Wenn am Dienstag Strategiegruppe und Kommission der Formel 1 in Genf zusammenkommen, um über mögliche Änderungen des Reglements ab der Saison 2017 zu beraten und die Weichen für die Zukunft zu stellen, könnte es zu tiefgreifenden Änderungen kommen. Spektakulärster Vorschlag ist ein so genannter "Reverse Grid", also eine umgekehrte Startaufstellung. "Es wird sicherlich darüber gesprochen", bestätigt Red-Bull-Teamchef Christian Horner am Rande der Tests in Barcelona.

Offenbar kommt die Initiative von Bernie Ecclestone, der mit seiner jüngsten Schmähkritik an der Formel 1 schon vorgebaut hat, um erdrutschartigen Veränderungen den Weg zu bereiten. "Wenn die schnellsten Autos vorne stehen, fahren sie dem Feld davon und können ihre Strategie ausspielen", erklärt Horner die Idee, WM-Punkte schon für das Qualifying zu vergeben, damit nicht jeder der Langsamste sein will, und anschließend die Top 10 umzudrehen.

Er will nach eigener Aussage lieber die DNS der Rennen erhalten, um nach Vorbild des Fußballs und des in Großbritannien extrem populären Snookers eine Grundidee zu wahren: "Vielleicht bin ich da etwas altmodisch, aber für mich sollte sich beim Qualifying zeigen, welche Kombination aus Fahrer und Auto über eine Runde die schnellste ist. Wenn wir einen Grand Prix durch einige Kniffe aufregender machen können, sollten wir das tun, aber das sollte nicht künstlich erfolgen."

Schnellere Autos: DRS auf der ganzen Strecke einsetzen?

Ein ähnliches Modell kommt in der Nachwuchsklasse GP2 zum Einsatz, allerdings wird in diesem Falle das umgekehrte Ergebnis des ersten von zwei Rennens an einem Wochenende als Grundlage für die umgekehrte Startaufstellung genommen. In der Tourenwagen-Weltmeisterschaft (WTCC) hat sich das System ebenfalls bewährt, dabei aber nicht immer für ein Plus an Spannung gesorgt .

Weiterhin stehen schnellere Autos zur Debatte. Von der Idee, Boliden mit 1.000 PS und mehr auf die Bahn zu schicken, scheint die Formel 1 nach ihrem Bekenntnis zur Hybridformel abgerückt, jedoch sollen über Veränderungen am Chassis die Rundenzeiten in den Sinkflug geschickt werden Hier erfahren, . Red Bull etwa wünscht sich einen größeren Diffusor. "Wenn alle drei Sekunden pro Runde schneller fahren, wird es für alle ganz anders aussehen. Die Geschwindigkeitsdifferenz macht einen Unterschied", sagt Force-India-Betriebsdirektor Szafnauer.

Der Rumäne erinnert sich an die Achtzigerjahre und sein Erleben der Rennen als Zuschauer auf der Tribüne: "Was mich begeistert hat, war die Bremsleistung der Autos. Wir brauchen wieder diesen 'Wow'-Effekt." Otmar Szafnauer bringt die Überholhilfe DRS als Weg zu niedrigeren Rundenzeiten ins Spiel. Würde der umklappbare Heckflügel auf der ganzen Strecke genutzt und nicht nur in der vorgesehenen Zone genutzt, scheint die Zielvorgabe von drei bis fünf Sekunden machbar.

Das Problem: Eine Überholhilfe wäre DRS dann nicht mehr. Dafür wäre Reifenzulieferer Pirelli der Sorge ledig, keinen Pneu für so hohe Kurvengeschwindigkeiten konstruieren zu können und in ein Debakel wie einst Michelin in Indianapolis zu erleben. "Pirelli zum Sündenbock zu machen und die Regeln einzuschränken, wäre falsch", warnt Horner. "Die Formel 1 sollte Autos haben, die sie braucht, dann macht Pirelli das passende Produkt."

Bröckelnde Machtposition Grund für Ecclestones Radikalität?

Ob bei den Sitzungen tatsächlich etwas Belastbares herauskommt, steht in den Sternen. Die Formel-1-Teams verfolgen ganz unterschiedliche Interessen, was Horner nach eigener Aussage am meisten beunruhigt. "Wenn das der Fall ist, werden die Dinge oft verwässert", sagt der Brite und betont, dass Red Bull am liebsten keinen Stein auf dem anderen lassen würde: "Wir haben die Chance, mit einem weißen Blatt Papier anzufangen. Wenn es verschoben wird, wäre es für Fans enttäuschend."

Der reformwillige Ecclestone und sein Mitstreiter FIA-Präsident Jean Todt sind nur begrenzt in der Lage, Entscheidungen auf eigene Faust durchzusetzen und direkt den Motorsport-Weltrat anzurufen - nämlich dann, wenn der Bestand der Serie gefährdet ist. Auf normalem Wege braucht es für 2017 unter den Teams praktisch einen Konsens. Horner wähnt sich in einer Sackgasse: "Wir brauchen eine starke Führung durch den Inhaber der kommerziellen Rechte und die Sportbehörde", meint er.

Ecclestone sei deshalb frustriert, weil er nicht mehr autark schalten und walten könnte, vermutet Horner, der Trauzeuge bei der Hochzeit des Zampanos war. "Ich glaube nicht, dass die Formel 1 in einer Krise ist", schätzt er die Lage konträr zum polternden Formel-1-Boss ein und erinnert daran, dass Zwietracht die Beletage des Motorsport schon immer mehr prägte als Einigkeit. "Dieses Theater und die Rivalität unter den Teams ist ein Teil der Formel 1", so der Red-Bull-Teamchef.© Motorsport-Total.com GmbH