Sinsheim (dpa) - Huub Stevens ist noch nicht einmal zwei Wochen weg, da hat sich der Fußball von 1899 Hoffenheim schon komplett gewandelt. Unter seinem erst 28 Jahre alten Nachfolger Julian Nagelsmann stürmte der Abstiegskandidat wie entfesselt zu einem 3:2-Erfolg gegen den FSV Mainz 05.

"Jeder kann sich zu 100 Prozent mit dieser Spielweise identifizieren. Hoffenheim steht für offensives Spiel, das haben wir heute gezeigt. Wir gewinnen lieber 3:2, als dass wir 1:1 spielen", meinte Nationalspieler Kevin Volland. Das war durchaus auch als Seitenhieb gegen Ex-Trainer Stevens zu verstehen.

Wenn der Niederländer wie angekündigt die Spiele der Hoffenheimer vor dem Fernseher weiter verfolgt hat, sind ihm Nagelsmanns erfolgreiche Taktik und die Aussagen der Spieler nicht verborgen geblieben. Novize Nagelsmann feierte als jüngster Bundesliga-Trainer nicht nur eine gelungene Heim-Premiere, sondern hat dem Abstiegskandidaten auch die Hoffnung auf den Klassenverbleib zurückgegeben.

Nur noch zwei Punkte liegen die Hoffenheimer nun hinter Werder Bremen und dem Relegationsplatz. "Das war ein Anfang, absolut", meinte der überglückliche Nagelsmann eine Woche nach dem 1:1 in Bremen. "Die Tabelle sieht jetzt ein bisschen schöner aus. Wir sind immer noch auf dem 17. Platz, aber da wollen wir bald wegkommen."

Vor 24 019 Zuschauern in der Sinsheimer Rhein-Neckar-Arena hatte zunächst Jhon Cordoba (11. Minute) für die Gäste getroffen. Nadiem Amiri (13.) und zweimal der bisherige Bankdrücker Mark Uth (68./76.) brachten die TSG mit 3:1 in Führung, ehe Jairo Samperio (78.) noch verkürzte.

Nach der weitgehend erfolglosen Episode mit Defensivkünstler Stevens ("Die Null mus stehen") hatte der Mainzer Trainer Martin Schmidt geahnt, "dass die Hoffenheimer so ähnlich spielen wie unter Markus Gisdol". Der Vorgänger von Stevens hatte einst das Offensivpressing gepredigt. "Wenn du vorne den Ball eroberst, dann hast du es nicht mehr weit bis zum Tor", erklärte Uth. "Der Trainer sagt uns, dass wir nach vorne spielen und Spaß haben sollen. Das haben wir getan."

Volland, Uth und Co. stürmten jedenfalls so elan- und fantasievoll, als hätte Nagelsmann einen Nicht-Angriffs-Befehl aufgehoben. Die Handschrift des neuen Cheftrainers war unverkennbar - auch wenn seine Mannschaft für Konter anfällig blieb und Glück hatte, dass Niklas Süle in der aufregenden Schlussphase nach einem Schuss von Fabian Frei auf der Torlinie rettete. "Ich hab' 7000 Mal auf die Armbanduhr geschaut, wann die drei Minuten endlich um sind", gestand Nagelsmann nach der Nachspielzeit.

"Wir sind wieder da!", frohlockte Jungstar Amiri. Der Trainer habe die Blockade im Kopf gelöst und neue Reize gesetzt. "Er gibt uns Selbstvertrauen und Mut", sagte Volland über Nagelsmann und versprach: "Wir bleiben dran und werden unten rauskommen." Am kommenden Sonntag muss die TSG nun in Dortmund ran, dort trifft Nagelsmann auf seinen einstigen Mentor Thomas Tuchel, dessen Co-Trainer er einst in der Augsburger A-Jugend war.

Nach teilweise trostlosen Monaten in Hoffenheim und dem überraschenden Abgang von Stevens, der wegen Herzprobleme aufhören musste, konnte auch Sportchef Alexander Rosen wieder lächeln. "Die Art und Weise unseres Auftritts war wirklich beeindruckend. Ich gehe fest davon aus, dass wir in der Bundesliga bleiben", sagte er und räumte ein: "Diese Spielweise passt vielleicht besser zu unseren Jungs." Nationalspieler Sebastian Rudy meinte zur defensiven Ausrichtung unter Stevens: "Das war halt ein anderer Fußball."© dpa