Der VfL Wolfsburg ist in bestechender Form und derzeit wohl eine der stärksten Mannschaft des Kontinents. Die Gegner in der Europa League haben es zwar in sich - die Wölfe scheinen trotzdem mehr als nur ein Geheimfavorit auf den Titel.

Es ist nun schon eine ganze Weile her, dass eine deutsche Mannschaft die Europa League oder ihren Vorgängerwettbewerb, den UEFA-Cup, gewonnen hat. Schalke 04 hat sich als letzter Vertreter der Bundesliga vor 18 Jahren in die Siegerliste eingetragen. Nicht nur im Fußball ist das eine gefühlte Ewigkeit - auch wenn die "Eurofighter" noch heute ein Begriff sind.

Wolfsburgs De Bruyne will Bayern den Titel nicht so einfach überlassen.

Den VfL Wolfsburg hatte vor Beginn der laufenden Spielzeit wohl niemand so recht auf dem Zettel, wenn es um die potenziellen Favoriten auf den Titel ging. Inter Mailand oder der AC Florenz? Vielleicht. Napoli, oder einer der Champions-League-Absteiger? Gut möglich. Der Titelverteidiger FC Sevilla, in den letzten neun Jahren gleich dreimal erfolgreich? Ganz sicher. Aber Wolfsburg?

Von der grauen Maus zum Favoriten

Der VfL hat sich in der Gruppenphase allerdings nicht in die Rolle gedrängt, in die ihn mittlerweile eine ganze Reihe von Experten stecken will. "Wir sind gegen Wolfsburg klarer Außenseiter, das ist eine Top-Mannschaft und für mich einer der Favoriten auf den Titel in diesem Jahr", sagt Marco Silva. Der ist Trainer von Sporting Lissabon und Gegner der Wölfe im Sechzehntelfinale.

Dass jetzt die direkten Kontrahenten bereits vier Spielrunden vor dem Finaltermin am 27. Mai in Warschau den VfL in neue Sphären loben, ist zumindest auffällig. Wolfsburgs Siegeszug durch die Bundesliga, die Demonstration gegen die Bayern im weltweit übertragenen Eröffnungsspiel der Rückrunde und die sportliche Leistungssteigerung in den letzten Monaten machen aus der grauen Maus einen ambitionierten Wettbewerber.

Wolfsburgs starker Kader und dessen Tiefe sind ein Argument. Die Wölfe bringen ein unglaubliches Offensivpotenzial aus den Platz, Einzelkönner wie Kevin de Bruyne, Andre Schürrle oder der erstarkte Bas Dost müssen sich in der Europa League ganz sicher nicht vor der Konkurrenz verstecken. Eher im Gegenteil: Wolfsburgs Angriffsmaschine läuft auf Hochtouren. Nach der Winterpause hat der VfL im Schnitt 3,25 Tore pro Spiel erzielt. Dost und De Bruyne laufen derzeit regelrecht heiß.

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Von den verbliebenen 32 Mannschaften in der Europa League spielt keine andere derzeit einen ähnlich gefährlichen Fußball wie der VfL. Zudem kann Trainer Dieter Hecking fast aus dem Vollen schöpfen. Bis auf Ivan Perisic ist die Mannschaft in der Rückrunde von Verletzungssorgen verschont geblieben. Die Tiefe im Kader erlaubt es auch, die beiden im Hinspiel gegen Sporting gesperrten Luiz Gustavo und Joshua Guilavogui nahezu adäquat ersetzen zu können.

Wolfsburg ist als Mannschaft gewachsen und als Kollektiv gestärkt. Sportliche Rückschläge steckt die Mannschaft mittlerweile gut weg. Und der Tod von Mitspieler Junior Malanda hat das Team vor dem Start in die heiße Phase der Saison zusätzlich zusammengeschweißt.

Darüber hinaus sind zehn der elf momentan gesetzten Stammspieler schon länger im Verein und kennen die Abläufe im Schlaf. Lediglich Winter-Zugang Andre Schürrle muss sich noch ein wenig einfügen. Über die Qualitäten des Weltmeisters dürfte es indes keine Diskussionen geben.

Schwächen in der Defensive

"Jeder Spieler hat das Ziel, Titel zu holen", sagt Schürrle in Anspielung auf die Chancen seiner neuen Mannschaft in der Europa League. Der 24-Jährige weiß aber genau, dass es bis Warschau noch ein langer Weg ist. Im besten Fall stehen Wolfsburg noch acht K.o.-Spiele bis zum Finaltermin ins Haus, "in der Zeit kann jede Menge passieren."

Auf Dauer wird sich Wolfsburg in der Defensivbewegung steigern müssen. Nicht immer enden Spiele wie das am Wochenende in Leverkusen mit einem positiven Ergebnis. Die K.o.-Runde mit potenziellen Gegnern wie der Roma, Liverpool, Ajax oder Tottenham verzeiht solche groben Fehler in der Defensive nicht. Und irgendwann wird sich auch mit dem besten und tiefsten Kader das Thema der Dreifachbelastung stellen.

Die Liga mit dem Kampf um die Champions-League-Plätze genießt oberste Priorität, dazu steht der VfL noch im Achtelfinale des DFB-Pokals. Die Europa League kommt gefühlt erst an dritter Stelle. Die Mannschaft kennt das Gefühl, ständig englische Wochen spielen zu müssen, nicht. Und die Intensität der Wettbewerbe wird auch ziemlich sicher nicht spurlos am einen oder anderen Leistungsträger vorübergehen.

Mit ein bisschen Losglück ist der ganz große Wurf in diesem Jahr aber absolut möglich. Verstecken muss sich der VfL in der momentanen Verfassung vor keinem Gegner. Die Chancen auf einen deutschen Sieger in der Europa League scheinen so groß wie schon lange nicht mehr.