Serdar Tascis Wechsel zu Bayern München verblüfft viele Experten. Dabei macht der Transfer durchaus Sinn: Die Bayern bekommen einen gestandenen Spieler, der zuletzt wieder in guter Form war. Und sie haben eine Alternative mehr für den Endspurt der Saison.

Serdar Tasci ist zurück in der Bundesliga. Das alleine ist schon eine Überraschung, als mögliche Anlaufstationen wurden zuletzt der FC Schalke 04 oder Tascis Heimatverein VfB Stuttgart genannt. Beide waren bis Montag wie viele andere Klubs auch händeringend auf der Suche nach geeigneten Innenverteidigern, der Markt an zentralen Abwehrspielern ist abgegrast wie seit Jahren nicht mehr.

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Aber jetzt ist Tasci nicht nach Gelsenkirchen oder zurück nach Esslingen am Neckar gezogen. Er wird sich eine Wohnung in München nehmen und ab sofort beim FC Bayern spielen.

Die Verblüffung über den Last-Minute-Transfer war so groß, weil so viele Parameter zwischen Klub und Spieler nicht zusammenzupassen schienen. Die Bayern waren noch am Sonntagabend felsenfest davon überzeugt, dass ein neuer Spieler keinen Nutzen bringen würde. Zumindest formulierten es die Granden entsprechend.

"Gute Spieler werden im Winter nicht abgegeben, Notkäufe bleiben, was sie sind und kosten nur Geld", schrieb Karl-Heinz Rummenigge noch im "Bayern-Magazin" zur Partie gegen 1899 Hoffenheim. Er schob dann noch nach, dass "SOS-Lösungen uns jedenfalls nicht weiterhelfen werden". Keine 24 Stunden später stellten die Bayern dann Serdar Tasci vor.

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"Wir sind froh, dass wir kurzfristig die Möglichkeit bekommen haben, einen Spieler wie Serdar Tasci zum FC Bayern zu holen", sagte Sportvorstand Matthias Sammer. "Er ist in der Lage, uns mit seiner Qualität und Erfahrung sofort zu helfen." Auch Sammer hatte sich vor dem Transfer noch ganz anders geäußert.

Es sind nicht nur diese Widersprüchlichkeiten, die einige Fragen zum Wechsel des 14-maligen Nationalspielers nach München aufwerfen. Eine Einschätzung.

Ist Tasci stark genug für die Bayern?

Der Spieler bringt alles mit, was ein moderner Innenverteidiger haben muss: Tasci erkennt Situationen schnell und vermeidet so oft Zweikämpfe, weil er den Gegner nur stellt, anstatt riskant in ein Duell zu gehen. Muss er dann doch in den Zweikampf, hat er dabei ein gutes Timing. Sein Kopfballspiel ist ordentlich und auch in der Offensive durchaus brauchbar.

Mit dem Ball gehörte er einst zu den großen Hoffnungen des deutschen Fußballs auf seiner Position. Tascis Spieleröffnung ist gut, bisweilen vielleicht etwas überambitioniert. Trotzdem ist er ein technisch sehr starker Spieler, der auch unter Druck Lösungen finden kann.

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Was, die waren bei den Bayern?

Der FC Bayern trifft am Sonntag auf den FC Augsburg und damit auf einen alten Bekannten. Denn seit 2014 steht Markus Feulner bei den Schwaben unter Vertrag. Kaum zu glauben, dass Feulner einst für die Münchner spielte. Auch diese Profis spielten einmal für den Rekordmeister.

"Ich war nie ein Bolzer. Technischer Fußball und das öffnende Spiel waren schon immer meine Stärken. Ich wollte nie ein Abwehrspieler sein, der den Ball einfach nur blind rauskloppt. Meine Philosophie ist es, stets einen schönen Spielzug einzuleiten", sagt er über sein Spiel in einem Interview mit "Spox".

Als Führungsfigur und ehemaliger Kapitän beim VfB Stuttgart und in Moskau hat er fast ein Jahrzehnt Erfahrungen auf hohem Niveau sammeln können. Er kennt die Liga und Bayerns Mannschaft und er kann die Sprache. Die Eingewöhnungsprobleme sollten sich auf dieser Ebene in Grenzen halten.

Etwas anders sieht es mit dem Spielniveau aus. Tasci hat bisher bei ambitionierten, aber eben nicht Weltklasse-Klubs gespielt. Das Level bei den Bayern wird noch einmal eine neue Herausforderung, zudem weiß man nicht, in welchem körperlichen Zustand er aus Moskau kommt.

Die Spielgeschwindigkeit der Bundesliga wird er sich wohl relativ schnell wieder aneignen und das auf Offensive ausgerichtete Spiel der Bayern kommt ihm sehr gelegen.

Wie war seine Zeit in Moskau?

Tasci erklärte seinen Wechsel von Stuttgart zu Spartak Moskau vor zweieinhalb Jahren mit den üblichen Fußballerfloskeln von der neuen Herausforderung und neuen Erfahrungen, die er in seiner Karriere noch machen wolle. Nicht ganz unwichtig für den Transfer damals waren aber sicherlich auch finanzielle Aspekte.

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Die russische Premier Liga bleibt in Deutschland weitgehend unter dem Radar, für viele Beobachter kam der Wechsel des damals 26-Jährigen nach Russland doch sehr überraschend. Auch der Start bei seinem neuen Klub ging komplett daneben. Wegen einer Meniskusverletzung verpasste er fast sein komplettes erstes Jahr, absolvierte nur fünf Saisonspiele.

Erst danach fand er langsam in die Spur, wurde aber auch in der Folge immer wieder von kleineren Verletzungen ausgebremst. Erst in dieser Saison entwickelte er sich zum unumstrittenen Stammspieler, absolvierte 16 der 18 Spiele für Spartak und war einer der besten Innenverteidiger der Liga - was angesichts des überschaubaren Spielniveaus in Russland aber nicht besonders viel heißen soll.

Tasci ist trotzdem zurück auf einem sehr ordentlichen Niveau, wird sich bei den Bayern aber in jedem einzelnen Training erst einfügen müssen. "Ich fühle mich sehr gut und freue mich riesig auf die Herausforderung. Ich hoffe, dass ich der Mannschaft weiterhelfen kann."

Warum wurden die Bayern doch noch auf dem Transfermarkt aktiv?

Ohne Serdar Tasci zu nahe treten zu wollen: Aber der Transfer ist so etwas wie ein Lückenfüller. Das dürfte auch dem Spieler klar sein, der vorerst einen Leihvertrag bis zum Sommer unterschrieben hat.

Die vielen Aufgaben der kommenden Wochen und der Umstand, dass sich zuletzt ein Innenverteidiger nach dem anderen verletzt hat und zum Teil länger ausfällt, machen den Transfer nachvollziehbar. Dass sich wenige Stunden vor Ende der Transferperiode kein Weltklassespieler auf dem Markt tummelt, war von vornherein klar.

Nach Jerome Boatengs Verletzung hätten die Bayern wohl noch auf einen Plan B verzichtet. Nachdem sich nun aber auch Javier Martinez abgemeldet hat und Medhi Benatias Ausfallzeiten zuletzt zu üppig waren, formulierten die Entscheider nun ihren Plan C. Tasci dürfte eher ein Transfer von Sammer und Kaderplaner Michael Reschke gewesen sein, als der von Trainer Pep Guardiola.

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Zweieinhalb Millionen Euro Leihgebühr für vier Monate sind viel Geld und Tasci ist ganz sicher keine Weltklasse-Lösung. Aber im Vergleich etwa zu Benatia, der für 28 Millionen Euro aus Rom gekommen war und bisher keine tragende Rolle bei den Bayern gespielt hat, geradezu ein Schnäppchen.

Serdar Tasci ist eine solide Lösung, der Transfer lässt dank der Kaufoption für beide Seiten im Sommer alles offen. Und dann kommt ja auch ein neuer Trainer.

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