Die deutsche Nationalmannschaft startet ins EM-Jahr - mit Sorgen, wie eigentlich immer vor großen Turnieren. Kapitän und WM-Siegtorschütze sind momentan nicht zu gebrauchen. Doch damit nicht genug.

Und plötzlich waren die dunklen Gedanken wieder da. Vom Terror in Brüssel erfuhr die deutsche Nationalmannschaft bei der Vorbereitung auf den Test gegen England. Unverzüglich wurden die Sicherheitsmaßnahmen ums DFB-Team erhöht, die besten Fußballer der Republik haben da leider eine Vorgeschichte: Im November erlebten sie die Schreckensnacht von Paris in der Kabine des Stadions.

Es war der letzte Auftritt 2015, und es ist eine Fratze des Schicksals, dass das Wiedersehen erneut von außersportlicher Aufruhr umlagert wird. Der Weltmeister aber muss den Fokus so schnell wie zielgerichtet auf den Alltag lenken, auch wenn's schwer fällt - zunächst wartet England in Berlin, dann Italien in München.

"Vertrauen habe ich schon, aber..."

Im Prinzip wartet sogar viel mehr beim Aufgalopp ins EM-Jahr. Anfang Januar merkte Sami Khedira in der "Welt" an, dass Deutschland "in unserer aktuellen Verfassung keine Chance" auf den Titel hätte. Bundestrainer Joachim Löw betont, nach einer ungewohnt mühseligen Qualifikation "genau" zu wissen, "an welchen Stellen wir ansetzen müssen".

Innenband kaputt: Nationalspieler liegt schon wieder auf Eis.

Kritiker Khedira stimmt er trotzdem zu: "Wenn wir uns nicht verbessern, wird es schwer." Via "Kicker" regt der 56-Jährige schon einmal die Kader-Auslese an: "Vertrauen habe ich grundsätzlich schon, aber es gibt einen harten Konkurrenzkampf."

Was es noch gibt, sind ziemlich viele offene Fragen. Sprich: Einsatzgebiete für Baumeister Löw.

Tor: Der reinste Luxus

Nur ganz hinten, da dürfte er seine Ruhe haben. Gerät die Fußballwelt nicht komplett aus den Fugen, wird Manuel Neuer (29) wohl mindestens bis zur EM 2020 das deutsche Tor bewachen. Mit Marc-André ter Stegen, Bernd Leno und Kevin Trapp staut sich die Warteschlange, Ron-Robert Zieler ist profiliert, Timo Horn ambitioniert, Ralf Fährmann motiviert. Und so weiter. Die Engländer dürften ein paar neidische Blicke bereithalten...

Abwehr: Ein Königreich für einen Facharbeiter

Die Abwehr, eine sprudelnde Problemquelle. Jérôme Boateng (Muskelverletzung im Adduktorenbereich) und Benedikt Höwedes (Muskelfaser- und Sehnenriss im Oberschenkel) fehlen seit Januar, und falls sie in dieser Saison noch zurückkehren, geschieht es sehr spät. "Das beunruhigt mich nicht", kontert Löw vor seinem fünften Turnier als Hauptverantwortlicher.

Tatsächlich darf er Hoffnung aus der Vergangenheit ziehen: Vor der WM 2014 wurden Khedira und Bastian Schweinsteiger mehr oder minder lang vermisst, Löw hielt an ihnen fest, Ausgang bekannt. Ähnlich war's 2008 mit Christoph Metzelder und 2012 bei Per Mertesacker. Aber darf das, was früher gelang, vorbehaltlos als Blaupause herhalten?

Stuttgarter verteidigt Max Kruse - und wählt dabei heftige Worte.

Es muss fast. Neben dem gesetzten Mats Hummels wird es eng, Antonio Rüdiger trug den Adler erst siebenmal auf der Brust. Für England und Italien berief Löw den Debütanten Jonathan Tah, während Bayerns umgeschulter Joshua Kimmich öffentlich hofiert, aber bisher nicht nominiert wird. An ein Comeback des kantigen Robert Huth von Premier-League-Sensation Leicester glauben vermutlich bloß Nostalgiker.

Chronisch dünn besetzt ist das DFB-Team auf den Außen, links dürfte Jonas Hector auflaufen, obwohl Löw beim Kölner den Offensivdrang tadelt. Marcel Schmelzer und Erik Durm wären Ersatzkandidaten, bei der WM rückte ja Innenverteidiger Höwedes auf die neuralgische Stelle. Wiederholung nicht ausgeschlossen, entsprechende Gesundheit vorausgesetzt.

Auf der rechten Seite experimentierte der Bundestrainer lose mit Kevin Großkreutz, Sebastian Rudy, Matthias Ginter und Emre Can. In Brasilien erwies sich Shkodran Mustafi als bedingt tauglich, Can hat offenbar Vorsprung, Mitchell Weiser gilt als Option.

Mittelfeld: O Captain! My captain!

Für den "Independent" ist Schweinsteiger eine "Metapher dafür, wie tief Manchester United gefallen ist". Der Wechsel auf die Insel hat die Karriere des DFB-Kapitäns nicht angetrieben, sondern zusätzlich gehemmt. Schweinsteiger ist Löws heikelster Fall.

Ein Innenbandriss im Knie bremste den Helden von Rio, kürzlich kam er zurück, davor mahnte United-Coach Louis van Gaal jedoch, "mehr" zu erwarten. Schweinsteigers Pass- und Zweikampfwerte sind solide, fehlende Dynamik und mangelnde (Handlungs-)Schnelligkeit sind es nicht; der 31-Jährige macht einen trägen Eindruck.

Wolfsburg-Manager fordert "sofortige Veränderung seiner Lebensweise".

"Die Zeit ist noch gegeben, dass er dies in den nächsten Wochen aufholt", wirft Löw ein. Schweinsteiger selbst zweifelt zu "0,00 Prozent" an seiner EM-Beschaffenheit, und Löw trommelt: "Er schafft das! Er ist nach wie vor Weltklasse." Auf die Erfahrung von 114 Länderspielen vertrauen und darauf setzen, dass der Routinier noch einmal an der Top-Form kratzt - ganz schön mutig. Andererseits: Ein Kapitän auf der Bank - ganz schön mulmig.

Ist die Konkurrenz fit, wird es knifflig. Erst recht, nachdem sich Schweinsteiger zu allem Überfluss erneut verletzt hat.

Ilkay Gündogan brilliert, Toni Kroos und Khedira spielen auf konstant vernünftigem Niveau, einzig Christoph Kramer fällt ab. Potentielle Joker für die Zentrale sind Julian Weigl, Mahmoud Dahoud oder halt Kimmich, dann auf angestammtem Terrain. Tendenz: unwahrscheinlich.

Angriff: Maskottchen Podolski und ewiger Götze

Eine Baustelle der angenehmeren Art ist der Angriff. Der verhaltensauffällige Max Kruse hat sein Frankreich-Ticket wahrscheinlich vertändelt. Karim Bellarabi überzeugte zuletzt im Verein, genau wie Julian Draxler, wobei André Schürrle an diesem Unterfangen scheitert - seit zwei Jahren. Er wackelt.

Lukas Podolski hat 126 Länderspiele absolviert und dabei 48 Tore geschossen, was nicht kaschiert, dass er wie eine Reminiszenz an die verstaubte Post-Völler-Ära wirkt. Damals, vor Ur-Zeiten, als sich Deutschland unter Klinsmann und Assistent Löw für die Zukunft aufstellte. Bereits 2014 war Podolski eher Team-Maskottchen und als solcher fürs Karma zuständig. Reicht (ihm) das?

"Bild": Dortmund plant sensationelle Rückkehr des WM-Helden.

Bleiben die beiden Marios. Mit Ist-Zuständen, die so nicht abzuschätzen waren.

Mario Götze stagniert, ein Muskelsehnenrausriss kostete ihn Monate, Pep Guardiola kostet ihn Nerven. Jüngster Arbeitsnachweis: achtmal im Aufgebot, dabei siebenmal nicht berücksichtigt. "Seine Rolle in der Nationalelf ist momentan einfach größer als bei Bayern", beschwichtigt Hummels bei "dfb.de". Dennoch steht der WM-Siegtorschütze vor dem Dilemma, ohne Wettkampfpraxis auf Touren kommen zu müssen. Löw ist zwar Götze-Fan und wird ihm einen Kaderplatz freischaufeln - eine Verstärkung wäre er nach jetzigem Stand aber nicht.

Konträre Ansicht bei Mario Gomez, nach 21 Pflichtspieltoren für Besiktas. Der 30-Jährige ist ein klassischer Stoßstürmer, fürs Löw-System eigentlich obsolet, aber durchaus wertvoll. 25 Treffer in 61 Länderspielen verbucht der Modellathlet, der Einsatz vom November war sein erster seit Herbst 2014. Und es war in Paris. Dort findet am 10. Juli das Finale statt.