Nach dem Aus gegen Juventus Turin im Halbfinale der Champions League steht Real Madrids Trainer Carlo Ancelotti im Kreuzfeuer der Kritik. Der Italiener steht offenbar vor dem Rauswurf - als Nachfolger wird Jürgen Klopp heiß gehandelt. Aber würde das überhaupt passen?

Eigentlich war vorher bereits alles klar. Real Madrid, in einem Europapokal-Halbfinale, gegen eine italienische Mannschaft - das kann einfach nicht gut gehen. Dreimal flogen die Königlichen gegen eine Mannschaft aus der Serie A raus, Juventus Turin versetzte Real am Mittwoch den vierten Schock in Folge.

Das Ausscheiden gegen den italienischen Imperator setzte quasi mit dem Abpfiff eine Flut an Fragen in Gang. Wieso schafft es der Vorjahressieger erneut nicht, die Krone der Königsklasse zu verteidigen? Wieso gibt Real eine Viertelmilliarde Euro für ein Angriffsquartett aus, um dann von einem ehemaligen Jugendspieler der eigenen Akademie rausgekegelt zu werden? Und, es scheint spätestens seit Mittwochnacht die Frage aller Fragen: Wie lange kann sich Carlo Ancelotti jetzt noch im Traineramt halten?

Italiener ziehen nach Remis in Madrid ins Champions-League-Finale ein.

In der merkwürdigen Welt des Spitzenfußballs ist es ja oft so: Stürzt irgendwo ein namhafter Trainer bei einem der Top-Klubs, löst das eine Kettenreaktion aus. Dann werden Posten getauscht und es wird geschachert, Ablösesummen und Handgelder in schwindelerregender Höhe fließen - und am Ende sind wieder alle Stellen besetzt.

Nun hat sich von Real Madrid noch keiner der Bosse überhaupt zu irgendwelchen Gerüchten geäußert. Dass Ancelotti aber bereits vor dem Rückspiel gegen Juventus angeschossen war, ist schon längst kein Geheimnis mehr. Jetzt wird der Italiener nach dem Aus in der Champions League und im Pokal und bei vier Punkten Rückstand in der Meisterschaft auf Barcelona wohl ohne Titel in dieser Saison bleiben. Der ebenso ehrgeizige wie wankelmütige Präsident Florentino Perez hat schon in erfolgreicheren Phasen des Klubs den Daumen bei seinem ersten Angestellten gesenkt.

Ein Pöhler bei den Königlichen?

Und weil es gar so einfach ist und so perfekt zueinander passt, wird auch bereits ein möglicher Nachfolger ins Gespräch gebracht. Einer, der anders als der Stoiker Ancelotti die Massen mobilisieren und emotionalisieren kann, der eine raumfüllende Aura besitzt, dazu Eloquenz und ein großes Maß an Respekt und Reputation. Und als i-Tüpfelchen: Der zufällig bald auf dem Markt sein und keine Ablöse kosten wird.

Jürgen Klopp ist sofort und bislang ohne Konkurrenz in eine Verlosung gerutscht, die noch gar nicht offiziell angemeldet ist. "Ich kann nur sagen, dass Carlo Ancelotti ein absoluter Top-Trainer ist", sagte Toni Kroos nach dem Juventus-Spiel und man konnte ihm seine Worte auch abnehmen. "So, wie wir heute gespielt haben, kann kein schlechter Trainer an der Seitenlinie gestanden haben. Das wissen hoffentlich alle." Es mag sein, dass Kroos aus inhaltlicher Sicht recht hat. Am Ende zählt aber gerade in einem Klub wie Real Madrid Silberware. Und die kann Ancelotti in dieser Saison (wohl) nicht mehr besorgen.

Für einen englischen Journalisten wird Klopps Rücktritts-PK zum Albtraum.

Nun also Klopp? Der Typ im Trainingsanzug und mit der Pöhler-Kappe. Der so herrlich ausrasten kann im Glutofen Westfalenstadion. Der eine No-Name-Truppe zu zwei deutschen Meistertiteln, einem Pokalsieg und ins Champions-League-Finale getrieben hat. Der Fußball malochen lässt.

So einer soll Real Madrid übernehmen? Die Königlichen? Den schillerndsten Klub der Welt mit den teuersten Spielern der Welt und einem Publikum, das nicht nur Erfolge einfordert, sondern auch hinreißenden, perfekten Fußball. Klinisch, sauber, blütenweiß. Tradition verpflichtet nun einmal.

Jürgen Klopp: Spanien oder England?

Auf den ersten Blick passt das nur schwierig zusammen. Klopp hat sich ein anderes Image aufgebaut als das, was in Madrid von einem Trainer verlangt wird. Er hat als mögliche Auslandsstation eher noch mit einem Verein in der Premier League kokettiert - auch, weil er der englischen Sprache mächtig ist.

Klopp hat immerhin aber auch die außergewöhnliche Fähigkeit, dass er mit seinen Spielern als strenger Vorgesetzter sprechen, auf der anderen Seite aber auch ein Kumpeltyp sein kann. Nur: Bisher hat er das fast ausnahmslos mit anfangs unfertigen, jungen Spielern vollführt. In Madrid sind selbst die notorischen Bankspieler kleine Sternchen; und auf dem Platz stehen elf Welt-Stars.

Noch sind das alles nur haltlose Gerüchte. Aber ist so ein Gerücht gerade in der Fußballbranche erst einmal im Umlauf, hat die Wahrheit dagegen schwer anzukämpfen. Und nicht nur in Teilen der deutschen Medien kristallisieren sich erste Tendenzen in Richtung Jürgen Klopp als Ancelotti-Nachfolger heraus. Längst hat auch Reals Leib- und Magenpostille "Marca" den Deutschen als Spekulationsobjekt entdeckt.

Zuzutrauen wäre es Klopp. Er bringt das nötige Wissen und auch das Selbstvertrauen mit, es mit einem Klub dieser Größenordnung aufzunehmen. Und nach dem BVB und nachdem in München der Trainerposten noch mindestens ein Jahr besetzt bleibt, gibt es für einen wie ihn nicht mehr viele größere Optionen. Die eigentlich entscheidende Frage ist, ob sich Real Madrid auf einen Trainer wie Jürgen Klopp einlassen wollen würde. Und ob Carlo Ancelottis Tage wirklich bald gezählt sind. Noch ist der 55-Jährige ja im Amt.