)
System
Mehrspieler 2-8 (WWW)
Entwickler Crystal Dynamics
Anbieter Square Enix
Preis ca. 60 Euro
EAN 5021290048652

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Alle News vom: 3. März 2013 Zur Übersicht: Games

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