Stuttgart (dpa) - Stress, Anspannung, Nervosität! In einer der tiefsten Krisen ihrer Vereinsgeschichten sehnen sich der VfB Stuttgart und der Hamburger SV nach dem vorentscheidenden Coup zum Klassenverbleib. Vor allem beim VfB liegen die Nerven blank.

Im Kummerduell der Traditionsvereine lastet auf den Schwaben allerdings ganz besonderer Druck: Das Tabellen-Schlusslicht von Trainer Huub Stevens muss im schlimmsten Fall schon nach dem vorletzten Spieltag am Samstag den Absturz in die 2. Liga fürchten.

Kein Wunder also, dass die Nerven auch bei Niederländer blank liegen. Im Training am Donnerstagvormittag platzt Stevens endgültig der Kragen. "Das ist Abstiegskampf! Ihr seid Affen, das seid ihr! Hört doch auch, hört doch auf!", schreit er laut "bild.de" seine Spieler an.

Kurze Zeit später ist der Wutausbruch dann schon wieder vergessen. In der Pressekonferenz scherzt Stevens mit den Journalisten. "Ich verbiete alle, die dürfen nur noch trinken und essen. Schade für die Frauen", frotzelt der Trainer. Nach außen hin will man sich beim VfB also keine Blöße geben. Immerhin geht es am Samstag gegen den Hamburger SV - und einen alten Bekannten: Bruno Labbadia.

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Im Emotionshaushalt des ehemaligen VfB-Coaches ist indes für Mitgefühl kein Platz. "Es wird deswegen besonders, weil es für beide Mannschaften um sehr viel geht", sagte HSV-Hoffnungsträger Labbadia vor seiner emotionalen Rückkehr. Der Coach musste im August 2013 beim VfB unfreiwillig gehen, nun will er den HSV retten. "Es wäre mir natürlich lieber, wenn wir in einer anderen Konstellation aufeinandertreffen würden."

"Es geht um Existenzen"

Die Lage ist kritisch: Letzter gegen 14. - gerade mal zwei Punkte haben die noch nie abgestiegenen Hanseaten mehr auf ihrem Konto als die Schwaben. "Es geht auf beiden Seiten auch um Existenzen", verdeutlichte VfB-Angreifer Martin Harnik die Brisanz. "Das wird Abstiegskampf pur", ergänzte VfB-Keeper Sven Ulreich und Spielmacher Daniel Didavi sagte: "Auch für Hamburg geht es um alles."

Die Nerven werden mitentscheiden. Die seit fünf Heimspielen ungeschlagenen Stuttgarter sehen darin einen Vorteil. "Wir kennen diesen Nervenkitzel schon seit Wochen. Wir wissen damit umzugehen", versicherte Sportvorstand Robin Dutt. "Wir haben die Situation schon lange angenommen. Der Abstiegskampf belastet uns nicht im Hinblick auf unsere Leistung", meinte der gebürtige Hamburger Harnik vor dem 100. Bundesliga-Aufeinandertreffen beider Teams.

"Ruhe behalten"

Stevens forderte seine Mannschaft zur Besonnenheit auf. Auf die Frage, was gegen den HSV wichtig sei, antwortete der Niederländer: "Ruhe zu behalten und ein Tor mehr als der Gegner zu schießen."

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So wie Labbadia eine gemeinsame Vergangenheit mit dem VfB verbindet, hat auch Stevens seine Erfahrungen mit dem HSV gemacht. 2007 rettete der Niederländer das Bundesliga-Gründungsmitglied vor dem Absturz, er führte das Team innerhalb von 15 Spielen vom letzten Platz über den UI-Cup in den UEFA-Pokal. Ein Jahr später gelang in seinem letzten Spiel als HSV-Coach ein 7:0 über den Karlsruher SC - der zweithöchste HSV-Sieg in der Liga brachte erneut einen internationalen Startplatz.

Sentimentalitäten sind Stevens egal. Punkte zählen, das Überleben in der deutschen Eliteklasse ist das einzige Ziel. "Es geht um uns. Wir sind gefragt", betonte Stevens, der im Training am Donnerstag das Quartett Antonio Rüdiger, Daniel Didavi, Timo Baumgartl und Geoffroy Serey Dié zum Ende der Einheit aus reiner Vorsorge etwas schonte. Labbadia muss erneut Valon Behrami ersetzen, dafür könnten Cléber und Ivo Ilicevic nach auskurierten Verletzungen zu Alternativen werden.

Dass beim VfB ein Mann auf der Bank sitzt, der ebenfalls schon einmal erfolgreich für den HSV tätig war, ist für Labbadia eine Randnotiz. "Ich schätzte Huub Stevens sehr. Es gibt aber kein Duell der Trainer. Die Situation ist schon brisant genug", sagte der HSV-Coach. Auch er kann auf Erinnerungen an alte Zeiten keine Rücksicht nehmen. Denn mit einem Sieg könnte er im günstigsten Fall seine Rettungsmission schon in der alten Heimat krönen. Die Fans sind davon überzeugt. Während die Profis am Vatertag ein Geheimtraining im Stadion absolvierten, rollten sie vor der Arena ein riesiges Plakat aus. Kernaussage: "Mit Teamgeist, Willen und Konzentration umgehen wir die Relegation."© dpa