Jerome Boateng droht dem FC Bayern ein Vierteljahr zu fehlen. Trainer Pep Guardiola muss taktisch und personell Lösungen finden, um den Ausfall seines wichtigsten Abwehrspielers zu kompensieren. Auf dem Transfermarkt dürfte es selbst für die Bayern schwierig werden.

Der FC Bayern München ist in dieser Bundesliga-Saison zwei Dinge besonders gewöhnt: von einem Sieg zum nächsten zu eilen und in schöner Regelmäßigkeit Mitteilungen über den Gesundheitszustand seiner Spieler zu verfassen.

Am Samstagmorgen erreichte so ein dürres Kommuniqué die Öffentlichkeit, es las sich wie jenes über Franck Ribéry und Medhi Benatia zuletzt: "Jerome Boateng erlitt in Hamburg Muskelverletzung im Adduktorenbereich - und fällt länger aus."

Der Rekordmeister geht ohne seinen besten Innenverteidiger die schweren Aufgaben der kommenden Wochen an. Über die Art der Verletzung sowie die ungefähre Dauer von Jerome Boatengs Ausfall machte der Klub einmal mehr keine genauen Angaben.

Angeblich soll es sich um einen Muskelbündelriss im Adduktorenbereich handeln, wie die "Sport Bild" berichtet. Die durchschnittliche Ausfallzeit bei einem Bundesligaprofi beträgt bei einer derartigen Verletzung rund 70 Tage.

Jerome Boateng fällt offenbar den Großteil der Rückrunde verletzt aus.

Die Bayern haben ein Problem, ihre Verletzungshistorie erinnert bereits nach dem ersten Spieltag der Rückrunde wieder an jene der vergangenen Saison. Von den vielen wichtigen Spielern bei den Bayern hat sich Boateng durch überragende Leistungen in den vergangenen Jahren in jenen Zirkel gespielt, von dem man gemeinhin behauptet, diese Spieler seien auch für die Bayern nur schwer zu ersetzen. Und das wirft einige Fragen für die Zukunft auf.

Kann der FC Bayern den Ausfall intern kompensieren?

Von den gelernten Innenverteidigern war Boateng bislang der einzige, der verletzungsfrei durch die Saison gekommen ist. Benatia hatte eine ähnliche Verletzung wie Boateng erlitten, auch beim Marokkaner war zunächst lediglich von einer nicht näher definierten Muskelverletzung die Rede - jetzt fehlt Benatia bereits seit sieben Wochen.

Holger Badstuber musste nach einem Oberschenkelmuskelriss fast 200 Tage lang pausieren, verpasste 25 Spiele der Bayern und kehrte erst Mitte November wieder auf den Rasen zurück. Badstuber hat - auch weil er der einzige Linksfuß im Abwehrzentrum ist - nun beste Chancen, wieder dauerhaft in die Startelf zu rücken. Von seiner Bestform ist der 26-Jährige aber noch ein gutes Stück entfernt.

Javi Martinez fiel im Herbst wegen Patellasehnenproblemen aus, jetzt kämpft sich der Spanier wieder einigermaßen rein ins Team. Für Martinez gilt aber auch wie bei Badstuber, dass noch gehörig Luft nach oben ist.

"Ohne Benatia, Boateng und mit einem noch nicht ganz gesunden Javi Martinez haben wir ein Problem", sagte Pep Guardiola am Freitagabend nach dem Hamburg-Spiel. Der Trainer dürfte aber längst personelle Alternativen im Kopf haben.

Bayern-Jäger setzt sich immer weiter von den restlichen Verfolgern ab.

In erster Linie wird Guardiola an David Alaba denken. Der hat in dieser Saison schon sehr oft als linkes Glied einer Dreierkette gespielt, also als nomineller Innenverteidiger. "Er ist ein wahnsinniges Talent. Er spielt sämtliche Positionen. Er ist schnell, kann gut aufbauen, ist immer hundertprozentig konzentriert", sagte Guardiola vor Wochen über seinen Lieblingsschüler. "David kann ohne Zweifel einer der besten Innenverteidiger der Welt werden."

Wie reagiert Pep Guardiola taktisch?

Mit jeder neuen Verletzung kommt den Bayern ihr enormes Repertoire an verschiedenen Spielsystemen zugute. An einer Grundordnung orientiert sich der Rekordmeister ohnehin allenfalls noch auf dem Papier, in der Abwehr wurden in dieser Saison schon alle möglichen Varianten ausprobiert.

Von einer Vierer-, über eine Dreier- bis hin zu einer Zweierkette war alles dabei, am besten hat die Mannschaft bei eigenem Ballbesitz in einem 2-3-5-System funktioniert. Insofern scheint Boatengs Ausfall auf den ersten Blick gar nicht so schlimm. Für die Defensivbewegung bringen Martinez oder Benatia noch annähernd ähnliche Qualitäten mit. Wenn es aber ums Offensivspiel geht, war Boateng bei den Bayern zuletzt unerreicht.

Keiner spielt so scharfe, vertikale Pässe eng an den gegnerischen Angreifern vorbei wie der Weltmeister, ob auf die Außen oder mit noch mehr Risiko ins Mittelfeldzentrum. Und kein anderer Innenverteidiger der Bayern ist in der Lage, mit rechts oder links so sauber zu verlagern oder sogar einen tiefen Pass bis in die Spitze zu spielen, wie der 27-Jährige.

18. Spieltag: Schaaf-Effekt bleibt aus - Bayer verpasst Sieg in Hoffenheim.

In Guardiolas Spielidee hat längst der lange Ball in die Spitze Einzug gehalten und Boateng war bisher neben Xabi Alonso derjenige, der ihn am häufigsten gespielt hat. Diese Offensivoption der Bayern ist nun erstmal stark eingeschränkt. Badstuber könnte auf Sicht in Boatengs Spielmacherrolle schlüpfen, so viele hohe Zuspiele aus der Abwehr bis in die Angriffslinie wie in den letzten Monaten sind aber nicht mehr zu erwarten.

Die Bayern werden entweder noch mehr am Boden und mit kurzen Pässen agieren müssen oder aber Alonso noch tiefer die Bälle abholen lassen, um den Diagonalball spielen zu können. Eine völlig neue Form des Spielsystems werden die Bayern wegen Boatengs Ausfall nicht erfinden müssen - schließlich waren sie bisher ohnehin flexibel genug.

Wird der FC Bayern noch mal auf dem Transfermarkt aktiv?

Rund eine Woche dauert die Transferperiode noch an, intern wird die Scoutingabteilung der Bayern für alle Fälle einen Plan B oder C haben. Die Münchner haben im Sommer Dante auch in dem Wissen nach Wolfsburg ziehen lassen, dass der Kader dann nur noch drei gelernte Innenverteidiger hergibt. Gleiches gilt für den Transfer von Jan Kirchhoff zum AFC Sunderland vor wenigen Wochen.

Ein Zugang noch in diesen letzten Tagen der Transferperiode erscheint unwahrscheinlich. In der Qualitätsklasse von Boateng wäre zum einen kein Spieler unter mindestens 40 Millionen Euro zu haben. Und zum anderen dürften alle grundsätzlich in Frage kommenden Spieler bereits in der Gruppenphase der Champions League eingesetzt worden sein und sind damit nicht spielberechtigt für die K.o.-Runde, die Mitte Februar beginnt.

Auch deshalb blieb Guardiola am Freitag in Hamburg noch relativ ruhig. "Wir haben ein Problem", gestand der Katalane da, "aber wir werden eine Lösung finden!" Die Bayern werden auf ihre Stärken vertrauen und sich bis ins Frühjahr auch so durchkämpfen.

Ende April stehen die Halbfinalspiele der Champions League an. Vielleicht kommen die Münchner ja so weit - um dann mit einem wieder gesunden Boateng das Triple doch noch in Angriff zu nehmen.