Zweiter der Bundesliga, Mitfavorit auf den Europa-League-Titel, neue Offensivlust – eitel Sonnenschein bei Borussia Dortmund also. Oder doch nicht? Trainer Thomas Tuchel sieht sich mit Herausforderungen konfrontiert, die ihm im schlechtesten Fall die Rückrunde ruinieren könnten. Das sind seine Baustellen.

6.600 Kilometer. Es ist ein langer Trip für Thomas Tuchel und seinen BVB. Dieser bezieht sein Trainingslager in diesem Jahr in Dubai.

Unter Vorgänger Jürgen Klopp war es immer nach Spanien gegangen, genauer gesagt nach La Manga an die Mittelmeerküste. Jetzt also das Emirat.

Das bietet ideale Bedingungen: Temperaturen knapp über 20 Grad Celsius, ein Niederschlagsrisiko gen Null und bestens präparierte Plätze. Tuchel braucht aber vor allem eines: viel Ruhe zum Arbeiten.

Zwar brach er mit dem BVB in der Hinrunde fleißig Rekorde und wäre da nicht der große FC Bayern, ja, man mag es sich nicht ausdenken. Doch taffe Herausforderungen begleiten ihn.

Solche, die er lösen muss, sonst geraten die Saisonziele in Gefahr, das DFB-Pokal-Finale in Berlin und das Endspiel um die Europa League in Basel. Das sind die Baustellen:

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Die Unzufriedenheit der Ergänzungsspieler

Jonas Hofmann zog es bereits nach Gladbach. Zudem steht Sven „Manni“ Bender am Scheideweg seiner Karriere. Bender ist jetzt 26 Jahre alt.

In der Hinserie saß er sechs Bundesligaspiele 90 Minuten auf der Bank. Einen Stammplatz hat er nicht. Das kann ihn nicht zufrieden stimmen. Schon gar nicht mit Blick auf die EM in Frankreich.

Denn bei Bundestrainer Joachim Löw spielt er aktuell keine Rolle. Bender hat Vertrag bis Juni 2017. Im November meinte er vielsagend: "Wenn man Fußballer ist, möchte man viel spielen. Ich möchte eine langfristige Perspektive sehen."

Das gilt auch für Neven Subotic. Der 27-Jährige machte unter Tuchel nur zwei Bundesligaspiele, ist völlig außen vor.

In England wird eifrig über einen womöglich zeitnahen Wechsel des Serben zum FC Liverpool und Mentor Klopp spekuliert.

Ein weiterer Spieler ist bereits weg: Adnan Januzaj. Der Belgier wurde für teures Geld ausgeliehen, eigentlich bis zum Ende der Saison. Doch der 20-Jährige, stets ein Fremdkörper, kehrt bereits jetzt zu Manchester United zurück.

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Defensive Anfälligkeit bei eigenem Ballbesitz

Zwar perfektionierte Dortmund den auf Dominanz und Kontrolle abzielenden Fußball Tuchels, der in diesem Punkt sehr an Bayern-Coach Pep Guardiola erinnert.

Doch wenn es bei Ballverlusten schnell gegen die eigene Abwehr ging, bekam die Borussia oft Probleme.

Signifikantes Beispiel war das spektakuläre 4:3 in der Europa-League-Qualifikation bei Odds BK, als zwei Tore aus solchen Gegenstößen resultierten. Und auch das 1:2 beim 1. FC Köln am 17. Spieltag.

"Der Fehler war, dass wir bei eigenem Ballbesitz ziemlich offen gestanden haben", sagte Kapitän Mats Hummels damals gewohnt direkt.

"Die Kölner hatten dadurch große Räume, wenn wir den Ball verloren haben." Auf dem Übungsplan dürften deshalb stehen: eine gezieltere Zuordnung und eine verbesserte Handlungsschnelligkeit in der Rückwärtsbewegung.

Die mangelnde Torgefahr hinter Aubameyang und Reus

Angesichts der herausragenden Form von Pierre-Emerick Aubameyang geriet dieses Thema in den Hintergrund. 18 Saisontore hat der Gabuner bereits in der Bundesliga.

Acht sind es immerhin bei Marco Reus in nur 13 Saisonspielen. Doch dahinter kommt zu wenig. Sicher Henrich Mchitarjan spielt teils überragend als Ideengeber und Tempobeschleuniger.

Doch sechs Tore sind ebenso ausbaufähig wie etwa vier bei Shinji Kagawa. Aubameyang-Back-up Adrian Ramos hat gar erst zwei Joker-Tore erzielt.

Sie geben es beim BVB nur ungern zu, aber sie sind zu abhängig von der Treffsicherheit des 26-jährigen Torjägers, der immerhin mehr als ein Drittel aller Liga-Tore schoss (38 Prozent).

Diese Probleme muss Guardiola noch lösen, dann ist die Saison perfekt.

Die Personalie Pierre-Emerick Aubameyang

Dabei hatte Klub-Chef Hans-Joachim Watzke jüngst erklärt, dass der BVB eben nicht abhängig von einem einzelnen Spieler sei. Er sah sich wohl dazu genötigt.

Zu drastische Ausmaße nahm das angebliche Werben ausländischer Topclubs um Aubameyang an. Es heißt der FC Arsenal arbeite an einem "Mega-Angebot" über kolportierte 57 Millionen Euro Ablöse.

Mitte November hatte die "Sport Bild" berichtet, dass die Schmerzgrenze der Dortmunder bei 60 Millionen Euro liege.

Aubameyang selbst träumt eigenen Aussagen zufolge von einer Zukunft in Spanien. Die Debatte über einen möglichen Abgang des Stürmers dürfte ab Frühjahr richtig Fahrt aufnehmen.

Spätestens dann war's das mit der Ruhe rund um den BVB. Tuchel wird seinen Torjäger, dessen besten Kumpel Reus, die gesamte Mannschaft und nicht zuletzt sich selbst darauf vorbereiten müssen.

Die Grundlage wird in Dubai gelegt. Man darf gespannt auf die Ergebnisse sein.

Luxus schlägt Skrupel

Bayerns Trainingslager in Katar © SPIEGEL ONLINE