Am Abend tritt Jürgen Klopp zu seinem bislang wichtigsten Spiel als Trainer des FC Liverpool an: Es geht um den Einzug ins Ligapokal-Finale - und damit indirekt um seinen ersten Titel. In den anderen Wettbewerben wird das deutlich schwieriger.

Jürgen Klopp kann Wembley schon sehen. Wenn ihn denn seine Sehschwäche nicht davon abhält. Das aufwühlende 5:4 seines FC Liverpool bei Norwich City hatte bekanntlich Folgen für Klopp und seinen Optiker. Im Jubelschwall ging die Brille zu Bruch, und natürlich provozierte die Kuriosität einen Klopp-typischen Lacher: "Ich habe eine zweite Brille dabei, aber kann sie ohne Brille nicht finden..."

Erinnerungen an Dortmund gegen Bayern

Sollte er die Sehhilfe wieder parat haben vor dem Halbfinal-Rückspiel im Ligapokal, könnte er den Finalort verstohlen beäugen. Das Endspiel steigt in Wembley, das gewissermaßen die Brutstätte des Fußballs ist und für Klopp unbehagliche Erinnerungen bereithält: Dort verlor er 2013 mit Borussia Dortmund das Champions-League-Finale gegen den FC Bayern.

Liverpool-Trainer sorgt im Internet ab sofort für noch mehr Furore.

Jetzt die Rückkehr? Stoke City heißt die letzte Hürde auf dem Weg nach Wembley, wo der 48-Jährige seinen ersten Liverpooler Titel holen könnte. So kommt dem kleinsten zu gewinnenden Wettbewerb plötzlich eine rasante Wertsteigerung bei - zumal die Aussichten auf weitere Pokale vage bis unrealistisch sind. Ein Überblick.

Ligapokal:

Klopp hat Erfahrung mit Spielen, die sie auf der Insel als "do or die" bezeichnen, sprich: siegen oder scheitern. Beim BVB kreuzte er häufig die Klingen, wenn es eng wurde, meistens beantwortete er das "do or die" mit einem deutlichen: do.

Niederländer will bei ManUtd hinwerfen. Man lässt ihn jedoch nicht.

"Das einzige Problem war, dass wir ständig gegen Bayern spielen mussten. Aber wenigstens kann das dieses Jahr nicht passieren", scherzte Klopp vor seiner bislang wichtigsten Aufgabe als LFC-Coach. In Stoke gewann seine Elf 1:0, die Basis stimmt, die Tür steht offen.

Im zweiten Match der Vorschlussrunde trifft Everton auf Manchester City, die "Toffees" verwalten einen 2:1-Vorsprung und wären auf dem Papier der "leichtere" Kontrahent für Liverpool. Wobei ein Merseyside-Derby freilich Brisanz aufweisen würde.

Prognose: Mit Dortmund hat Klopp seine letzten drei Finals verloren (CL 2013, DFB-Pokal 2014 und 2015), doch diese Chance ist zu einmalig, um sie zu verschleudern. Liverpool kann‘s packen!

Titel-Wahrscheinlichkeit: 70 Prozent

Premier League:

In der heimischen Liga ist Liverpool Siebter, drei Punkte hinter dem Fünften Manchester United - dieser Platz berechtigt zur Teilnahme an der Europa League.

Generell gilt eine Floskel, die alle Phrasenschweine zum erregten Quieken bringt: Der Angriff gewinnt Spiele, die Abwehr Meisterschaften. Bei den "Reds" ist beides ausbaufähig, deshalb treten sie seit Wochen auf der Stelle.

Das 5:4 in Norwich bündelte eigentlich alles, was den Sport ausmacht, aber halt auch, was Liverpool regelmäßig zurückwirft. "Langweilig ist nicht so cool", weiß Klopp, sein Stil prägt, doch in Norwich erkannte die "Times" eine Defensive "an der Grenze zur Lächerlichkeit".

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Die kuriosen Verletzungen der Fußballer

Bei manchen Fußballern fragt man sich schon, ob sie alltagstauglich sind.

Die "Sun" richtete noch rigoroser: "Dieses Spiel hat gezeigt, dass Liverpool in dieser Saison keine Titel gewinnen wird, weil die Unfähigkeit beim Verteidigen von Standardsituationen das Team dazu verurteilt."

Für eine Attacke auf die Spitze ist Liverpools Aufgebot (noch) zu unausgewogen und unreif; die Verletzungsmisere beschleunigte die Entwicklung nicht gerade. Bereits im Herbst retournierte Klopp die Frage nach Meisterschaftsambitionen wie ein passionierter Tennisprofi: "Are you crazy!?"

Prognose: Selbst mit der Qualifikation zur Europa League wird es kritisch. Alternative wäre der Sieg im Ligapokal, dieser garantiert die automatische Teilnahme.

Titel-Wahrscheinlichkeit: 0 Prozent

FA Cup:

Peinlich genug, gegen den Viertligisten Exter City ins Wiederholungsspiel zu müssen. Eine totale Blamage blieb Liverpool schließlich erspart, 3:0 nach 2:2, Thema erledigt.

Dass es überhaupt soweit kam, lag an der Experimentierfreude des Trainers, der in Anbetracht des ohnehin ausgezehrten Kaders eine bessere Jugendauswahl nominierte - in beiden Partien. Dabei ist Klopp die Bedeutung des FA-Cups durchaus bewusst: "Wenn jemand glaubt, dass wir mit diesem Team spielen, weil wir den Bewerb für unwichtig halten, wäre es das größte Missverständnis der Welt!"

Wahnsinn in Norwich: Liverpool siegt bei Spektakel in der Nachspielzeit.

In der vierten Runde misst sich der LFC mit West Ham, davon abgesehen sind noch alle großen Namen in der Verlosung.

Prognose: Alles drin, nichts drin. Ein schlechter Tag - und das war‘s. Eine Kalkulation ohne Grundlage.

Titel-Wahrscheinlichkeit: 30 Prozent.

Europa League:

Liverpool schwingt sein Tanzbein nach wie vor auf vier Hochzeiten, europäisch wurde die Vorrunde mit Bordeaux, Sion und Kasan mehr oder minder souverän als Erster abgeschlossen.

Im Sechzehntelfinale fiebert der FC Augsburg dem Highlight seiner Vereinshistorie entgegen. Liverpool ist haushoher Favorit, aber dass ihnen diese Rolle nicht sonderlich behagt, zeigen Ergebnisse aus der Premier League: 1:2 gegen Crystal Palace, 0:2 bei Newcastle, 0:3 in Watford.

Zudem stellt die oft verschmähte Europa League ein ansprechendes wie anspruchsvolles Programm, mit ManUnited, Multi-Sieger Sevilla, Valencia oder Schalke. Gut für Klopp: In direkten Duellen eliminieren sich potentielle Anwärter, etwa bei Dortmund-Porto, Florenz-Tottenham, Sporting-Leverkusen, Villarreal-Neapel und Galatasaray-Lazio.

Prognose: Vorhersagen unmöglich, siehe FA-Cup. K.o.-Spiele enthalten ihren eigenen Reiz - und ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten. Wenngleich die Konkurrenz hier zu stark sein dürfte.

Titel-Wahrscheinlichkeit: 15 Prozent.