Ferrari deckt die Karten auf: Die Scuderia präsentiert in Maranello den neuen SF16-H, mit dem Sebastian Vettel die seit zwei Jahren andauernde Mercedes-Dominanz beenden will. Das Auto, das dem Heppenheimer seinen fünften WM-Titel - den ersten in rot - einbringen soll, unterscheidet sich deutlich von seinem Vorgänger.

Neben einem veränderten Farbdesign mit einem größeren Weißanteil an der Airbox, das an die Zeiten von Niki Lauda oder die Saison 1993 erinnert, verfügt der erstmals komplett unter der Leitung von Technikchef James Allison konstruierte SF16-H über eine kürzere Nase. Damit folgt man als letztes Top-Team dem Trend der Silberpfeile. Die Lösung sorgt dafür, dass mehr Luft unter das Auto geleitet wird, wodurch man zusätzlichen Abtrieb generiert - auch die Herausforderung Crashtest hat man bereits bestanden.

Doch damit nicht genug: Auch bei der Vorderradaufhängung rückt Ferrari vom alten Konzept der Zugstrebenvariante ab und baut zum ersten Mal seit dem 150° Italia im Jahr 2011 wieder auf die konventionelle Druckstrebenaufhängung, die die Abstimmungsarbeit erleichtert. "Ich hoffe, wir haben genug gemacht", sagt Technikchef Allison, der gemeinsam mit Chefdesigner Simone Resta der Vater des Boliden ist. "Wirklich wissen werden wir das aber erst beim ersten Rennen. Es steht jedoch außer Frage, wie viel Liebe, Fleiß und Hingabe in dieses Auto geflossen sind."

Ferrari wilderte bei den Silberpfeilen

Im Heck setzt Ferrari auf einen noch besseren Einbau der Antriebseinheit - die große Schwachstellte des 2014er-Boliden, die im Vorjahr beim SF15-T bereits etwas ausgemerzt wurde. Seitenkästen und Motorabdeckung sind auch wegen einer effizienteren Kühlung merkbar schlanker als beim Vorjahres-Modell.

Große Hoffnungen setzt man aber vor allem auf das Herzstück des neuen Ferrari: die intensiv überarbeitete 1,6-Liter-V6-Turboantriebseinheit. Um nach dem großen Sprung im Vorjahr auch die letzten Zehntel auf die Silberpfeile aufzuholen, wurden einige Ingenieure aus der Mercedes-Motorenfabrik in Brixworth abgeworben, zudem sparte man im Vorjahr einige Entwicklungs-Token bis zum Schluss auf, um möglichst lange entwickeln zu können.

Die Antriebsabteilung unter der Leitung von Mattia Binotto ordnete die Hybridelemente im Winter neu an, um die Defizite in Sachen Leistung, Spritverbrauch und Haltbarkeit gegenüber dem Weltmeisterteam zu beseitigen.

Ferrari muss Mercedes herausfordern

Die ersten Prüfstandtests sollen hervorragende Ergebnisse gebracht haben. Am 11. Februar, also vor mehr als einer Woche, wurde das gesamte Triebwerk erstmals gezündet. Am kommenden Sonntag soll das Auto bei einem Filmtag in Barcelona erstmals fahren - am Montag beginnen die Wintertests.

Während die Vorbereitungen also hervorragend liefen, könnte Ferrari der enorme Druck in Maranello zum Verhängnis werden. "Es wäre eine Enttäuschung, wenn unser neues Auto nicht in der Lage sein sollte, Mercedes zu schlagen", legt Teamchef Maurizio Arrivabene, der im Vorjahr für viel Aufbruchstimmung sorgte, die Latte sehr hoch.

Er hat keine Wahl, denn nach den drei Siegen, 16 Podestplätzen, 186 Führungsrunden und Platz zwei in der Konstrukteurs-WM fordert Ferrari-Boss Sergio Marchionne, dass sein Team dieses Jahr ernsthaft um den Titel kämpft. "Ich erwarte zum Saisonstart 2016 ein Auto, mit dem wir Mercedes schlagen können", stellt der 63-Jährige klar. "Ich sage nicht, dass wir es müssen. Aber wir müssen es können. Es gibt unsererseits jedenfalls keine Entschuldigungen mehr."

Haas-Kooperation als Joker?

Genau das fordert auch Vettel, der sich nach einem Jahr perfekt in Maranello eingelebt hat und Teamkollege Kimi Räikkönen im Griff hat. Die Mannschaft ist klar hinter dem ehemalige Red-Bull-Piloten formiert, der inzwischen seine Reden ausschließlich auf Italienisch hält. "Sebastian ist ein Ferrari-Mann und voll in das Team eingebunden", zeigt sich Boss Marchionne hochzufrieden. "Mehr als es Alonso in fünf Jahren je war."

Und möglicherweise kommt Ferrari auch noch der Umstand zugute, dass man mit dem Neueinsteiger Haas nun eine Art Satellitenteam besitzt. Die US-Amerikaner beziehen den kompletten Antriebsstrang von den Italienern und benutzen den Windkanal in Maranello für ihr eigenes Auto. Da auch noch einige Ferrari-Mitarbeiter zu Haas gewechselt sind, steht die Scuderia im Verdacht, sich zusätzliche Windkanalzeit erschwindelt zu haben, da dies kaum überprüft werden kann.© Motorsport-Total.com GmbH