Bei Mercedes war von der besten Saisonvorbereitung die Rede, das Team spulte Marathon-Distanzen ab, doch ausgerechnet am letzten Testtag in Barcelona vor dem Saisonauftakt in Melbourne schlich sich dann doch noch ein Schönheitsfehler ein. Kurz vor der Mittagspause gab es am Ende der Boxengasse einen Knall, und der Mercedes-Bolide von Lewis Hamilton versagte seinen Dienst.

Ursache war laut offiziellen Angaben ein Problem mit der Kraftübertragung, was auf einen Getriebeschaden hindeutet. Obwohl kein Wechsel notwendig war, startete Teamkollege Nico Rosberg deshalb eine Stunde später in die Nachmittags-Sitzung. Doch wenn sich die Konkurrenz jetzt die Hände reibt, macht sie einen Fehler: Die Silberpfeile legten dieses Jahr bei den Wintertests mehr Kilometer zurück als Porsche beim Le-Mans-Sieg 2015 - allerdings an acht Tagen.

Mercedes: Keine schnellen Zeiten, dafür weitere Updates

Die gestrige Ankündigung Hamiltons, ein paar schnelle Runden drehen zu wollen, blieb heute übrigens ohne wahre Offenbarung: Der Brite rangiert im Tagesklassement mit 1,281 Sekunden Rückstand auf dem unauffälligen fünften Rang. Teamkollege Rosberg (+3,288 Sek.) kam gar über den 13. und damit letzten Platz nicht hinaus. Das liegt daran, dass Mercedes ausschließlich auf Medium-Reifen unterwegs war. Und die sind um über zwei Sekunden langsamer als die weichste Mischung Ultrasoft.

Dafür legte Mercedes technisch nach: Das Weltmeister-Team, das an jedem Testtag neue Teile ans Auto schraubte, setzte beim Monkey-Seat heute auf zwei Elemente, vorgestern waren es drei, gestern ließ man den Mini-Flügel ganz weg. Auch das Hauptelement des Heckflügels war heute neu und mit kleinen Zacken versehen. Offenbar ein Fortschritt, wie Rosberg verrät: "So gut wie heute Nachmittag war das Auto den ganzen Winter nicht."

Dennoch will er sich nicht in Sicherheit wiegen: "Das Wichtigste ist der Speed - und der ist schwer einzuschätzen. Ferrari ist nahe dran. Es kann so oder so ausgehen, aber wir sind sehr gut vorbereitet."

Vettel fährt Bestzeit, dafür keine perfekte Rennsimulation

Für die heutige Tagesbestzeit sorgten einmal mehr die Roten aus Maranello: Sebastian Vettel umrundete auf Supersoft-Reifen in 1:22.852 Minuten den Kurs und war damit um knapp eine Zehntelsekunde langsamer als Kimi Räikkönens absolute Testbestzeit von gestern. Der Heppenheimer, der am Vormittag ebenfalls den Cockpitschutz Halo ausprobierte und die Sicht für in Ordnung befand, spulte am Nachmittag auch eine Rennsimulation ab.

Dabei kam er ebenfalls nicht an die Zeiten Räikkönens vom Vortag heran. Vettel begann seinen zweiten Stint auf Medium-Reifen im 1:29er-Bereich, rutschte dann aber auf 1:31 Minuten ab. Auch die Konstanz ließ zu wünschen übrig, was aber am Wind liegen kann, der stärker blies als 24 Stunden davor. Vettel gibt zu: "Wir können uns noch steigern und sind mit dem Auto noch nicht da, wo wir sein wollen." Was die Zuverlässigkeit angeht, darf Ferrari aber zufrieden sein, denn man absolvierte wie Mercedes mehr Kilometer als im Jahr davor.

Toro-Rosso-Pilot Sainz überrascht als Zweiter

Auf dem zweiten Platz sorgte Carlos Sainz im Toro-Rosso-Boliden für eine Überraschung: Der Spanier fuhr auf seinem Heimkurs eine persönliche Bestzeit von 1:23.134 Minuten, 0,282 Sekunden hinter Vettel. Das gelang ihm allerdings auf der Ultrasoft-Mischung. Den positiven Trend konnte auch das Williams-Team bestätigen: Nachdem man in der ersten Testwoche wegen eines aerodynamischen Problems und der Zuverlässigkeit kaum in Schuss kam, scheint man nun für den Saisonstart bereit.

Felipe Massa, der am Nachmittag kleinere Qualifying-Runs absolvierte, reihte sich mit einer Rundenzeit von 1:23.664 Minuten auf dem dritten Platz ein. Auch der Brasilianer hatte die Ultrasoft-Reifen aufgezogen. "Wir hatten gute Tests und hoffen, dass wir bald Mercedes und Ferrari angreifen können", zeigt er sich ermutigt. Force-India-Pilot Sergio Perez kam in 1:23.721 Minuten auf die viertbeste Zeit, doch der Mexikaner verursachte am Nachmittag wegen eines technischen Problems nach Hamilton die zweite rote Flagge.

Daniel Ricciardo kam mit 1,575 Sekunden Rückstand und den weichen Reifen auf Platz sechs. Und ist durchaus zufrieden: "Wir sind in einer besseren Position als in den vergangenen beiden Jahren, auch wenn Mercedes und Ferrari vor uns liegen." Der "Aussie" sorgte im Red Bull durch den Funkenflug immer wieder für spektakuläre Bilder.

Dahinter reihte sich McLaren-Pilot Jenson Button als Siebter (+1,862 Sek.) ein. Der Brite verwendete bei seiner schnellsten Runde übrigens die Ultrasoft-Reifen. Bei der britisch-japanischen Allianz kam ein neuer Frontflügel und ein neuer Unterboden zum Einsatz. Während man bei der Höchstgeschwindigkeit weiterhin um rund 20 km/h hinter dem Topwert blieb, mauserte man sich in Sachen Zuverlässigkeit: McLaren-Honda legte mehr als doppelt so viele Kilometer wie im Vorjahr zurück.

Renault-Pilot Palmer nach Testfinale frustriert

Die Zuverlässigkeit erwies sich bei den Tests allerdings als Schwäche des Renault-Teams. Vor allem Jolyon Palmer kann davon ein Lied singen, er übertraf bei keinem Testtag die 100-Runden-Marke. Da machte auch das Finale keinen Unterschied: Wegen eines Hydraulik-Problems kam der britische Debütant, der sich mit 2,007 Sekunden Rückstand als Achter einreihte, am Vormittag nicht über 18 Runden hinaus, am Nachmittag verbesserte er sein Konto mit einigen Qualifying-Simulationen immerhin auf 90 Runden.

"Es war ein ziemliches Desaster, um ehrlich zu sein", lautet sein frustriertes Urteil über die Wintertests. Das Auto sei allerdings immerhin "akzeptabel". Optimismus klingt anders. Vielleicht sorgt der neue Frontflügel, der in Melbourne kommen soll, beim Sohn von Ex-Formel-1-Pilot Jonathan Palmer für eine bessere Stimmung. Bislang scheint nur der Social-Media-Fraktion des Teams zum Lachen zumute zu sein.

Sauber darf sich im Gegensatz zu Renault immerhin darüber freuen, auch heute ordentlich Kilometer gesammelt zu haben: Marcus Ericsson absolvierte mit dem C35, der erst in der zweiten Testwoche sein Debüt gefeiert hatte, 132 Runden, was in der Tagesstatistik hinter Vettel und Sainz Platz drei bedeutet. Im Klassement landet der Schwede, der am Nachmittag eine Rennsimulationen bestritt, mit 2,179 Sekunden Rückstand auf dem neunten Rang.

Haas macht es Mercedes nach: Beide Piloten im Einsatz

Dahinter folgt das Haas-Duo: Weil Esteban Gutierrez am fünften und sechsten Testtag nur 24 Runden weit kam, musste sich Nummer-Eins-Pilot Romain Grosjean beim Finale den VF-16 mit ihm teilen. Der Franzose gewann das Haas-Duell mit Soft-Reifen knapp, obwohl beim Teamkollegen sogar die Supersoft-Mischung zum Einsatz kamen: Bei Grosjean, der 66 Runden fuhr, fehlten am Ende 2,403, bei Gutierrez 2,570 Sekunden auf die Bestzeit. Der ehemalige Ferrari-Tester musste sich mit 25 Umläufen begnügen.

Auf dem zwölften und damit vorletzten Rang landete Rookie Rio Haryanto (+3,047 Sek.) im Manor-Boliden. Und das nicht ohne Probleme: Der Indonesier kam am Vormittag abgesehen von einer Installationsrunde gar nicht zum Fahren. Dafür darf er sich damit brüsten, beim letzten Testtag der Saison immerhin vor einem Mercedes-Piloten gelandet zu sein.© Motorsport-Total.com GmbH